Mega-Wirtschaftsraum bleibt umstritten

Nach mehr als 25 Jahren zäher Verhandlungen haben die Europäische Union und die Mercosur-Staaten am 17. Januar ein umfassendes Partnerschafts‑ und Handelsabkommen unterzeichnet. Vorgesehen ist die Schaffung einer Freihandelszone mit über 700 Millionen Menschen, die Europa mit den Staaten des Mercado Común del Sur – des „Gemeinsamen Markt des Südens“ – verbindet.
Politisch ist das Abkommen jedoch noch nicht in trockenen Tüchern. In den kommenden Wochen muss das Europäische Parlament über seine Zustimmung entscheiden. Mehrere Abgeordnete wollen den Europäischen Gerichtshof einschalten. Das könnte die Ratifizierung um Monate oder sogar Jahre verzögern. Während europäische Landwirte protestieren und vor wachsendem Wettbewerbsdruck durch günstigere Agrarimporte warnen, blicken andere Wirtschaftszweige mit großen Erwartungen auf neue Geschäftschancen.
Ziel des Abkommens ist es, auf beiden Seiten des Atlantiks wirtschaftliche Impulse zu setzen. Kernstück ist der schrittweise Abbau von mehr als 90 Prozent der Zölle auf Industrie-, Agrar- und Dienstleistungsgüter. Für europäische Unternehmen bedeutet das einen besseren Marktzugang zu Südamerika. Die EU-Kommission rechnet mit jährlichen Zolleinsparungen in Milliardenhöhe und neuen Absatzchancen in einer dynamisch wachsenden Region.

Besonders profitieren exportorientierte Unternehmen. In der Automobilindustrie entfallen Zölle von bis zu 35 Prozent, was die Wettbewerbsbedingungen für Hersteller wie VW oder BMW deutlich verbessert. Auch Unternehmen aus Maschinenbau sowie der Elektro‑ und Elektronikindustrie – etwa Siemens, Bosch oder ABB – zählen zu den Gewinnern, da bisherige Zölle von 14 bis 20 Prozent wegfallen. Ähnliche Effekte ergeben sich für die Chemie‑ und Pharmaindustrie, etwa für BASF, Bayer oder Novartis. Hier entfallen Zölle von bis zu 18 Prozent, zudem sollen einheitlichere Zulassungsregeln den Marktzugang erleichtern. Profitieren sollen auch kleine und mittlere Unternehmen: Schon heute exportieren rund 12.500 deutsche KMU in die Region, für sie sinken Kosten und bürokratische Hürden. Auch Dienstleistungsbranchen wie Logistik, Telekommunikation und Finanzdienstleistungen sowie Unternehmen aus der Energie-, Rohstoff- und Umwelttechnologie sehen neue Chancen.
Umstritten bleiben jedoch die ökologischen Folgen: Kritiker befürchten zusätzlichen Druck auf sensible Ökosysteme in Südamerika und steigende CO₂-Emissionen durch den wachsenden globalen Warenverkehr.
Christof Flatz
