Kultur

Als König des Theaters

22.07.2022 • 19:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Jan Bosse im Theater am Kornmarkt in Bregenz. <span class="copyright">Stiplovsek </span>
Jan Bosse im Theater am Kornmarkt in Bregenz. Stiplovsek 

Am Samstag bringt der Regisseur Jan Bosse Shakespears „Der Sturm“ in einer neu übersetzten Kunstsprache von Jakob Nolte zur Premiere auf die Bühne des Kornmarkttheaters.

Wie durch ein Wunder rettet sich der gestürzte Herzog Prospero mit seiner Tochter Miranda auf eine Insel und reißt mit Gewalt die Macht an sich. Aber die unberührte unschuldige Insel gibt es nicht, es ist immer schon jemand da: In Südamerika die indigenen Völker und bei Robinson Crusoe die Natur, die Tiere und der Eingeborene Freitag, wie Bosse beschreibt. „Man kommt da hin, und schon passieren Unterdrückung und Erziehung“, sagt er in Bezug auf Prospero, der die Insel nur regieren kann, indem er Caliban unterdrückt und den Luftgeist Ariel dazu zwingt, ihm zu dienen.

Eindrücke aus der Probe. <span class="copyright">paulitsch</span>
Eindrücke aus der Probe. paulitsch

„Ich habe nicht das Gefühl, dass er unbedingt unglücklich war“, beschreibt der Regisseur Prosperos erfolgreiches Herrscherverhältnis über Ariel: „‚Wann lässt du mich endlich frei? Du hast es mir versprochen!‘, sagt Ariel. Und dann sagt Prospero: ‚Ich lass dich frei, aber eine Sache musst du noch für mich machen: den Sturm.‘ Nächs­te Szene: ‚Was ist denn jetzt mit meiner Freiheit?‘ Prospero: ‚Ich lass dich frei in zwei Tagen.‘ Ariel sagt: ‚Du hast es mir vor einem Jahr schon versprochen!‘ ‚Ja ich lass dich ja auch frei, aber du musst noch zwei Sachen für mich machen …‘“

Während Ariel mit Prospero auf diese Weise zusammenarbeitet, wird Caliban benutzt „als der gefährliche Andere, als der Fremde“, mit dem man einen Ureinwohner assoziiert, so Bosse über die Beziehungsebenen der Figuren: „Ich glaube, wenn man anfängt, jemanden gefährlich zu finden und ihn deshalb einzusperren, und das über Jahre tut, und immer wieder sagt, der ist gefährlich, und seiner Tochter sagt, der ist gefährlich, dann wird der auch gefährlich. Dann hat man sich seinen eigenen Feind herangezüchtet.“

Die Kunstsprache der Insel

Für Jan Bosses Inszenierung von „Der Sturm“ hat Jakob Nolte den gesamten Text auf besondere Weise neu übersetzt. Wortwörtlich hat er das Englische ins Deutsche übertragen, erklärt der Regisseur. Dadurch sei eine „ganz eigene hybride künstliche Sprachform“ entstanden, welche die Sprache der Menschen auf der Insel symbolisieren soll. Da sich auch die Grammatik verschiebt, kommt Shakespeares bildliche Sprache deutlicher zum Ausdruck, was „zuerst absurd, aber auch komisch“ wirkt.

Eindrücke aus der Probe. <span class="copyright">Paulitsch</span>
Eindrücke aus der Probe. Paulitsch

Das 1611 entstandene Stück begreift Bosse auch als Resümee eines altwerdenden Autors: „Man hat das Gefühl, dass er in Prospero auch sich selbst porträtiert“, wie ihm „als Stifter von einer Welt und als König seines Königreiches Theater alles um die Ohren fliegt.“ Es sei „ein Stück über das Scheitern, und es hat eine große Lebensweisheit“, aber auch „ein Stück über die Vergangenheit, die mit den zwölf Jahre zurückliegenden Konflikten, dem Betrug, dem Verrat, dem Staatsstreich und dem Putsch“ zusammen mit den Figuren auf die Insel gespült wird, erklärt Bosse.

Die Inszenierung beginnt mit einem riesigen Sturm, durch den alle auf die Insel gespült werden. „Als würde ich mit einem Würfelbecher so sieben Würfel auf die Bühne fallen lassen, und dann müssen die miteinander klarkommen“, veranschaulicht Bosse. Als Zuschauer habe man das Vergnügen, zuzusehen, wie die Figuren mit ihren verschiedenen Vorgeschichten und Interessen aufeinander reagieren, wenn sie für den einen Tag, an dem die ganze Handlung stattfindet, zusammen eingesperrt sind. Gezeigt wird ein „Theaterspiel, eine Versuchsanordnung von Meschen, die in Ausnahmesituationen gebracht werden.“

Rache und Versöhnung

Es sei eine lustige und absurde Tragikomödie, die jedoch auch „eine traurige Seite hat, weil es so kaputt ist, wie die Menschen auf der Insel alle irgendwie zu Monstern werden“, reflektiert Bosse und beschreibt, wie schnell in Shakespeares Menschenexperimenten Gier und Machtlust überwiegen, sobald sich eine Möglichkeit ergibt. Trotzdem überwiege bei Shakespeare am Ende die Versöhnung, denn obwohl Prospero alle ehemaligen Todfeinde vernichten könnte, „tötet er sie ja nicht alle“.

Ein „tolles Theaterthema“ ist für den Regisseur die Unsichtbarkeit der Figur Ariel. Ariel sei ein zauberhaftes Fantasiewesen zwischen Luft und Erde, das die „totale Freiheit“ verkörpere. Manchmal werde er beschrieben wie ein „reiner Gedanke, wie so ein Blitz“, ein vom Menschen gezähmtes Licht. „Man könnte auch assoziieren, es ist die Natur, die der Mensch sich untertan gemacht hat und die irgendwann zurückschlägt.“

Die Inszenierung soll mit viel Musik und Songs eine erschaffene Welt widerspiegeln, „die diese seltsame Inselwelt sein könnte“, wie Bosse sagt. Es wurde auch versucht, „das Theaterthema auf schöne Weise zu thematisieren, es ist eben auch eine Bühne, auf der das alles passiert. Es ist auch eine Versuchsanordnung von einem Menschenexperiment mit Schauspielern, die verschiedene Figuren spielen.“

www.bregenzerfestspiele.com

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