Evangeliumkommentar: Warum Lamm Gottes?

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Paul Burtscher, Pfarrer von Bildstein und Schwarzach.
Sonntagsevangelium
In jener Zeit sah Johannes der Täufer Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt! Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. Auch ich kannte ihn nicht; aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, damit er Israel offenbart wird. Und Johannes bezeugte: Ich sah, dass der Geist vom Himmel herabkam wie eine Taube und auf ihm blieb. Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.
Johannes 1,29-34
Warum Lamm Gottes?
„Das ist ein schlauer Fuchs“, sagen wir. „Das ist eine lahme Ente“ oder mitleidvoll: „Du armer Hund“; weniger freundlich „du dumme Gans“; oder bewundernd „bärenstark“, „bienenfleißig“. Ein ganzer Zoo tut sich auf in unserer Sprache. Wir übertragen besondere Eigenschaften der Tiere auf Menschen, um sie zu charakterisieren. Tierzeichen gibt es für Sterne, für Nationen, sogar für Familienwappen.
Wie sollen wir das einordnen, wenn Johannes der Täufer über Jesus sagt: „Seht, das Lamm Gottes …?“ Es klingen Sprachbilder aus dem biblischen Buch des Jesaja an: „Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, so tat er seinen Mund nicht auf“, heißt es da (Jesaja 53,7). In der Gestalt des Gottesknechtes beschreibt Johannes die Lebensaufgabe des Jesus. Und Jesus hat sich darin wiedergefunden. Er versetzt sich in dieses Lamm, setzt sich damit leidenschaftlich aufs Spiel, um die Allgewalt des Bösen zu durchbrechen: „Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ Seht den, der aus Liebe zu Gott und zu den Menschen die Schuld aller auf sich nimmt und auf sich sitzen lässt, obwohl er selber unschuldig ist. Er ist einer, der alle Last der Welt trägt.
Die Juden feiern jedes Jahr das Paschafest (so wie wir das Osterfest), an dem ein Lamm geschlachtet und in der Familie gegessen wird. Dieses Lamm erinnert an den Auszug des Volkes aus Ägypten. In jener Nacht wurde ein einjähriges männliches Lamm geschlachtet, das Blut an die Türpfosten gestrichen und das Mahl hastig verzehrt, um dann in die Freiheit zu ziehen, die Gott schenkt.
Auch darauf will Johannes mit dem Titel „Lamm“ für Jesus hindeuten. Zu den besonderen Eigenschaften eines Lammes zählen, dass es sanft, zutraulich und gewaltlos ist. Wenn wir das Leben und Sterben Jesu betrachten, stellen wir Ähnliches fest. Jesus hat wehrlos und in der Haltung der Liebe den Tod erlitten und wurde am dritten Tag als das siegreiche „Lamm Gottes“ auferweckt.
Deshalb beten oder singen wir in jeder Heiligen Messe das Lamm Gottes (Agnus Dei) als unsere Überzeugung, dass die ohnmächtige und zugleich starke Liebe Jesu am Kreuz für uns alle die Sündenvergebung erwirkt hat. Das ist die erlösende Botschaft von Ostern.
In vielen Messgesängen wird das Agnus Dei sehr feierlich gesungen, manchmal innig, zart, oder auch siegesgewiss und voller Freude. Es wird darin um Erbarmen gefleht, und vor allem um den ersehnten Frieden: Dona nobis pacem – Gib uns deinen Frieden! Dabei bricht der Priester in der Messfeier die Heilige Hostie und zeigt sie der Gemeinde mit diesen Worten: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt“. Diese Einladung zum Kommunionsempfang ist die Kurzbotschaft Jesu an uns. Sie drückt aus, dass uns in ihm volle Vergebung und das Heil der Welt geschenkt ist. Das war Ziel und Kern seines Auftrags: Für uns das Lamm Gottes zu sein! Dass er Sohn Gottes ist und erfüllt vom Heiligen Geist, klingt in dieser Bezeichnung mit an.
Als Christen sollen wir in den Spuren Jesu gehen. Das heißt, dass wir Merkmale von diesem Lamm Gottes uns zu eigen machen. Zum Beispiel können wir im Blick auf Jesus lernen, wie wir täglich lieben, wie wir sanftmütig, gewaltfrei und mit mehr Vertrauen unsere Beziehungen mit den Nächsten gestalten sollen.
Jesus, das Lamm, das sich Gott und den Menschen ganz hingibt, ist Maßstab und Halt für unser Menschsein.
