*sZrGhy!gLOWow%$ – Mein Leben in Passwörtern

Manchmal frage ich mich, wann genau ich die Kontrolle über mein eigenes Leben an meinen Computer abgegeben habe. Früher war das überschaubar. Ich kannte die wichtigsten Telefonnummern auswendig, wusste meine Sozialversicherungsnummer und konnte meine Unterschrift leisten, ohne vorher einen Code eingeben zu müssen. Mehr brauchte ein Mensch eigentlich nicht, um durchs Leben zu kommen. Heute hingegen besteht mein Leben aus Passwörtern.
Für die Bank brauche ich eines. Für die E-Mails ein anderes. Für die Versicherung ein Drittes. Für die Gemeinde ein Viertes. Für den Stromanbieter ein Fünftes. Gefühlt besitze ich inzwischen 570 Passwörter für ebenso viele Internetseiten, bei denen man sich registrieren muss, um vollkommen alltägliche Dinge zu erledigen.
Ich möchte eine Rechnung ansehen? Passwort. Einen Termin vereinbaren? Passwort. Nachschauen, wo mein Paket steckt? Passwort. Das Erstaunliche daran ist allerdings, dass ich keines dieser Passwörter kenne. Mein Computer hingegen kennt sie alle. Er verwaltet sie sorgfältig, merkt sie sich zuverlässig und füllt sie in Windeseile ein. Ein kurzer Fingerabdruck genügt und sämtliche digitalen Tore öffnen sich. Dabei weiß ich nicht einmal mehr, wie diese Passwörter aussehen. Wahrscheinlich bestehen sie aus zwanzig Zeichen, sieben Zahlen und vierunddreißig Sonderzeichen. Erfunden hat sie selbstverständlich mein Computer selbst. Zu meiner Sicherheit, wie er mir immer wieder versichert.
Besonders rührend finde ich seine Fürsorglichkeit. Sobald ich es wage, auf zwei verschiedenen Seiten dasselbe Passwort zu verwenden, meldet er sich sofort zu Wort: „Dieses Passwort wurde bereits verwendet.“ Herrschaftszeiten. Natürlich habe ich dasselbe Passwort verwendet. Wie viele soll sich ein Mensch denn merken können? Die Sache hat allerdings einen Haken. Solange mein Computer funktioniert, fühle ich mich wie eine moderne, selbstständige Frau. Fällt er aus, wird mir bewusst, dass ich ohne ihn nicht einmal mehr auf mein eigenes Konto zugreifen könnte. Ich könnte keine E-Mails lesen, keine Dokumente unterschreiben und vermutlich nicht einmal beweisen, dass ich ich bin.
Wenn ich es genau überlege, bin ich gar nicht mehr die Hauptperson in diesem System. Ich bin lediglich der Fingerabdruck, den mein Computer gelegentlich benötigt, um seine Angelegenheiten zu erledigen. Und sollte irgendwann die künstliche Intelligenz die Weltherrschaft übernehmen, werde ich vermutlich nicht versklavt. Sie wird mich einfach freundlich bitten, mein Passwort einzugeben – das ich vergessen habe. Oder war es doch 1234?