Was verbirgt sich hinter der “Rape Academy”?

CNN enthüllt globale Telegram-Gruppen mit rund 1000 Mitgliedern, die K.-o.-Tropfen zum Verkauf anbieten und Anleitungen für Übergriffe an Frauen teilen. Die NEUE hat sich in Vorarlberg umgehört.
Sexuelle Gewalt ist ein Thema, das unsere Gesellschaft immer wieder aufrüttelt, und doch scheinen die Dunkelziffer und die Brutalität der Realität oft weit über das hinauszugehen, was sich einige Menschen eingestehen wollen. Während jährlich Tausende Fälle offiziell registriert werden, bleibt die psychische und physische Integrität, insbesondere von Frauen, ein täglich bedrohtes Gut. Doch was passiert, wenn Gewalt dort stattfindet, wo man sich am sichersten fühlt: mit dem Partner schlafend im Bett?
Die Normalisierung des Unfassbaren
Recherchen, wie jene von CNN über verborgene Telegram-Netzwerke (unter dem Decknamen “Zzz”), offenbaren eine erschreckende Schattenwelt. Dort tauschen sich ungefähr tausend Mitglieder über den Einsatz von Schlafmitteln und K.-o.-Tropfen aus, die sie zur gezielten Betäubung von Partnern oder Fremden verwenden. Die Grenze zwischen digitalem Austausch und schwersten Straftaten verschwimmt hier auf grausamste Weise: Videos von Übergriffen auf wehrlose Personen werden wie Handelsware getauscht und verkauft.
Auch auf großen Plattformen wie “Motherless” zeigt sich das Ausmaß der Entmenschlichung. Unter Kategorien wie “Sleep” finden sich 20.000 Aufnahmen, die dokumentieren, wie Menschen ohne jeglichen Konsens und unter dem Einfluss von Substanzen missbraucht werden. Diese Plattformen sind keine Nischen mehr, sondern sind Zeugnisse einer gefährlichen Normalisierung von Gewalt. Das zeigt sich besonders dadurch, dass im Februar 62 Millionen Klicks auf der Motherless seite im Februar gemacht worden sind.
Zwischen Ohnmacht und Aufschrei
Es stellt sich die dringende Frage: Wie reagiert unsere Justiz auf diese digitalen Abgründe? Wie ernst werden Opfer genommen, wenn die Tat im Verborgenen geschah? Und wie kann man sich in einer Gesellschaft sicher fühlen, in der solche Netzwerke existieren?
Die NEUE ist diesen Fragen nachgegangen und hat mit Menschen aus Vorarlberg über ihr Sicherheitsempfinden gesprochen und sich mit Angelika Wehinger aus dem Gewaltschutzzentrum in Feldkirch ausgetauscht, um Wege aus der Ohnmacht aufzuzeigen.

“Gefährliche Normalisierung”
Ich sehe Plattformen wie Motherless extrem kritisch, da das Problem für mich bereits bei der Denkweise anfängt. Wer sich solche Inhalte ansieht oder sich gezielt informiert, normalisiert diese Gewalt bereits im eigenen Kopf, selbst wenn die Taten nicht selbst ausgeführt werden. Die Anonymität im Internet spielt dabei eine große Rolle, da Menschen online viel mutiger agieren, wenn sie keine direkten Konsequenzen spüren. Gleichzeitig empfinde ich die Strafen für Delikte wie Vergewaltigung in Österreich als viel zu niedrig und nicht ausreichend abschreckend. Ein zentraler Grund für die Existenz dieser Netzwerke ist für mich der Kapitalismus. Solange diese Seiten Geld einbringen, wird moralisches Fehlverhalten oft ignoriert. Wer aktiv zusieht und sich entscheidet, nichts gegen das Unrecht zu unternehmen, ist für mich bereits ein Täter. Das gilt im Internet wie im Alltag. Wenn eine Gruppe wegsieht oder mitläuft, sind für mich alle verantwortlich. Da man potenziellen Tätern ihre Gesinnung nicht ansieht, fühle ich mich als Frau nie wirklich sicher. Zum Schutz poste ich nie öffentlich meinen Standort, sondern teile diesen nur privat mit meinem Freund, um ein sichereres Gefühl zu haben.
Angelina Mayer (23)

“Systematische Hilflosigkeit”
Ich habe mich mit Plattformen wie Motherless befasst und finde, dass viele Menschen durch Darstellungen in Medien und Spielen bereits stark desensibilisiert gegenüber sexuellen Grenzüberschreitungen sind. Wenn Opfer solche Taten melden, scheitert es meiner Meinung nach oft nicht daran, dass sie nicht ernst genommen werden, sondern an den rechtlichen Grenzen der Polizei. Ich finde, die Befugnisse der Ermittler müssten hier ausgeweitet werden, damit sich niemand hinter einer anonymen IP-Adresse sicher fühlen kann. In Vorarlberg meide ich es aus Angst so gut wie möglich, nachts alleine draußen zu sein, da ich keine einzige Frau kenne, die nicht schon eine unheimliche Begegnung mit einem Mann hatte. Für mich sind Produzenten solcher Videos zu 100 Prozent schuldig, aber auch der Konsum sollte strafbar sein, wenn man die Inhalte nicht meldet. Dass es diesen Markt überhaupt gibt, empfinde ich als krank und als Ausdruck eines bösartigen Machtgefühls. Während ich früher zur Selbstverteidigung einen Stein in der Tasche trug, nutze ich heute die Präsenz meines Freundes als eine Art Schutzschild zur Abschreckung.
Corinna Scheicher (24)

“Kranker Mainstream”
Ich glaube, dass die Reaktion auf Plattformen wie Motherless stark vom Alter abhängt. Während ältere Menschen oft schockiert sind, ist das Thema für Jüngere durch soziale Medien meiner Meinung nach beinahe “Mainstream” und normalisiert worden. Viele sind so desensibilisiert, dass sie solche Abgründe fast schon erwarten. Dass solche Videos existieren, wundert mich nicht, da es schon immer kranke Arten der Unterhaltung gab, die nun moderne Technologien missbrauchen. Es zeigt zudem, dass erschreckend viele Menschen solche Fetische teilen. Bezüglich der Strafverfolgung fürchte ich, dass Anonymität die Polizeiarbeit oft fast unmöglich macht. Ich hoffe jedoch, dass Behörden international genauso intensiv zusammenarbeiten wie die Täter in ihren Foren. In der Schuldfrage bin ich klar: Produzenten sind Täter, aber auch Konsumenten tragen Mitschuld. Sie füttern das System mit Klicks, denn ohne Nachfrage gäbe es keine Videos. Man sollte auch gegen Konsumenten härter vorgehen, um den Tätern die Kundschaft zu entziehen. Obwohl ich als Mann in Vorarlberg lebe, fühle ich mich nachts nicht bedingungslos sicher und vermeide bestimmte Situationen, da man gegen Gruppen oder bewaffnete Personen keine Chance hat.
Vincenzo Lanza (28)

Welchen Effekt hat der einfache Zugang zu tausenden Videos von realen Missbrauchshandlungen auf die Hemmschwelle potenzieller Täter?
Angelika Wehinger: Der einfache Zugang trägt zur Normalisierung sexualisierter Gewalt gegen Frauen bei. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass solche Übergriffe alltäglich, nahezu normal und in Teilen der Gesellschaft sogar akzeptiert sind. Patriarchale Rollenbilder spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie reduzieren Frauen zu Objekten, über die vermeintlich Kontrolle und Macht ausgeübt werden darf. Diese Normalisierung kann die Hemmschwelle potenzieller Täter senken, da Gewalt nicht mehr als klare Grenzverletzung, sondern als „normales Verhalten“ wahrgenommen wird.
Inwieweit schlagen Fälle, die ihren Ursprung auf Plattformen wie Motherless oder in einschlägigen Telegram-Gruppen haben, bereits in der Beratungsstelle in Vorarlberg auf? Gibt es solche oder ähnliche Fälle in Ihrer Praxis?
Wehinger: Derzeit gibt es in unserem Beratungsalltag kaum Berührungspunkte mit solchen Fällen. Diese Form der sexualisierten Gewalt ist besonders perfide und schwer zu erkennen, was für Betroffene die Hemmschwelle, Hilfe in Anspruch zu nehmen, zusätzlich erhöht.
Telegram-Gruppen mit ungefähr 1000 Mitgliedern zum Verkauf von Schlafmitteln zeigen eine neue Form der Kriminalität. Wie bewerten Sie diese organisierte Form der Anbahnung von Sexualstraftaten?
Wehinger: Der Einsatz von Schlaf-, Betäubungsmitteln bzw. K.O.-Tropfen in diesen Kontexten ist besonders gravierend, da er den Tätern einen vollständigen Zugriff auf die Frauen ermöglicht und sie in einem Zustand völliger Wehrlosigkeit versetzt. Die organisierte Anbahnung solcher Straftaten über Telegram-Gruppen verschärft die Situation zusätzlich. Es entsteht ein Raum, in dem sich Täter vernetzen, austauschen und gegenseitig in ihrem Handeln bestärken. Besonders erschreckend ist, dass die Täter häufig aus dem persönlichen Umfeld der Frauen stammen – etwa Ehemänner, Partner, Familienmitglieder. Gerade die Vertrauensbeziehung macht es den Betroffenen erheblich schwieriger, die erlittene Gewalt als solche zu erkennen und die traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten.
Wenn Schlafmittel so leicht über Messenger-Dienste verfügbar sind – was bedeutet das für die Präventionsarbeit des Gewaltschutzzentrums?
Wehinger: Wenn Betäubungsmittel so leicht verfügbar sind, bedeutet das für unsere Präventionsarbeit vor allem zweierlei: Wir müssen gezielt über diese perfide Form der Gewalt informieren und gleichzeitig für die Gefahren im digitalen Raum sensibilisieren. In Fällen, in denen Frauen unter Einsatz von Betäubungsmitteln missbraucht und vergewaltigt, dabei gefilmt und die Aufnahmen zur Ermöglichung weiterer Taten verbreitet werden, erreichen Gewalt und Vertrauensbruch eine neue, nahezu denkunmögliche Dimension – vor allem weil die Täter häufig aus dem nahen Umfeld stammen. Diese Dynamiken müssen wir in der Öffentlichkeitsarbeit, in Schulungen und Workshops stärker thematisieren. Es ist entscheidend, für Warnzeichen zu sensibilisieren: Dazu gehören etwa ein unerklärlich tiefer Schlaf, plötzliche Erinnerungslücken und unerklärliche Verletzungen. Ein geschärftes gesellschaftliches Bewusstsein ermöglicht es, erlittene Gewalt rascher zu erkennen und den Zugang zu Beratungseinrichtungen zu beschleunigen.
Reicht das aktuelle österreichische Strafrecht Ihrer Meinung nach aus, um Männer zu belangen, die solche Videos konsumieren oder in Chatgruppen Anleitungen und Substanzen teilen?
Wehinger: Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass sich insbesondere betreffend neuer Formen von sexualisierter Gewalt, die sich durch die Digitalisierung ergeben, Lücken im Strafrecht finden. Darüber hinaus braucht es aber einen grundlegenden Paradigmenwechsel im Sexualstrafrecht – weg vom „Nein heißt Nein“ hin zur klaren Verankerung des Konsensprinzips: “Nur ein Ja ist ein Ja“.
Wenn eine Frau befürchtet, im Schlaf missbraucht worden zu sein – wie sieht die Rettungskette in Vorarlberg konkret aus (Spital, Polizei, Gewaltschutzzentrum)?
Wehinger: Der erste und wichtigste Schritt ist die sofortige medizinische Versorgung. Betroffene sollten sich so rasch wie möglich in der Gynäkologischen Ambulanz des Stadtkrankenhauses Dornbirn untersuchen lassen. Das ist entscheidend, da Spuren – z. B. von K.O.-Tropfen – meist nur wenige Stunden nachweisbar sind. Die schnelle Spurensicherung ermöglicht es der Frau, anschließend in Ruhe über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Parallel dazu ist es wichtig, dass Betroffene im Gewaltschutzzentrum Vorarlberg Beratung und Unterstützung erhalten. Wir bieten einen geschützten Raum, um über das Erlebte zu sprechen und nächste Schritte zu planen. Wir informieren über die rechtlichen Möglichkeiten, auch bezüglich einer Anzeige bei der Polizei, klären über Abläufe auf und besprechen, was Betroffene realistisch erwarten können. Wenn eine Anzeige erstattet wird, können wir als Gewaltschutzzentrum die Betroffene im Rahmen der Prozessbegleitung während des gesamten Strafverfahrens begleiten und unterstützen. Es kann auch ein Rechtsanwalt oder eine Rechtsanwältin als juristische Prozessbegleitung beigezogen werden. Dieses Unterstützungsangebot ist für Opfer kostenlos. Unser Ziel ist es, Betroffene von Gewalt umfassend zu unterstützen und zu stärken.
Sie brauchen Hilfe?
Gewaltschuzzentrum Vorarlberg
Johannitergasse 6, 6800 Feldkirch
office.vorarlberg@gewaltschutzzentrum.at
Tel: +43 5 1755 535
Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt
Johannitergasse 6, 6800 Feldkirch
frauenberatungsstelle@ifs.at
Tel: +43 5 1755 536