Ruckidiguu Ruckidiguu – es drückt der Schuh

Auf Sneakers, Turnschuhen und eher flacher Fußbekleidung wandere ich durch mein Leben. Meine Zeiten der körperlichen Streckung durch erzwungenes Stehen und Gehen auf Zehenspitzen sind schon lange vorbei. Als Jungspunt und Frischling auf den nächtlichen und täglichen Pfaden habe ich mir noch ab und an gedacht, dass es der Hübschheit wegen super ist, wenn man auf hohen Absätzen klappert. Das ging, ehrlicherweise, nicht lange. Bequemlichkeit und die Befürchtung, mein Fuß würde sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Dreieck formen, hielten mich davon ab, mir allzu oft Stöckelschuhe anzuziehen.
Nun war es anlassbedingt wieder einmal vonnöten, mich bedarfskonform in solches Trippelschuhwerk zu zwängen. Okey, wenn ich ehrlich bin: Ich wollte es auch. Selbstverständlich hätte ich auch mit passenden Glamour-Glitter-Sneakern erscheinen können, aber irgendwie war mir wieder danach, charmante Pumps mit Abendgarderobe auszuführen.
Gesagt, getan. Irgendwo im hintersten Winkel meines Schuhkastens befanden sich noch nahezu unberührte Schuhe für den Ausgang. Hineingeschlüpft bin ich, und sie passten noch immer wie angegossen – wie Cinderella fühlte ich mich. Selbstverständlich blendete ich dabei aus, dass mein Fuß seit 34 Jahren nicht mehr wächst und er mir „no na ned“ passen wird, auch fünf Jahre nach dem Kauf. „Jö, die sind sogar superfein!“, trällerte ich und stolzierte durchs Wohnzimmer. Was habe ich bloß gegen Stöckelschuhe?
Voller tänzerischem Tatendrang zog ich mit meinem Lieblingsmenschen hinaus in die Nacht. Um Mitternacht musste ich – ebenso wie Cinderella – nach Hause. Aber nicht, weil sich mein Auto in einen Kürbis verwandeln würde, sondern weil meine Beine so dermaßen schmerzten, dass ich kurz davor war, mich barfuß auf den Weg zum Parkplatz zu machen. Ich stützte mich nicht besonders grazil auf meinen Lieblingsmenschen und hörte es in den kalten Baumwipfeln zirpen: „Ruckidiguu, Ruckidiguu, Blut ist im Schuh…“
Jeder Schritt war eine einzige Qual, meiner Untrainiertheit im Tragen von hohen Absätzen geschuldet. Drei Tage später schmerzten mir noch die Sohlen und Zehen. Die Schuhe sind jetzt wieder im zeitlosen, schwarzen Loch meines Schuhkastens gelandet. Mit heutigem Standpunkt gehe ich davon aus, dass ich sie das nächste Mal ans Tageslicht bringe, wenn ich mich würdevoll und ungefragt dabei auf einem Rollator aufstützen kann: mit 99 Jahren.