Besser leben

Sich der Krise stellen statt wegzuschauen

08.08.2020 • 19:48 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sich der Krise stellen statt wegzuschauen
SHUTTERSTOCK

Auch die Selbstständigen leiden unter der Corona-Krise.

Selbstständig sein ist nicht immer einfach. Selbstständige tragen das unternehmerische Risiko. Sie müssen weitreichende Entscheidungen treffen. Sie haben Verantwortung, vielleicht auch für Mitarbeiter. Und in Corona-Zeiten müssen sie jetzt teils ums Überleben kämpfen.

Zwar gibt es Hilfen und Hilfestellungen, etwa vom Staat, vom Land und von der Wirtschaftskammer. Trotzdem haben es nicht alle Vorarlberger Unternehmen durch die Krise geschafft. Bis jetzt haben vier Unternehmen wegen der Corona-Pandemie Konkurs angemeldet: das Reisebüro TC TravelConnect GmbH, der Tickethändler und Konzertveranstalter Musikladen GmbH und die AT Hotels GmbH, außerdem der Wäschehersteller Huber mit über 540 Arbeitsplätzen österreichweit. „So eine Pleite zieht oft den Verlust des Arbeitsplatzes nach sich, wodurch viele Personen ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen und somit der Privatkonkurs droht“, sagt Regina Nesensohn vom Kreditschutzverband KSV1870.

Stundungsmöglichkeit

Im ersten Halbjahr des Vorjahres hatte es in Vorarlberg 71 eröffnete Konkurse sowie Konkursabweisungen gegeben, ein Wert, der dem Durchschnitt entspricht. Im ersten Halbjahr 2020 dagegen waren es lediglich 44 Fälle. „Bis zum Jahresende könnten es 60 Fälle weniger sein als im Durchschnitt“, erwartet Nesensohn. „Das liegt an den Stundungsmöglichkeiten beim Finanzamt und der ÖGK im Rahmen der Krise. Diese Fristverlängerungen waren eine Übergangslösung, sollten unserer Meinung nach aber eingestellt werden. Denn die Unternehmen sollten rechtzeitig reagieren, wenn sie in Schieflage geraten. Spätestens, wenn dann noch Weihnachtsgeld für die Mitarbeiter anfällt, kann die finanzielle Hilfe vom Staat das wahrscheinlich nicht mehr abdecken“, befürchtet die Expertin.

Anstieg der Insolvenzen droht

Sie geht davon aus, dass im Herbst oder spätestens Ende des Jahres die Unternehmen insolvent werden, die sich aktuell gerade noch so am Markt halten können. Nicht zuletzt, weil der Staat die Frist zur Konkursantragstellung von 60 auf 120 Tage verlängert hat. „Der Anstieg der Insolvenzfälle wird kommen“, ist sie sich sicher. Daher richtet sie folgenden Appell an die Unternehmen: „Es ist wichtig, sich jetzt Gedanken darüber zu machen, wie es dem eigenen Unternehmen geht und rechtzeitig die Notbremse zu ziehen. Im Ländle gibt es viele Familienunternehmen mit langer Tradition, dafür kämpft man, und das ist nachvollziehbar. Aber wenn man rechtzeitig Insolvenz anmeldet, kann das Unternehmen nachhaltig saniert und gerettet werden. Auch Arbeitsplätze können durch vorzeitige Maßnahmen gesichert werden. Diese Chance sollten die Unternehmen nutzen.“

Optimismus zurückgekehrt

Christoph Jenny, Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg, sagt dazu, dass die Insolvenzwelle nur nach hinten geschoben sein könnte: „Ich sehe das nicht ganz so kritisch. Inzwischen schauen unter anderem die ÖGK bei der Gewährung finanzieller Vorteile schon genauer hin. Ist das ein Unternehmen, das schon vor Corona Beitragsrückstände zu verzeichnen hatte? In solchen Fällen kann es trotz allem zu Insolvenzverfahren kommen.“

Trotzdem ist der Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg positiv gestimmt: „Die Vorarlberger Unternehmen haben in den vergangenen Jahren gezeigt, wie kreativ, wettbewerbsfähig und innovativ sie sind. Das stimmt mich optimistisch.“
Die Stimmungsbilder, die die WKV im März und April bei ihren Mitgliedern abgefragt hat, zeigen einen deutlichen Unterschied zu denen von Juni und Juli: „Zu Beginn der Corona-Krise war die Stimmung in der Wirtschaft am Boden. Inzwischen ist aber ein guter Teil Optimismus zurückgekehrt. Die Unsicherheiten betreffen naheliegenderweise die Zukunft.“

Zunächst hatten die Wirtschaftsforscher eine rasche Erholung nach einem deutlichen Knick prognostiziert. Inzwischen haben sie diese Einschätzung revidiert und rechnen, wie schon in der Krise 2008/09, mit einer längeren Erholungsphase.

„Auch ich denke, dass es einfach eine Frage der Zeit ist, bis wir das Vorkrisenniveau wieder erreicht haben. Dieses Jahr wird das sicher nicht der Fall sein, auch nächstes Jahr wird es noch schwierig. Aber Vorarlbergs Wirtschaft hat eine robuste Struktur. Sie wird sich erholen“, ist sich Jenny sicher.
Ansonsten gibt es auch in diesen Zeiten Unternehmen, die sich neu gründen. „Wir haben im ersten Halbjahr 594 Neugründungen, das ist ein Plus von 2,5 Prozent, und damit liegen wir deutlich über den Erwartungen.“ Nach wie vor möchten viele ihr eigener Chef sein, und nach wie vor sind viele Selbstständige optimistisch, dass es weitergeht. Das „Wie“ gestalten sie mit.

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