Kultur

Die Bregenzer Festspiele sind ein Marathon

01.01.2026 • 18:00 Uhr
Die Bregenzer Festspiele sind ein Marathon
Lilli Paasikvi: “Diese fünf Wochen sind wie ein großes Kulturbuffet.”apa

Interview. Die Intendantin der Bregenzer Festspiele zieht Bilanz über ihre erste Saison und spricht über Arbeit, Alltag, Nachwuchsarbeit und künstlerische Entscheidungen.

Frau Paasikivi, wie würden Sie Ihre bisherige Zeit als Intendantin der Bregenzer Festspiele in knappen Worten zusammenfassen?
Lilli Paasikivi:
Viel Energie, Inspiration und sehr intensive Tage, vor allem im Sommer.

Gab es in der vergangenen Saison einen persönlichen Höhepunkt für Sie? Immerhin war es Ihre erste Saison als Intendantin.
Paasikivi: Das ist wie, wenn man gefragt wird, welches Kind man am liebsten hat. Ich schätze alle Produktionen und beteiligten Künstler, egal ob im großen Saal, auf der Werkstatt- oder Seebühne. Es war aber sehr spannend, erstmals das ganze Jahr durchlebt zu haben. Speziell die fünf Wochen Festspielzeit muss man sich wie einen Marathon vorstellen. Und auch wenn das Wetter teils herausfordernd war, blicke ich auf eine glückliche Saison zurück.

Die Bregenzer Festspiele sind ein Marathon
hartinger

Wie haben Sie sich in Bregenz eingelebt?
Paasikivi:
Sehr gut. Ich genieße die Möglichkeit, im Sommer im See zu schwimmen, auch zwischen Terminen. Die Menschen hier sind sehr offen, laden mich ein, ich treffe viele interessante Persönlichkeiten. Die Natur ist beeindruckend, aber vor allem fühle ich mich durch die Arbeit inspiriert. Im Winter ist der Rhythmus ruhiger, da gibt es mehr Zeit zum Kuratieren und Reisen. Im Sommer sind es dann zwei Monate mit sehr vollen Tagen.

Haben Sie die Berge schon für sich entdeckt?
Paasikivi:
Ein bisschen. Nicht regelmäßig. Ich gehe lieber mit Freunden, die sich auskennen. Allein kenne ich die Berge noch zu wenig. Aber es ist jedes Mal ein besonderes Erlebnis. Diesen Winter komme ich hoffentlich zum Skifahren, das wäre mein nächstes Ziel.

Ihr Deutsch ist bemerkenswert gut. Wie gehen Sie das an?
Paasikivi:
Schritt für Schritt. Jeden Freitag übe ich mit meiner Lehrerin, Akkusativ und Dativ zum Beispiel. Mein Motto ist: ohne Scham sprechen. Kommunizieren ist wichtiger als Perfektion. Mit dem Dialekt tue ich mir noch etwas schwer, speziell, wenn mehrere Vorarlberger zusammensitzen.

Sie leben allein in Vorarlberg, Ihre Familie ist in Finnland. Wie organisieren Sie das?
Paasikivi:
Ich bin hier für die Arbeit und reise regelmäßig. Etwa alle sechs Wochen fahre ich nach Finnland. Meine Familie ist das gewohnt. Ich war früher reisende Sängerin. Heute helfen natürlich digitale Mittel, in Kontakt zu bleiben.

Fotoprobe Spiel auf dem See, Der Freischütz
Wo im Sommer noch Carl Webers „Der Freischütz“ spielte… Rhomberg
Die Bregenzer Festspiele sind ein Marathon
… nimmt das Bühnenbild für Verdis „La traviata“ langsam Gestalt an. APA

Kommende Saison spielt Giuseppe Verdis Opernklassiker „La traviata“ auf der Seebühne. Warum haben Sie sich für dieses Werk entschieden?
Paasikivi:
Ich habe mir die Geschichte der Festspiele genau angesehen und gefragt: Warum war „La traviata“ noch nie hier? Immerhin möchte unser Publikum große Meisterwerke erleben. Verdis romantische Musik passt wunderbar auf den See. Die Verkaufszahlen zeigen auch, dass es die richtige Wahl ist.

Wie steht es um die gesellschaftspolitischen Akzente im Programm?
Paasikivi:
In großen Meisterwerken steckt immer eine Tiefe. Daher erlauben sie, dass unterschiedliche Aspekte betont werden. In „La traviata“ etwa legt Damiano Michieletto bestimmte Schwerpunkte, Yuval Sharon andere. Die Werkstattbühnen-Produktion „Passion of the Common Man“ greift Themen wie mentale Gesundheit auf. „YUM!“ arbeitet mit Künstlicher Intelligenz und virtueller Realität und spricht über Konsum, Hedonismus und den Umgang mit Natur. Da die Bregenzer Festspiele heuer 80 Jahre alt werden, wollen wir zurückblicken, die Gäste aber auch mit dem Sing-Along am See zum Mitmachen einladen.

Sie engagieren sich stark für Nachwuchsarbeit, etwa beim Opernstudio.
Paasikivi:
Ich habe die Meisterklasse geleitet. Das ist mir sehr wichtig und ganz natürlich. Als ehemalige Sängerin kann ich jungen Künstlerinnen und Künstlern helfen, nicht nur musikalisch, sondern auch in praktischen Belangen. Wie bereitet man sich auf Vorsingen vor? Wie präsentiert man sich? Wie geht man mit Agenturen oder sozialen Medien um? Diese Gespräche gehören dazu.

Wie erleben Sie den aktuellen Pop-Oper-Moment, etwa rund um die spanische Sängerin Rosalía?
Paasikivi:
Sie ist eine unglaublich vielseitige Künstlerin. Daníel Bjarnason, der „Passion of the Common Man“ komponiert hat, arbeitet mit Rosalía zusammen. Solche Überschneidungen zeigen, wie offen Musik heute gedacht werden kann.

Ein schwieriges Thema sind die Kürzungen der Subventionen um 30 Prozent. Wo schmerzt das besonders?
Paasikivi:
Die Kürzungen für 2025 und 2026 wirken stark, vor allem weil sie spät kamen. Wir konnten programmatisch kaum reagieren. Jetzt müssen wir genauer überlegen, wie groß Produktionen sein können, wie viele Mitwirkende wir engagieren, welches Repertoire realisierbar ist. Es betrifft nicht nur das Programm, sondern den gesamten Betrieb. 4,2 Millionen Euro sind viel Geld.

Zum Abschluss: Was würden Sie einem unserer Leser sagen, der noch nie bei den Bregenzer Festspielen zu Besuch war?
Paasikivi:
Diese fünf Wochen sind wie ein großes Kulturbuffet. Die Stimmung ist einzigartig. Die Seebühne gibt es so nur hier. Man kann Großes und Kleines erleben, Lautes und Leises. Nicht nur für Kenner, auch für Neulinge. Dieses Risiko sollte man eingehen. Es lohnt sich.