Gewaltschutz: Wenn Grenzüberschreitungen die Normalität werden

Übergriffiges Verhalten im Reality-TV als Unterhaltung: Gewaltpräventionsexpertin Eva Kathrein spricht über die Wirkung solcher Bilder und die Verantwortung der Gesellschaft.
Wer Anfang des Monats ferngesehen hat, konnte ein irritierendes Nebeneinander erleben. Während Nachrichtensender über die jüngsten zwei Femizide in Österreich berichteten, zeigte ein privater Sender zeitgleich Bilder aus dem Reality-TV-Format „Temptation Island“. Dort war zu sehen, wie ein Teilnehmer Frauen mit Sekt bespuckte, nachdem diese ihm verweigert hatten, ihnen den Alkohol auf die Brüste zu spritzen.
Zwei Ebenen, die nicht gleichzusetzen sind, aber dennoch miteinander zu tun haben. Denn beide werfen dieselbe Frage auf: Wo beginnt Gewalt und wie viel Grenzüberschreitung wird gesellschaftlich noch akzeptiert?

„Das ist leider nicht immer eindeutig“, sagt Eva Kathrein, Selbstverteidigungs- und Gewaltpräventionsexpertin. Gewalt sei kein klarer Schalter, der plötzlich umgelegt wird, sondern häufig ein Prozess. Neben der strafrechtlichen Definition gebe es eine zweite, ebenso wichtige Grenze: „Dort, wo jemand keine Wahlmöglichkeit mehr hat, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen, beginnt Machtmissbrauch.“
Gerade übergriffiges Verhalten bewege sich oft in einem Graubereich. Was für die eine Person bereits als klare Grenzverletzung empfunden wird, kann für andere scheinbar harmlos wirken. Kathrein verweist dabei auch auf kulturelle Unterschiede. Dennoch gelte ein zentraler Maßstab: „Sobald jemand signalisiert, dass ihm etwas unangenehm ist, und das nicht respektiert wird, beginnt Gewalt.“ Das Bespucken im Reality-TV sei zumindest eine klare Grenzüberschreitung und aus ihrer Sicht sogar bereits Gewalt.

Häufig beginne Gewalt schleichend, erklärt Kathrein. In ihrer Arbeit spricht sie von sogenannten Grooming-Prozessen. Diese starten mit kleinen Grenzverletzungen, etwa beiläufigen Berührungen oder abwertenden Kommentaren und verschieben sich mit der Zeit immer weiter. „Die betroffene Person wird dabei oft in eine Abhängigkeit gedrängt, real oder vermeintlich.“ Irgendwann kehre sich die Verantwortung um: Das Opfer habe „freiwillig“ mitgemacht, heißt es dann. Tatsächlich handle es sich aber um einen systematischen Prozess.
Solche Muster begegnen Kathrein regelmäßig in ihrer Arbeit mit Jugendlichen. In Workshops an Schulen zeigt sich immer wieder ein ähnliches Bild: Die eigentlichen Täter sind meist wenige, oft nur ein oder zwei Personen. Eine große Mehrheit nimmt das übergriffige Verhalten wahr und lehnt es innerlich auch ab. Dennoch greift sie nicht ein. „Dieser schweigenden Mehrheit fehlt oft der Mut oder das Wissen, was sie konkret tun kann“, sagt Kathrein. Dabei könne genau hier angesetzt werden. Zivilcourage sei erlernbar, zumindest wenn man Menschen Werkzeuge in die Hand gebe.
Fehlende Kompetenz
Ein Kernproblem sieht die Expertin in einer schwindenden Sozialkompetenz. „Wir verbringen immer weniger Zeit miteinander und immer mehr in digitalen Räumen.“ Viele Jugendliche hätten kaum mehr echte Reibungsflächen im Alltag. Dabei entstehe soziale Kompetenz genau dort: im direkten Kontakt, im Feedback, im Aushandeln von Grenzen. Wenn diese Erfahrungen fehlen, werde Orientierung zunehmend aus medialen Bildern bezogen. Reality-TV, soziale Netzwerke und algorithmisch verstärkte Inhalte wirkten dabei besonders intensiv. „Wer unreflektiert konsumiert, lebt schnell in einer Bubble, in der problematisches Verhalten normalisiert wird.“
Zwischen den Stühlen
Zwischen den Stühlen. Besonders problematisch sei die Kombination aus sexualisierten Medieninhalten und gleichzeitig erstarkenden erzkonservativen Rollenbildern. Frauen würden entweder als Sexualobjekte oder als reine Erfüllungsgehilfinnen eines patriarchalen Ideals dargestellt. Diese Bilder wirkten, vor allem dann, wenn sie ohne Gegenbilder bleiben.
In ihrer Arbeit mit Frauen erlebt Kathrein zudem häufig eine tiefe Resignation. Viele hätten Gewalt erfahren und daraus die Überzeugung entwickelt, ohnehin machtlos zu sein. Selbstverteidigungskurse seien daher nicht nur körperliches Training, sondern vor allem ein Weg zurück zur Selbstwirksamkeit. „Viele Frauen spüren dort zum ersten Mal wieder, dass sie Handlungsmöglichkeiten haben.“
Es gehe nicht darum, Gewalt mit Gewalt zu beantworten, sondern Situationen frühzeitig zu erkennen und Eskalationen zu vermeiden.
Hinsehen
Gesellschaftlich wünscht sich Kathrein ein Umdenken. Weg vom Wegsehen und hin zu mehr Verantwortung füreinander. „Nicht hinzuschauen unterstützt Gewalt.“ Diese Haltung ziehe sich durch viele Bereiche, von der Familie über Schulen bis in die Politik. Gewalt beginne selten spektakulär. Sie wachse dort, wo Grenzverletzungen hingenommen, verharmlost oder ignoriert werden.
Reality-TV-Formate, die übergriffiges Verhalten inszenieren und belohnen, seien daher mehr als bloße Unterhaltung. Sie seien laut Kathrein ein weiteres Puzzleteil in einem größeren Bild. „Alleine erklären sie nichts“, sagt Kathrein. „Aber zusammen mit vielen anderen Faktoren tragen sie dazu bei, dass Grenzen weiter verschoben werden.“