“Diese Katastrophe hat mich nicht mehr losgelassen”

Der Reaktorunfall in Tschernobyl hat den früheren Kommunal- und Landespolitiker Hans Kohler geprägt. Nach einem Besuch in der Sperrzone im Jahr 1992 schwor er sich, etwas für die betroffenen Menschen zu tun. Bis heute lassen ihn die Eindrücke nicht los.
Wissen Sie noch, was Sie am 26. April 1986 gemacht haben?
Hans Kohler: Nein, aber ich erinnere mich, dass es relativ rasch hieß, man solle aufpassen, nicht ins Freie gehen und nicht im Sandkasten spielen. Diese Warnungen sind mir im Gedächtnis geblieben. Das ganze Ausmaß der Katastrophe, vor allem für die Region um Tschernobyl, wurde erst viel später klar.
Sie sind 1992 erstmals nach Belarus in die Sperrzone gereist. Was ist Ihnen da besonders in Erinnerung geblieben?
Kohler: 1992 war für mich ein Schlüsselerlebnis. Marianne Mathis (Anm.: Frühere stv. „VN“-Chefredakteurin und Leiterin der Aktion „Vorarlberg hilft Strahlenopfern“, 2015 verstorben) kam damals zu mir und erzählte von einer Stadt in Weißrussland, fast so groß wie Rankweil, in der es keine Hilfsaktion gab. So entstand die Idee, Unterstützung zu leisten, zunächst mit einer Lieferung von Sämereien. Vor Ort bin ich dann auch in die betroffenen Gebiete gefahren. Besonders eindrücklich waren die verlassenen Dörfer rund um Kostiukowka. Ich erinnere mich an eine leerstehende Schule, auf der die Jahreszahl 1989 geschrieben stand. Man sagte mir, dass man die Schule noch fertig gebaut hat. Das heißt, die Bewohner wurden noch einige Jahre über die Gefahren im Unklaren gelassen. Erst als in Minsk Wohnraum geschaffen worden war, konnten die Menschen übersiedeln. Ganz anders als in Prypjat, damals eine sowjetische Stadt, etwa zehn Kilometer von Tschernobyl entfernt. Dort wurden die Menschen wenige Tage nach der Katastrophe innerhalb weniger Stunden abgesiedelt. Als ich zurückgeflogen bin, hatte ich Tränen in den Augen und habe mir geschworen, etwas zu tun.

Und was haben Sie getan?
Kohler: Wir haben beispielsweise Tischlereien und eine Kfz-Werkstätte errichtet, Jugendprojekte umgesetzt und Computer für Schulen organisiert. Da gäbe es eine Menge zu erzählen. Auch zwei Hochzeiten gab es, zwischen Weißrussinnen und Rankweilern (lacht).
Einige Jahre später, im Jahr 2007, waren Sie dann in Tschernobyl und auch in Prypjat, wo der wohl traurigste Vergnügungspark der Welt steht, ein Sinnbild für die abrupt zerstörten Existenzen und Pläne der Stadtbewohner.
Kohler: Ich war damals im Landtag, das Thema war mir ein großes Anliegen. Es ist gelungen, eine energiepolitische Exkursion zu organisieren, mit je zwei Vertretern pro Fraktion. Auch Vertreter der Illwerke waren dabei, unter anderem der damalige Chefingenieur. Wir sind zunächst nach Kiew gereist und haben dort das Tschernobyl-Museum besucht. Das hat einen sehr eindrücklichen ersten Zugang geschaffen, vor allem zur Stadt Prypjat und zum Ablauf der Katastrophe. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Film: Buskolonnen fahren in die Stadt, die Menschen steigen ruhig ein, jeder mit einem kleinen Koffer, in der Annahme, bald wieder zurückzukehren. Diese Bilder waren sehr beklemmend. Vor Ort, in Tschernobyl und Prypjat, war es dann vor allem die Stille, die auffiel. Wenn man dort steht und weiß, was da passiert ist und welche Folgen das Ganze hatte, wird man selbst still. In der Gruppe herrschte eine sehr gedrückte Stimmung. Ja, und der Vergnügungspark in Prypjat war besonders eindrücklich. Das Riesenrad steht steht für Kinder, für Freude und für all das, was abrupt zerstört wurde. Dieses Bild hat sich eingeprägt.

Zur pERSON
Hans Kohler
Jahrgang 1947, leitende Stellung in der Privatwirtschaft, ab 1990 Bürgermeister der Marktgemeinde Rankweil und ab 1994 Landtagsabgeordneter, beides bis 2008. Engagement als Wahlbeobachter der OSCE und in Entwicklungsprojekten in Belarus, Ukraine, Montenegro und Moldawien. Als passionierter Schwarz-Weiß-Fotograf mehrere Bildbände veröffentlicht.
Haben Sie vor Ort auch Menschen getroffen, die aufgrund der hohen Strahlenbelastung erkrankt sind?
Kohler: Natürlich. Wir waren in Krankenhäusern, auch auf Stationen mit Kindern, die an Schilddrüsenerkrankungen litten. Die Zustände dort haben sich eingebrannt. Ich sehe heute noch vor mir, wie im Schwesternzimmer auf einer einfachen Kochplatte Spritzen ausgekocht wurden – in Töpfen, wo das Emaille absplitterte. Bei einem Besuch in Gomel im Jahr 1992 hat es nachts an meiner Zimmertür geklopft. Jemand bat mich, ins Krankenhaus zu kommen. Dort lag ein deutscher Pastor im Sterben. Er wollte noch einmal mit jemandem auf Deutsch sprechen. Ich bin hingegangen und habe mit ihm geredet.
Wissen Sie noch, was er gesagt hat?
Kohler: Nein, das weiß ich nicht mehr (holt tief Luft).

Atomkraft wird als Brückentechnologie zur Klimaneutralität diskutiert und scheint derzeit eine Renaissance zu erleben. Wie stehen Sie dazu?
Kohler: Auch wenn die Technik heute sicherer ist, bleibt ein Restrisiko. Es gibt immer Faktoren, die wir nicht kennen oder unterschätzen. Fukushima ist ein Beispiel dafür. Man kann viel berechnen, aber nicht alles ausschließen. Das Einzige, was sicher ist: Absolute Sicherheit gibt es nicht.
Als „unfassbar sicher“ bezeichnete der Nuklearexperte Georg Steinhauser kürzlich in der ZIB 2 die Kernenergie. Der Professor für Angewandte Radiochemie an der TU Wien argumentierte unter anderem mit Todesfällen pro erzeugter Kilowattstunde und meinte, Solarenergie sei gefährlicher, weil jedes Jahr Menschen bei der Montage von Anlagen vom Dach stürzen.
Kohler: So dumme Sprüche fallen nicht einmal am Stammtisch nach dem fünften Bier. Ich denke dabei an einen Satz des ukrainischen Dichters und Politikers Boris Oljnyk. Sinngemäß fordert er, dass das internationale Strafrecht ergänzt werden sollte und jene, die die Wahrheit über Katastrophen wie Tschernobyl verschleiern oder verharmlosen, nach dem Vorbild der Nürnberger Prozesse weltweit verfolgt und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt werden sollten.

Österreich verfolgt eine strikte Anti-Atompolitik, die seit 1999 verfassungsrechtlich verankert ist. Das hat auch mit dem AKW Zwentendorf zu tun, dessen bevorstehende Inbetriebnahme im Jahr 1978 die Bevölkerung spaltete. Die ÖVP hat den Bau des Kraftwerks zwar in den 1960ern vorangetrieben, schließlich aber gemeinsam mit Umweltschützern dagegen mobilisiert, weil der damalige SPÖ-Kanzler Kreisky eine mögliche Ablehnung des AKW bei der Volksabstimmung mit seinem Rücktritt verband. Wie haben Sie abgestimmt?
Kohler: Dagegen, wie die meisten Vorarlberger.
Aus Überzeugung oder wegen der ÖVP-Linie? Sie waren damals ja schon seit gut zehn Jahren Parteimitglied.
Kohler: Ich glaube, beides hat eine Rolle gespielt. Ich war damals bei IBM, also in einem sehr technikaffinen Umfeld. Insofern war ich sicher kein überzeugter Atomgegner. Der bin ich erst seit Tschernobyl. Es war eher die damalige Situation. Man hat das Projekt als nicht sinnvoll, als Fehlentwicklung gesehen. Und Kreisky hat dann noch das Seine dazugetan.
Tschernobyl liegt im Nordern der heutigen Ukraine. Sie waren oft in der Region und jetzt herrscht dort Krieg. Wie geht es Ihnen damit?
Kohler: Ich leide sehr mit. Ich war in vielen dieser Orte, etwa in Cherson und in Nowa Kachowka beim Staudamm, der 2023 gesprengt wurde. Wenn ich heute die Bilder sehe, trifft mich das besonders. Auch in Moldawien haben wir Projekte begleitet. Palanka ist ein Grenzort zur Ukraine, nur etwa 70 Kilometer von Odessa entfernt. Das ist so, wie wenn man in Bregenz sitzt und Dalaas wird bombardiert. Da fühle ich mich auch nicht mehr wohl.
Sie waren auch Wahlbeobachter in Belarus. Verfolgen sie die Entwicklung des Staates? Lukaschenko ging 2025 nach einer Scheinwahl in seine siebte Amtszeit. Das Land gilt als letzte Diktatur Europas. Was sagen Sie zur Entwicklung dieses Landes?
Die Entwicklung ist dramatisch. Lukaschenko war immer schon Putins Vasall, heute ist das noch ausgeprägter. Belarus dient faktisch als Aufmarschgebiet für Putin. Besonders betroffen ist der Süden, die Region um Gomel, wo ich viele Kontakte habe. Diese Kontakte sind mittlerweile fast verstummt. Früher gab es Austausch, heute kommen nur noch knappe Grüße. Das Land ist weitgehend abgeschottet, der Umgang mit den Menschen erinnert an Zustände wie in Nordkorea. Unser letztes Hilfsprojekt haben wir dort 2010 umgesetzt, das waren zwei Solaranlagen für Schulen. Zu diesem Zeitpunkt war bereits eine gewisse Distanz spürbar, der Kontakt wurde weniger und die Offenheit nahm ab.
Anschließend haben Sie sich auf Entwicklungsprojekte in der Republik Moldau konzentriert. Was haben Sie dort konkret gemacht?
Kohler: Wir haben in Moldawien unter anderem 35 freiwillige Feuerwehren gegründet und über 80 Fahrzeuge bereitgestellt. Man muss sich die Ausgangslage vorstellen: In einer Region mit einer Bezirkshauptstadt mit etwa 20.000 Einwohnern und vielen umliegenden Gemeinden gab es nur eine einzige, schlecht ausgestattete Berufsfeuerwehr. Am Land gab es praktisch nichts. Wenn es gebrannt hat, konnte man oft nur noch hoffen, das Nachbarhaus zu retten. Für mich ist die Feuerwehr aber nicht nur Sicherheit, sondern vor allem Gemeinschaft. Ein Beispiel: In einem Dorf haben wir ein Feuerwehrauto gebracht und Freiwillige eingeschult. Ein Jahr später gab es dort eine Garage und einen Aufenthaltsraum. Der Bürgermeister sagte zu mir: Seit wir eine Feuerwehr haben, reden die Leute wieder miteinander. Für mich zeigt das, was Feuerwehr wirklich bedeutet: Sie schafft Gemeinschaft und Zusammenhalt.
Es folgen private Schwarz-Weiß-Fotos, die Kohler während seines Aufenthalts in Tschernobyl und Prypat angefertigt hat hat:













