Sieben Kilo Gelierzucker

Ich glaube, Marmelade kochen ist meine Form von Meditation. Andere sitzen stundenlang im Schneidersitz und versuchen, an nichts zu denken. Ich stehe mit einer Schüssel zwischen Sträuchern und denke ebenfalls an nichts. Außer vielleicht, wie ich den „Ohraschlüfa“ wieder aus meiner Schüssel voller Ribisel bekomme, ohne ihn berühren zu müssen.
Ribiselpflücken hat etwas ungemein Beruhigendes. Ast für Ast wird das Ribisel-Konglomerat abgetrennt und gekonnt in die vorbereitete Schüssel gestreift. Ratatatat. Zwischendurch landet eine im Mund. Logisch. Man muss wissen, was genau man demnächst verarbeitet. Und plötzlich ist es völlig egal, wie viele Mails noch unbeantwortet sind oder welche To-do-Liste daheim wartet. Zeit spielt keine Rolle.
Dann kommt der schönste Teil. Der Duft.
Kaum beginnt die Marmelade zu kochen, riecht das ganze Haus nach Kindheit. Nach Oma. (Und selbstverständlich gehört dazu Ribiselschaumkuchen. Mit einer Baiserschicht, die außen ganz leicht knistert und innen noch weich ist. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch mindestens einen Geruch besitzt, der ihn augenblicklich wieder zehn Jahre alt werden lässt. Einer von meinen ist der nach Ribisel und warmem Eischnee.)
Vielleicht mag ich das Einkochen auch deshalb so gerne, weil es eine dieser seltenen Tätigkeiten ist, die unglaublich schnell ein sichtbares Ergebnis liefern. Zwei Stunden später stehen die Gläser schon gefüllt mit warmer Marmelade im Regal. Ein kleiner Vorrat an Sommer für den Winter. Etwas Essenzielles. Essen. Haltbar gemacht. (und ich freue mich sakkrisch, wenn ich das abgekühlte Marmeladeglas auf den Kopf stelle und die Marmelade nicht von der Stelle rührt, ausser vielleicht ein wenig zittert, perfekt!)
Offenbar hat mich dieses Glücksgefühl dezent übermütig werden lassen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum inzwischen rund sieben Kilo Gelierzucker und weitere drei Kilo Sirupzucker bei mir zu Hause lagern. Man könnte meinen, ich bereite mich auf mehrere Wochen in einem Punker vor. Blöd nur, dass der Hagel inzwischen den Garten ziemlich leergeräumt hat. Auch das ist Natur.
Und nein – Früchte kaufen, um Marmelade zu machen, fühlt sich irgendwie falsch an. Für mich. Ich brauche den gesamten Kreislauf…
Hat zufällig einen Baum, der zu viele Marillen abwirft? Oder Quitten? Gibt es die in Vorarlberg überhaupt? Ringlotten vielleicht? Die habe ich zuletzt in Omas Garten gegessen. Als Marmelade. Und plötzlich hätte ich große Lust, diesen Geschmack wiederzufinden. Sieben Kilo Gelierzucker wären jedenfalls bereit.