Von der Silberbüchse im Dickicht

Geht das nur mir so? Wenn ich im Wald spazieren gehe, schweift mein Blick gerne in das mich umgebende Dickicht mit Nadelduft. Einerseits, weil ich immer mal wieder dem Sammelbedürfnis anheimfalle und gerne endlich einen riesigen Parasol oder einen stämmigen Steinpilz finden würde (um ihn dann mit heimzunehmen, zu braten, zu essen und im Anschluss eine Panikattacke zu bekommen, weil mein Hirn mir nicht vertraut und glaubt, doch versehentlich einen Knollenblätterpilz auf dem Teller gehabt zu haben) – andererseits aber auch, weil die fünfjährige Heidi in mir unbedingt einen schönen Ast entdecken will. Einen glatten, geraden, symmetrisch perfekten Holzstock, der sich geschmeidig – ich würde sagen, fast anmutig – in meine Handfläche schmiegt. Hat die kleine Heidi einen solchen gefunden, kommt aber dann doch das Erwachsenen-Ich durch. Was mache ich denn damit? Die Zeiten des Spielens, in denen sich der Ast auf wundersame Weise in Winnetous Silberbüchse verwandelt, sind vorbei. Also starre ich auf ihn, leicht wehmütig, als ob ich einen kleinen Teil meiner inneren Heimat verlassen müsste, und lege ihn wieder zurück ins Dickicht, in der Hoffnung, kleine Kinderhände finden ihn einmal und beseelen ihn mit ihrer Fantasie. Es gibt aber auch noch andere Dinge, die mir dieses kurze, freudige Gefühl aus der Kindheit aufflackern lassen, etwas in den Händen zu halten, das mehr ist als nur der ihm ursprüngliche Zweck. Eine dicke, gerade Kartonplatte, in der mein Kindheits-Ich alles Mögliche erkennt. Eine Puppenhauswand, eine Schablone, um ein Spielmesser für Dschungelabenteuer auszuschneiden, eine Leinwand für Malerei-Ideen oder den Beginn einer Pappkartonsammlung für ein Pappkartoneigenheim mit Kuschelfaktor. Dreh-und-Trink-Flaschen, leere Füllfederpatronen – insbesondere dieses kleine Kügelchen, welches sich in diesen befindet –, Kastanien, die weder essbar noch zu sonst zu irgendetwas zu gebrauchen sind, oder Moos. Ich kann mir bis heute nicht verkneifen, Kastanien aufzuheben oder über Moos zu streicheln und den Minifeenwald darin zu sehen. Irgendwo in uns drinnen ist, glaube ich, noch dieses kleine Ich, das in all den Dingen um sich herum das Großartige sieht. Vielleicht sollten wir ihm öfter erlauben, hervorzukommen und sich zu melden. Denn manchmal liegt das große Abenteuer im Kleinen. Den nächsten perfekten Stock werde ich vielleicht doch mit nach Hause nehmen. Nur vorsichtshalber. Man weiß ja nie, wann die kleine Abenteurerin in mir wieder eine Silberbüchse braucht.