Brüchigkeit und Grenzen der Emotionalität

Am 8. Juni um 19 Uhr eröffnet das Kunsthaus Bregenz die neue Ausstellung „Wish You Were Gay“ der Künstlerin Anne Imhof.
Es gibt keine Performance und trotzdem sei es die performativste ihrer Ausstellungen, sagt Anne Imhof im abgedunkelten Kunsthaus Bregenz, dessen Stockwerke sie in intensives Rot und gleißendes Weiß getaucht hat. Ihre Skulpturen befinden sich hinter Absperrgittern, aber eigentlich sind auch die Absperrgitter Teil der Skulptur. Durch spiegelndes Glas werfen die Betrachter einen Blick ins Innere und sehen sich im reflektierenden Licht auch selbst. Es gehe um „Teilung“, um „Barrieren, die durchsichtig sind“ und um die verschiedenen Facetten einer Persönlichkeit, die sich in der Ausstellung durch eine tiefe emotionale Atmosphäre zeigen.
Fließend und durchlässig
Das Licht im Erdgeschoss blendet sie dennoch. Sie setzt die Sonnenbrille auf, nimmt sie später wieder ab und spricht über die noch nie gezeigten Werke, in denen sich die Künstlerin sehr persönlich und zum Teil auch „intim“ präsentiert, wie Kub-Direktor Thomas Trummer die alten Filmaufnahmen beschreibt, in denen Imhof den eigenen Körper als Medium in den Mittelpunkt stellt. Es gehe aber auch um das „Innen und außen, um Licht, Dunkelheit, Tag, Nacht“ und um das Kunsthaus-Gebäude, das vom Architekt Peter Zumthor, durchlässig, fließend und offen gedacht wurde. Eine Bedeutungsebene, die Imhof in ihre Ausstellung einbezieht.
„Das Gebäude, das erst mal abstoßend und kalt wirkt, bietet total großartige Möglichkeiten, Arbeiten zu zeigen“, sagt die Künstlerin. Mit der Gleichheit der Stockwerke hat sie auch in der Anordnung ihrer Ausstellung gespielt und die Räume mit Abgrenzungen geteilt. Im zweiten Stock ist die Decke aufgebrochen, einige Platten wurden entfernt und die Stangen des Metallgerüsts ziehen sich symmetrisch durch den Raum – „ein unglaublicher Aufwand seitens der technischen Erfordernisse“, wie Trummer anmerkt.

Apokalyptische Szenerie
„Wish you were gay“ ist dystopisch, toxisch und dröhnend in die Illusion einer apokalyptischen Welt getaucht. Die jugendlichen Figuren in den Reliefs und Zeichnungen sind fragil und zerbrechlich. „Es geht mir um die Berührungen, die Tragik der Gesten, aber auch einfach um Bildkomposition“, beschreibt Imhof. Auf ästhetischen Gemälden sind die Atombomben schon explodiert, die „gefährlichen“ Wolken hängen rund um einen Glaskasten und sind Ausdruck von Faszination und Grauen zugleich. Ein Sujet, das Imhof gerade jetzt beschäftigt, „wenn die Welt so viele Kriege hat, dass die atomare Bedrohung nicht nur in unseren oder in meinem Kopf eine Angst ist, sondern auch knallhart diskutiert wird.“ Die Explosionen seien künstlich digital generiert, und auf der Leinwand übermalt.
Artifiziell gemacht ist auch die Musik, welche die Grenzen der Emotionalität auslotet. Dafür seien Stücke von Imhof benutzt worden, die „nicht für ein Recording gemacht sind“. „Manchmal ist das Unfertige genau das, was wir nehmen und irgendwo anders hinsetzen, denn es braucht diese Zerbrechlichkeit und Brüchigkeit und das Unfertige und das Verletzliche, weil manche Sachen sind viel stärker, wenn sie nicht perfekt produziert sind und nicht perfekt gemacht oder überhaupt nicht perfekt sind – der nicht perfekte Körper, die Stimme, die irgendwie bricht oder das Instrument ist nicht so gestimmt, dass es genau sitzt – das hat eine bestimmte Melancholie.“, beschreibt Imhof die Parameter, nach denen sie ihre Arbeit kreiert.
Aufnahme als Spiegel
Die Musik kommt aus Boxen im flimmernden Röhrenfernseher. Auf dem Bildschirm kämpfen Zebras und Imhof posiert in ihren frühen 20ern mit ihrem mit Engelsflügeln tätowierten Rücken. Im Erdgeschoss läuft die West Side Story im Hintergrund, während die Künstlerin in ihrem Wohnzimmer, das gleichzeitig auch ihr Studio war, in alten Filmaufnahmen gegen sich selbst kämpft und das Auge der Kamera schlägt. Weitere Videos sind subtil in der Ausstellung verteilt, der Körper der Künstlerin wird zum Kunstobjekt. Damit sei die Künstlerin zurückgegangen an die Anfänge ihres Schaffens. „Im Inneren ist es doch so, dass ich zuerst Performer bin und sich aus der Haltung oder aus dieser künstlerischen Präsenz die anderen Werke entwickelt haben.“

Über die Künstlerin
Anne Imhof (*1978, Gießen) ist eine deutsche Performance- und Medienkünstlerin. Für die 57. Biennale in Venedig gestaltete sie 2017 den Deutschen Pavillon und wurde für ihre Arbeit „Faust“ mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Es folgten Einzelausstellungen in der Tate Modern in London, 2019, im Palais de Tokyo in Paris, 2021, und 2022 mit Youth die erste Einzelausstellung in den Niederlanden im Stedelijk Museum in Amsterdam. Sie lebt in Berlin und Los Angeles.