Euro-Stars

Der Scorer auf der Zehn

06.06.2021 • 10:23 Uhr
Bruno Fernandes führte Manchester United als Scorer an und gilt als einer der torgefährlichster Mittelfeldspieler. <span class="copyright">reuters</span>
Bruno Fernandes führte Manchester United als Scorer an und gilt als einer der torgefährlichster Mittelfeldspieler. reuters

Bruno Fernandes soll nun für Portugal auf Tore- und Vorlagenjagd gehen.

Nach angeblich 20 Minuten hatte Javier Ribalta genug gesehen. Der Chefscout des italienischen Zweitligisten Novara Calcio war von diesem 17-Jährigen überzeugt und wollte ihn unbedingt verpflichten. Mit dieser Meinung stand Ribalta allerdings alleine auf weiter Flur. Denn die Angebote für Bruno Fernandes stapelten sich nicht gerade. Offenbar sah der Fachmann etwas in dem A-Jugend-Spieler von Boavista Porto, dass den Kollegen verborgen blieb. Und so ging es wenige Monate darauf, genauer im Sommer 2012, für den Portugiesen in den Norden Italiens. Ein ungewöhnlicher Schritt, zählt doch weder das Land des Weltmeisters von 2006 noch der Verein als absolute Top-Adresse für Nachwuchskicker. Novara berappte damals die vereinsinterne Rekordsumme für einen Jugendspieler von 40.000 Euro. Und Ribalta sollte Recht behalten. Doch es vergingen noch einige Jahre, bis Fernandes die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Scouts der europäischen Topklubs zuteil wurde.

Vor seinem Wechsel zu Manchester United ging Fernandes bei Sporting Lissabon dem Toreschießen nach. <span class="copyright">ap</span>
Vor seinem Wechsel zu Manchester United ging Fernandes bei Sporting Lissabon dem Toreschießen nach. ap

Angriff auf Spieler

Vielmehr musste er sich langsam hocharbeiten. Bereits der Start im neuen Land verlief für den offensiven Mittelfeldspieler holprig. Aufgrund fehlender Transferzertifikate verzögerte sich sein Debüt für einige Monate. Die Neuverpflichtung sprach kaum ein Wort italienisch und hatte Sehnsucht nach Hause. Die Frustration wuchs, ein frühzeitiger Abschied schien möglich. Der Zuzug der Freundin half allerdings und als die Spielerlaubnis eintraf, startete Fernandes endlich durch. Statt der Jugendmannschaft spielte sich der Zehner schnell in der Serie-B-Mannschaft fest und wechselte nach nur einer Spielzeit eine Klasse höher zu Udinese Calcio. Nach einer weiteren Station in Italien bei Sampdoria Genua ging es für den Mittelfeldakteur im Sommer 2017 zurück in seine Heimat.
Bei Sporting Lissabon entwickelte sich Fernandes zu einem der gefährlichsten Mittelfeldakteure. In seiner ersten Saison in der portugiesischen Liga verbuchte der Neuzugang in 56 Einsätzen 16 Treffer und 20 Vorlagen. Die Einberufung in den Kader seines Heimatlandes für die Weltmeisterschaft 2018 war die logische Folge. Das Ende der Saison wurde allerdings von den eigenen Sporting-Anhängern getrübt. Das Team verpasste die Qualifikation für die Champions League, woraufhin wütende Fans das Trainingsgelände und die Umkleidekabine der Profis stürmten. Mehrere Spieler und Betreuer wurden von den Aggressoren verletzt. Ein besonders pikantes Detail daran: Präsident Bruno de Carvalho soll hinter diesem Vorfall stecken und kurz zuvor einem Kopf der Hooligan-Gruppe per Telefon gesagt haben: „Stürzt euch auf sie!“
Einige Akteure, darunter auch Fernandes, kündigten daraufhin ihre Verträge beim Hauptstadtklub. Beim heute 26-Jährigen erfolgte jedoch das Umdenken, da der Präsident mit deutlicher Mehreit abgewählt wurde. Er unterschrieb einen neuen Kontrakt bis 2023, während der frühere Vereinsboss im November 2018 festgenommen wurde.

Neben Cristiano Ronaldo gilt Fernandes als der Hoffnungsträger für diese EM bei den Portugiesen. <span class="copyright">reuters</span>
Neben Cristiano Ronaldo gilt Fernandes als der Hoffnungsträger für diese EM bei den Portugiesen. reuters

Wechsel auf die Insel

Die Entwicklung von Fernandes zeigte auch in der zweiten Spielzeit stark nach oben. Mit 32 Treffern und 18 Vorlagen war der Portugiese Topscorer der Liga. An 46 Prozent der Ligatore von Sporting war er damit direkt beteiligt. Dies weckte die Begehrlichkeiten aus einer stärkeren Liga. Manchester United klopfte an und verpflichtete ihn nach einem weiteren Halbjahr für 55 Millionen Euro, wobei sich diese Summe noch auf bis zu 80 Millionen Euro steigern könnte.
Und gerade aufgrund dieser Höhe gab es genügend kritische Stimmen zu diesem Transfer. Denn viele Fachleute waren sich nicht sicher, ob Fernandes auf dem allerhöchsten Level weiterhin seine Scorerpunkte sammeln wird können. Schließlich besticht der Mann von der iberischen Halbinsel nicht gerade durch seine Athletik, wirkt zum Teil schlaksig. Zudem kann die portugiesische Liga nicht mit dem Niveau der Premier League mithalten.
Doch der Neue bei den „Red Devils“ brachte schnell alle Kritiker zum Verstummen. Ohne Anlaufschwierigkeiten spielte er sich im Team von Trainer Ole Gunnar Solskjaer fest, wurde zum Dreh- und Angelpunkt einer bis dahin schwächelnden Mannschaft. „Er kam in die Truppe und hat United ein anderes Spiel gegeben. Sie hatten Probleme, aber Fernandes hat sie in allen Belangen verbessert“, adelte ihn Kevin De Bruyne von Stadtkonkurrent Manchester City. Und Solskjaer meinte: „Er ist gekommen und hat allen einen großen Schub gegeben – nicht nur dem Team, sondern auch den Fans.“ Dies untermauert auch der Blick auf die Statistik. In den eineinhalb Jahren seit der Ankunft von Fernandes verlor Manchester nur sechs Partien in der Premier League. In dem halben Jahr vor seinem Wechsel waren es acht.

Auch im Finale der Europa League war der Portugiese vom Punkt zur Stelle. Doch es half nichts. Manchester United unterlag dem FC Villarreal. <span class="copyright">reuters</span>
Auch im Finale der Europa League war der Portugiese vom Punkt zur Stelle. Doch es half nichts. Manchester United unterlag dem FC Villarreal. reuters

Das Spiel des Portugiesen

Fernandes besticht dabei durch sein Passspiel, sein Gefühl für Räume und seine Abschlusstärke. In Kontersituationen schaltet er blitzschnell um und leitet zumeist auf die schnellen Flügelspieler ein. Wird es im Angriffsdrittel eng, findet der Portugiese zumeist die einfachste und damit beste Lösung. Sein Timing beim entscheidenden Pass sticht heraus, er verzögert wenn es nötig ist, erhöht aber im Regelfall die Geschwindigkeit und damit auch die Probleme für die Verteidigung. Zwar ist er keiner, der Gegenspieler der Reihe nach austanzt, aber mit seiner starken Technik und engen Ballführung verschafft er sich den nötigen Platz für seine Aktionen. Und mit scharfen und präzisen Abschlüssen trägt er sich regelmäßig selbst als Torschütze in die Listen ein. Bei Elfmetern baut er einen kleinen Sprung ein, um den Torhüter auszuspionieren. Obwohl bekannt, verschoss er für Manchester erst ein Mal und verwandelte 21 Schüsse (alle Bewerbe) vom Punkt. In 29 Ligaspielen im Kalenderjahr 2020 kam er auf 18 Tore und 13 Vorlagen, Rekord für ein Kalenderjahr in England. „Manchester United kann nur hoffen, dass sich Fernandes nicht verletzt. Dann haben sie ein Problem, das sie nicht lösen können“, meinte Manchester-Legende Roy Keane. Und sie hatten Glück, fehlte ihr Zehner bisher doch erst in einer Ligapartie.
Dass er ein „Leader“ ist und sein will, offenbarte der Spielmacher bereits beim ersten Training. Da nahm er sich die Kollegen Aaron Wan-Bissaka und Fred zur Brust und gab ihnen Tipps, um ihr Spiel zu verbessern. Auch für sich selbst legt er die Messlatte hoch und will sich stetig weiter steigern. Bislang fehlt ihm nur ein Titel, auch das Europa-League-Finale gegen den FC Villarreal zuletzt ging verloren.
Im Nationalteam reichen die Leistungen von Fernandes bisher nicht an jene bei Manchester heran. Zu stark wirkt noch die Omnipräsenz von Ronaldo. Mit einer starken Europameisterschaft könnte er allerdings auch für Portugal zum „Leader“ aufsteigen und die Nachfolge von Ronaldo als Star des Nationalteams antreten.