„Sinn muss man finden, nicht erfinden“

Der gebürtige Götzner Alfried Längle ist einer der renommiertesten Personen in der Welt der Psychotherapie. Im Gespräch mit der NEUE am Sonntag spricht der 74-Jährige über Logotherapie, Existenzanalyse, ein Leben mit innerem Ja und seine aktuellen Tätigkeiten.
Erzählen Sie ein wenig über Ihren Werdegang und insbesondere Ihre Zeit mit Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse.
Alfried Längle: Ich bin in Götzis geboren und aufgewachsen, habe die Schule in Feldkirch besucht, dann in Innsbruck Medizin und Psychologie studiert. Aus Interesse für Sprachen habe ich ein Jahr in Rom und eines in Toulouse verbracht. Anschließend bin ich nach Wien gegangen, um dort beide Studien abzuschließen. In dieser Zeit hörte ich Viktor Frankl regelmäßig – er hielt jeden Mittwoch Vorlesungen, der Hörsaal war immer voll. Meine damalige Freundin, heute meine Frau, begleitete mich oft, und wir diskutierten danach stundenlang. Ich kannte Frankl bereits aus Büchern. Doch durch die Vorlesungen und unsere eigenen Gespräche bin ich intensiver in die Logotherapie eingetaucht. Nachdem mein ursprünglicher Wunsch, in die Hirnforschung zu gehen, gescheitert war, hielt ich bei einem Kongress in den USA einen Vortrag über Logotherapie. Frankl wurde darauf aufmerksam, lud mich ein, an seinen Vorlesungen mitzuwirken, und bat mich schließlich, an der Gründung eines Instituts in Wien teilzunehmen. Heute sind wir die weltweit größte Organisation für existenzielle Psychotherapie.

Sie waren beinahe zehn Jahre der engste Mitarbeiter Frankls. Wie würden Sie Viktor Frankl als Mensch in wenigen Worten beschreiben?
Längle: Er war hochintelligent, geistesgegenwärtig, humorvoll, ein brillanter Redner und tief in der Philosophie wie in der Psychiatrie verwurzelt. Aus dieser Kombination entwickelte er die Logotherapie – philosophisch begründet und medizinisch anwendbar.

Sie haben die Lehre Frankls zur Existenzanalyse weiterentwickelt und damit die Grundlage gelegt, dass Logotherapie und Existenzanalyse in Österreich als eigenständige Psychotherapierichtung anerkannt wurden. Wie verlief dieser Weg, war er schwierig?
Längle: Ja, es gab durchaus einige Hindernisse. Damals wurde die Logotherapie sehr kritisch gesehen und nicht als Psychotherapie anerkannt, sondern eher als beratende Methode. Es gab noch keinen Psychotherapiebeirat, sondern eine Arbeitsgruppe für Psychotherapie. Ich konnte diese Arbeitsgruppe davon überzeugen, dass durch die Weiterentwicklung – insbesondere durch die Existenzanalyse – tatsächlich eine Psychotherapie entstanden ist und nicht nur eine Form von Beratung. Das war das größte Bedenken. Nach mehreren Jahren mit Diskussionen, Gutachten, Interviews, Berichten und Untersuchungen kam schließlich die Anerkennung. Im Zuge des neuen Psychotherapiegesetzes wurden wir dann auch in den Psychotherapiebeirat berufen. Später mussten wir – wie alle anderen Verfahren – noch einmal offiziell anerkannt werden.

Sie sind Gründungsmitglied der Internationalen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse. Was ist der Kern dieses Ansatzes?
Längle: Frankls Logotherapie ist eine sinnzentrierte Beratungs- und Behandlungsform. Viktor Frankl hat die Sinnfrage in die Psychologie eingebracht und dafür eine sehr praktische Anwendung entwickelt. Die Existenzanalyse ist ein psychotherapeutischer Neuansatz, der auf Frankl aufbaut. Dabei geht es darum, Menschen zu helfen, mit innerer Zustimmung zu leben, also mit einem inneren Ja zu dem, was sie tun oder auch lassen. Wir arbeiten nicht nur an Symptomen, sondern an Entscheidungen, an innerer Stellungnahme und an der persönlichen Entwicklung. Ziel ist, dass Menschen stimmig mit sich selbst leben können.
Zur Person
Alfried Längle (74) ist Psychotherapeut, klinischer Psychologe sowie Arzt für Allgemeinmedizin und psychotherapeutische Medizin. Der gebürtige Götzner lehrt(e) an der Wirtschaftshochschule Moskau, aktuell als Gastprofessor an der Sigmund-Freud-Universität in Wien sowie an der Universität St. Gallen. Längle zählt zu den Gründungsmitgliedern der Internationalen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE). Er ist nach wie vor im GLE-Vorstand und Ehrenpräsident. Auszeichnungen: Vorarlberger Wissenschaftspreis (2006), Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2011), Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst der Republik Österreich (2022).
Viele Menschen fragen sich heute: Wozu das alles? Begegnet Ihnen diese Sinnfrage in Ihrer Arbeit häufiger als früher?
Längle: Interessanterweise nicht so oft, wie ich es ursprünglich erwartet hätte. In meiner Praxis – auch aufgrund meines Alters und meiner Tätigkeit – habe ich ein eher ausgewähltes Publikum. Die Sinnfrage taucht immer wieder auf, aber viel häufiger kommen Menschen wegen Einsamkeit, Ängsten oder Depressionen. In diesen Themen spielt Sinn oft nur im Hintergrund eine Rolle und tritt erst im Laufe der Arbeit deutlicher hervor.

Ist Sinn etwas, das man finden muss, oder etwas, das man selbst erschafft?
Längle: Wir haben einen phänomenologischen Zugang zum Sinn. Das bedeutet: Sinn liegt in der jeweiligen Situation bereits vor und will entdeckt werden. Die entscheidende Frage lautet: Was will diese Situation von mir? Sinn wird also nicht erfunden oder konstruiert. Viktor Frankl hat immer betont: Sinn muss gefunden werden, nicht erfunden. Wenn man Sinn nur in eine Situation hineinprojiziert, trägt er nicht wirklich. Ein existenziell tragender Sinn entsteht durch das Erkennen dessen, was die Situation von einem verlangt.
Welche Rolle spielen Werte und persönliche Verantwortung in der Existenzanalyse?
Längle: Eine zentrale. Werte werden bei uns nicht abstrakt verstanden, sondern sehr persönlich. Existenzielle Werte sind jene, die einen Menschen innerlich berühren – etwa ein ehrliches Gespräch, Nähe oder auch das Gegenteil davon als Unwert. Person-Sein bedeutet für uns, die eigene innere Stimmigkeit zu finden. Also wahrzunehmen: Was entspricht mir wirklich? Wo kann ich innerlich Ja sagen?

Was kann existenzielles Arbeiten etwa an Schulen bewirken?
Längle: Sehr viel. In der Schule bedeutet es, dass Lehrpersonen nicht nur standardisiert unterrichten, sondern dem Unterricht eine persönliche Note geben. Es geht um Dialog, um das Aufgreifen der Fragen der Schülerinnen und Schüler – auch der unausgesprochenen. So wird Unterricht zu einem gemeinsamen Werk und nicht bloß zu Frontalunterricht.
Sie lehren international: etwa in Russland, der Schweiz oder den USA. Gibt es kulturelle Unterschiede im Umgang mit existenziellen Fragen?
Längle: Ja und nein. Die existenziellen Grundfragen betreffen Menschen unabhängig von ihrer Kultur. Natürlich gibt es Unterschiede in der Gewichtung. In Südamerika etwa ist soziale Kommunikation kaum ein Problem, während sie in germanischen oder slawischen Ländern schwieriger sein kann. Die Sinnfrage wiederum ist derzeit in Russland oder der Ukraine sehr präsent, bei uns in Österreich weniger im Vergleich.
Kurz erklärt
Existenzanalyse
Im Fokus der Existenzanalyse steht der Dialog des Menschen mit der Welt und mit sich selbst. In diesem dialogischen Klärungsprozess werden einerseits die Fähigkeiten, Gefühle und Werte einer Person genauso einbezogen wie die Möglichkeiten und Anforderungen der Lebenssituation. Das Ziel ist, Menschen zu helfen, mit innerer Zustimmung zu leben.
Logotherapie
Die Logotherapie, entwickelt von Viktor Frankl, ist eine sinnorientierte Psychotherapie und Beratungsmethode, die den „Willen zum Sinn“ als zentrale Antriebskraft des Menschen betrachtet. Sie hilft in Lebenskrisen, bei Ängsten oder Burnout Sinn zu finden, Verantwortung zu übernehmen und trotz Belastungen ein erfülltes Leben zu führen.
Auch in Vorarlberg sind Sie derzeit aktiv. Im Rahmen des berufsbegleitenden Hochschullehrgangs „Existenzielles Arbeiten im Bildungs- und Beratungskontext“, dem neuen dreijährigen außerordentlichen Masterstudium an der PH Vorarlberg, gaben Sie in Viktorsberg als Gastdozent ein Seminar. Wie kam der Kontakt zustande?
Längle: Die Leiterin des Seminars, Eva Maria Waibel, kennt mich seit Langem und hat mich eingeladen, ein Seminar zur Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen zu halten. Dabei geht es um tiefere Wahrnehmung und Sinnfindung.
Sie referieren dabei über Phänomenologie. Wie erklären Sie diesen Ansatz?
Längle: Phänomenologie ist eine Fähigkeit, die jeder Mensch in sich trägt. Es geht darum, wahrzunehmen, was im Moment wesentlich ist und zwar jenseits der Oberfläche. Also durch das Offensichtliche hindurchzuschauen und das Entscheidende zu erkennen.

Warum ist dieser Ansatz heute wichtig?
Längle: Wenn wir uns an dem orientieren, was uns persönlich berührt und wichtig ist, dann haben wir eine innere Orientierung. Dann leben wir nicht nach TikTok-Trends oder Social-Media-Impulsen, sondern auf eigener Grundlage. Das ermöglicht Selbstgestaltung statt Dauerablenkung.
Wie lässt sich Phänomenologie im Alltag anwenden – etwa für Kinder?
Längle: Eigentlich tun wir das ständig. Wenn wir eine Blume betrachten, einen Berg sehen, Musik hören oder ein gutes Gespräch führen und uns davon berühren lassen, sind wir bereits phänomenologisch unterwegs. Wichtig ist, Kinder darauf aufmerksam zu machen und mit ihnen darüber zu sprechen, was sie berührt, was sie schön oder wichtig finden. So öffnen wir ihnen einen tieferen Blick auf das Leben.

In Schloss Hofen in Lochau leiten Sie das Studienprogramm „Existenzielles Leadership“. Können Sie uns das näher erläutern?
Längle: Es geht um authentisches, entschiedenes Handeln – auch im Berufsleben. Führungskräfte sollen als Personen handeln, nicht nur als Funktionsträger. Ich habe dazu ein Coaching-Programm entwickelt, das ich seit rund 20 Jahren anbiete. Führung bedeutet für mich, gemeinsam mit den Mitarbeitenden zu arbeiten, nicht über sie hinweg.
Ab Herbst 2026 übernehmen Sie im Rahmen des Bildungsprogramms 2026 die wissenschaftliche Leitung des neuen Master-Programms „Psychotherapie“. Ihre Einschätzung dazu?
Längle: Es ist ein notwendiger Schritt. Mit dem neuen Psychotherapiegesetz wird Psychotherapie erstmals in dieser Form universitär angebunden. Schloss Hofen übernimmt hier eine Vorreiterrolle in Vorarlberg. Das ist wichtig, um eine gute psychotherapeutische Versorgung auch für kommende Generationen sicherzustellen.
Welche Kompetenzen nehmen die Studierenden aus diesem Studium mit?
Längle: Die Fähigkeit, Menschen wirklich zu verstehen. Ihre Sorgen, ihre Nöte, auch das, was sie selbst nicht gut ausdrücken können. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten brauchen aber auch Selbsterfahrung. Sie müssen ihre eigenen Reaktionen reflektieren, um anderen gut helfen zu können.

Sie sind 74 Jahre alt und weiterhin international gefragt. Was treibt Sie an?
Längle: Ich fühle mich nicht getrieben, sondern gezogen, von den Menschen, denen ich begegne. Es ist eine große Freude zu sehen, wie Menschen wachsen, mehr sie selbst werden und Freude am Leben gewinnen. Das gibt meinem Leben Sinn und hält mich aktiv.
Sie sind Vater von vier Kindern. Wie ließ sich Familie und Beruf vereinbaren?
Längle: Ich hatte meine Praxis im Haus, das hat vieles erleichtert. Ohne die enorme Unterstützung meiner Frau wäre es allerdings nicht gegangen. Sie hat die Hauptlast der Familienarbeit getragen. Wenn ich da war, war ich ganz da. Es war eine echte Partnerschaft, für die ich sehr dankbar bin.
Welchen Rat würden Sie jungen Menschen heute geben?
Längle: Tut nur das, wozu ihr innerlich Ja sagen könnt. Wenn dieses Ja fehlt, sucht das Ge spräch oder verändert die Situation. So bleibt man sich selbst treu und entfremdet sich nicht vom eigenen Leben.
Was bedeutet für Sie persönlich ein gelungenes Leben?
Längle: Ich empfinde mein Leben als gelungen. Es gab viel Anstrengung, Frustration und Leid, aber ich bin mir treu geblieben und habe mich nicht von dem abbringen lassen, was mir wichtig war: für Menschen da zu sein und im Dialog zu bleiben.
Zum Abschluss: Ihre Wünsche für die Zukunft?
Längle: Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaften weniger polarisiert sind und wieder mehr miteinander sprechen, um Konflikte zu befrieden und Kriege zu vermeiden. Für mich persönlich wünsche ich mir, noch einige Jahre so weiterleben zu können, für andere da zu sein und Zeit mit meiner Familie zu verbringen.