Die Tugend der extremen Reduktion

Die neue Ausstellung von Koo Jeong A im Kunsthaus Bregenz fordert ein Sehen mit allen Sinnen.
Wo vor einem Jahr noch aufgehängte Kuscheltiere und lebende wie sterbende Schmetterlinge die Räume des Kunsthaus Bregenz mit einer morbiden Poesie der Vergänglichkeit erfüllten, weht jetzt ein anderer Wind.
Die neue Ausstellung der südkoreanischen Künstlerin Koo Jeong A (Jahrgang 1967) trägt den Titel „Land of Ousss [ Gravitta ]“ und führt die Besucher an den Rand des Wahrnehmbaren. Sie wird heute Abend eröffnet und kann bis zum 25. Mai erlebt werden.

Skaten verboten
Die im dunklen leuchtende Skulptur [ Gravitta ] zieht sich durch das Erdgeschoss. Bestehend aus Glasfaser und phosphoreszierendem Lack, referenziert das Objekt einen unerwarteten Ort: den Skateplatz. Die aus Seoul stammende Koo gestaltete reale Anlagen für Skater, etwa in Mailand und kürzlich München. Dieser Beitrag in Bregenz ist hingegen zur bloßen Anschauung gedacht. „Gerade dadurch entzieht sie sich funktionaler Lesbarkeit. Bewegung findet nicht statt, sie wird imaginiert“, schildert KUB-Direktor Thomas D. Trummer das Werk.

Das Spiel mit der Sichtbarkeit wird im ersten Obergeschoss fortgeführt. Dort stehen drei ringförmige Holzskulpturen zur Schau. Modelliert nach dem Muster der endlosen Möbiusschleife haben sie weder einen Anfang noch ein Ende. Doch als formgefasstes Sinnbild für Stillstand in Bewegung erlauben sie Lesarten mannigfaltiger Natur. So können die Werke beispielsweise als mathematisches Symbol des Endlosen, aber auch wie „in ostasiatischen Denktraditionen“ (O-Ton Trummer) als Einheit von Innen und Außen, Werden und Vergehen, verstanden werden.

Ein weiterer Aspekt des Raums war während der Pressekonferenz nicht wahrnehmbar: der Geruch. Ein intim mit Erinnerung und Affekten verbundener Sinn, der anhand versteckter Zirbenholz-Elemente bespielt werden soll. Als affektives Element entfaltet er bereits im vorbewussten Stadion der Wahrnehmung eine Wirkung, der man sich nur mit Hilfsmittel entziehen kann. Besucher können das als Einladung verstehen, mit maximal geschärften Sinnen durch die Schau zu gehen. So wird die Tugend der teils extrem reduzierten Raumgestaltung deutlich.
Unsichtbare Kraft
Wer dank eines Herzschrittmachers lebt, sollte im zweiten Obergeschoss besonders vorsichtig sein. Dort entfalten anthrazitfarbene Magnete eine unsichtbare Kraft, die einen Ausfall der vitalen Geräte und damit zum Tod führen kann. Betroffene Besucher im Speziellen und jene mit Kreditkarten und Elektrogeräten im Allgemeinen sind daher angeraten, mindestens einen Meter Abstand von den Werken zu nehmen.

Koo hat sich in der Vergangenheit mit Magneten „medizinisch“ behandelt, wie sie im Pressegespräch berichtet. Ob menschliche Sinne zur unmittelbaren Wahrnehmung dieser Kräfte ausreichen oder übersinnliche imaginiert werden, sei dahingestellt. Die reale Gefahr ist dennoch ein unmissverständlicher Beweis für die Potenz des unkonventionellen Mediums. Im künstlerischen Sinn steht es hier laut Trummer als „Denkfigur für unsichtbare Bindungen“.
Im obersten Stockwerk offenbart sich eine LED-Wand mit riesigem Ausmaß. Sie zeigt den gut drei Minuten langen Film „Evocative Burst“ in laufender Wiederholung. Was auf den ersten Blick eine vor einer auf- oder absteigenden Sonne hockende Figur zeigt, bricht durch die Wiederholung das Motiv der narrativen Bewegung. Der Direktor schildert das Werk als „Präsenz ohne Gegenständlichkeit“.

Keine Instagram-Kulisse
So schließt sich der Bogen der Schau, die in ihrer Gesamtheit vom „dazu tun“ der Besuchenden lebt. Deren Fakultäten zur Weltwahrnehmung als Moment der Weltgestaltung wirken wie der eigentliche Gegenstand der Ausstellung. Gekonnt hebt sie das Körperliche im Geistigen, wie auch umgekehrt, hervor.
Wer ein Spektakel aus Form und Farbe oder passende Kulisse für Instagram-Stroys erwartet, wird hier enttäuscht. Wer aber die Kraft zur Muße aufbringt, fern vom Lärm des Alltags in sich zu kehren, könnte durch die meditative Dimension der neuen Ausstellung einiges über sich selbst lernen. Und sei es bloß die Einsicht, dass der Weg zum sensiblen Blick einen regelrechten Kampf verlangt, der gegen die eigene, reizüberflutete Natur zu führen ist.
„Land of Ousss [ Gravitta ]“ von Koo Jeong A ist vom 31. Jänner bis zum 25. Mai im Kunsthaus Bregenz ausgestellt.