Teilzeit ist nicht nur Frauensache

Wer an Erwerbsarbeit denkt und von Familienarbeit spricht.
Seit Montag liegt der aktuelle Vorarlberger Gleichstellungsbericht als weiteres Werkzeug auf meinem Tisch. Hat er Sie auch schon erreicht? Hat der Bericht Ihre Aufmerksamkeitsschwelle durchbrochen?
Eines Vorweg: der Bericht zeigt kaum Überraschungen, das schmälert aber nicht seinen Wert. Er zeigt, dass in Vorarlberg und Österreich noch mehr investiert werden muss, um Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen. Er legt neben den üblichen Analysen wichtige Details zum Thema Teilzeitbeschäftigung offen.
In qualitativen Interviews wurden Frauen über ihre Beweggründe zu und ihr Leben mit Teilzeitarbeit befragt. Das, was eine der Studienautorinnen in der Präsentation quasi nebenbei benennt, finde ich bemerkenswert: Die Teilnehmerinnen der Studie sprachen viel über die Familie, die Aufteilung von Sorge- und Hausarbeit und ein gutes Aufwachsen von Kindern, wenn sie zur Teilzeitbeschäftigung befragt werden. Sie sprachen kaum über die Erwerbsarbeit an sich, kaum über den Beruf. Ich kann das total nachvollziehen. Warum beziehen wir Fragen zur Arbeitszeit auf die Familienarbeit und nicht auf die Situation im Beruf? Kein Wunder, dass die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz als Veränderungspotentiale deutlich weniger diskutiert werden, als die Rolle der individuellen Entscheidungen der Frauen. Vielleicht müssen wir den insgesamt den Blick zum Thema Teilzeitbeschäftigung stärker auf den Beruf und die Beschäftigung legen und weniger auf die Familie?
Mit Sorge blicke ich auf die Ergebnisse zur Situation von Frauen ohne Berufsausbildung und Mädchen/jungen Frauen, die der Gruppe der “NEETs” (Not in Employment, Education or Training) angehören. Diese Gruppen haben durch das Fehlen einer beruflichen Ausbildung noch einmal höhere Armutsrisiken, müssen sich mehr auf Abhängigkeiten verlassen und befinden sich nicht nur aktuell, sondern sehr wahrscheinlich für ihr weiteres Leben in einer enorm belastenden Situation. Wir können gleichzeitig keine Berufs- und Bildungsabschlüsse verordnen oder verleihen. Was wir tun müssen, ist immer wieder für betroffene jugendliche Mädchen und Frauen Angebote zu setzen, die im richtigen Zeitfenster angenommen werden können.
