Kultur

Aufsteigender Stern mit Wucht und Wahrhaftigkeit

06.03.2026 • 16:34 Uhr
Giorgi Gigashvili
Giorgi Gigashvili wird am 18. April im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte erneut in Vorarlberg spielen. Kellly-de-Geer

Schlaksig, charismatisch und voller Energie: Der 26-Jährige Pianist Giorgi Gigashvili begeistert das Dornbirner Publikum mit seinem explosiven Tastenspiel.

Was für ein Typ, was für ein facettenreicher Anschlag, was für eine Explosionskraft, was für eine Vielseitigkeit! Man könnte sich den schlaksigen jungen Mann auch auf einem Skateboard oder als Breakdancer vorstellen, im Rahmen von Dornbirn Klassik überraschte der georgische Pianist Giorgi Gigashvili mit einem wahrlich „beziehungsreichen“ Programm rund um Clara und Robert Schumann, Felix und Fanny Mendelssohn, Dmitri Schostakowitsch und Galina Ustwolskaja.

Giorgi Gigashvili
Marte

Liebevolle Annäherung

Als Komponistin stand Clara Schumann im Schatten ihres Ehemanns Robert Schumann, als Interpretin aber setzte sie sich lebenslang für seine Werke ein: Mit der Arabeske op. 18 brachte Gigashvili, der in Berlin lebt und in diesem Jahr ein konzertintensives Leben als „Rising Star“ führt, den vorwärtsdrängenden und wieder innehaltenden romantischen Geist Robert Schumanns zum Klingen. Wenn Clara Schumann dann eines der tief melancholischen „Bunten Blätter“ von Robert als Grundlage für Variationen nimmt, kann man im Spiel von Giorgi Gigashvili nicht nur ihre Klavierkunst, ihre spielerische und liebevolle Annäherung erahnen, sondern auch ihre Brillanz und Empfindsamkeit, die natürlich auch der Pianist widerspiegelt. Die klassischen Variationen sind wunderbar feinsinnig.

Herzzerreißend

Fanny Mendelssohn war vier Jahre älter als Felix und vermutlich lebenslang seine engste Beraterin und Freundin in musikalischen Dingen. Leider durfte sie auf Geheiß des Vaters bekanntermaßen nicht die Musik zum Mittelpunkt ihres Lebens machen, wurde aber von ihrem Ehemann, dem Maler Wilhelm Hensel, ermutigt und gefördert. Giorgi Gigashvil stellte von beiden „Lieder ohne Worte“ vor, eine Gattung, die so typisch ist für den schwärmerischen, sich aufschwingenden Gestus, in dem Felix und Fanny auf kleinem Raum Geschichten erzählen. Wieder konnte man das facettenreiche Spiel des Pianisten bewundern, seine Differenzierung in Liedmelodien und brodelnd emotionale Begleitfiguren, die aus dem „Jägerlied“ die Hornsignale, aber auch das Unheimliche des Waldes herauskitzeln, die vom Überschwang der Gefühle erzählen und das Glitzern der Wellen im Canal Grande spiegeln. Fannys „Lieder ohne Worte“ sind ebenso ausdrucksvoll, vielstimmig und herzzerreißend und es ist wunderbar, sie auch einmal im Konzert (und im direkten Vergleich) zu hören.

Selten zu hören

Zuletzt stellte der 26-jährige Pianist die Musik von Dmitri Schostakowitsch und seiner Schülerin Galina Ustwolskaja gegenüber: er sah sie nicht als Schülerin, sondern als eigenständige geschätzte Komponistin, beide hatten unter dem sowjetischen Regime zu leiden, suchten sich ihren Weg, vor sich selbst zu bestehen. Sind Schostakowitschs Symphonien und die Kammermusik gut vertreten in der Musikszene, so ist seine Klaviermusik eher selten im Konzertsaal zu hören. Gigashvili stellte in Schostakowitschs zweiter Sonate die grell explosive Kraft dar, die an Prokofjew erinnert. In großer Trauer ruft der Komponist im langsamen Satz seinen verstorbenen Lehrer Leonid Nikolajew in Erinnerung, in der bohrenden und zugleich unwirklichen Stimmung blitzen auch andere Trauersätze Schostakowitschs auf. Der dritte Satz präsentiert Variationen über ein volksliedartiges Thema, das von allen Seiten zerpflückt und beleuchtet wird, Gigashvili kann wiederum verschiedenste Aspekte seiner Gestaltungskunst zeigen. In ihrer Schärfe und Direktheit sind die Klänge der sechsten Sonate von Ustwolskaja von gnadenloser Urkraft geprägt, der Pianist setzt sich ihr mit Haut und Haar bzw. Ellbogen und Fäusten aus, die Insel feinster Pianissimoklänge wirkt zum Schluss wie eine Vision. Auch Gigashvilis Zugaben sind ungewöhnlich: Zuerst begleitet er sich selbst in einer gefühlvollen Ballade, dann winkt er noch einmal mit den fein ziselierten Trillern einer Scarlatti-Sonate.

Giorgi Gigashvili ist übrigens bald noch einmal in Vorarlberg zu erleben: Im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte ist er am 18. April an der Seite der Geigerin Lisa Batiashvili, die sich in ihrer Stiftung für junge Künstler aus ihrer Heimat Georgien unterstützt: Sonaten von Beethoven, Bartok, Franck und die Uraufführung eines georgischen Komponisten bilden das Programm.

Katharina von Glasenapp