Kultur

SOV begeistert mit Musik aus dem Schatten der Geschichte

13.04.2026 • 13:18 Uhr
SOV begeistert mit Musik aus dem Schatten der Geschichte
Violoncello-Solist Maximilian Hornung. Mathis

Das Symphonieorchester Vorarlberg überzeugt bei seinem letzten Abokonzert der Saison mit einem vielschichtigen Programm aus dem Osten Europas.

Mit einem farbenreichen und toll musizierten Programm reiste das Symphonieorchester Vorarlberg durch das riesige russische Reich und beendete damit seine Abokonzertreihe für diese Saison: Gara Garayev aus Aserbeidschan, Sulkhan Tsintsadze aus Georgien, Igor Strawinsky, geboren in St. Petersburg und in der Welt zu Hause, – alle drei erzählen Märchen oder höchst emotionale Geschichten, alle setzten sich auf ihre Weise mit dem sowjetischen System, mit Anpassung, Unterdrückung oder Exil auseinander.

SOV begeistert mit Musik aus dem Schatten der Geschichte
Dirigent Valentin Uryupin verlor als Gegner des russischen Angriffkriegs auf die Ukraine seinen Posten als Leiter des Novaya Operntheaters in Moskau. Mathis

Gern gesehener Gast

Dazu passt, dass der vielfach ausgezeichnete Klarinettist und Dirigent Valentin Uryupin in der Ukraine geboren und in Moskau ausgebildet worden ist und bereits 2019 im Rahmen der Bregenzer Festspiele höchst erfolgreich Tschaikowskys „Eugen Onegin“ mit dem SOV musiziert hat. 2022 war er der umjubelte Dirigent von Umberto Giordanos „Sibirien“ im Festspielhaus. Als Gegner von Putins Angriffskrieg musste er die Leitung des Novaya Operntheaters in Moskau aufgeben, er lebt in Berlin und ist, wie auch in diesem Konzert klar wurde, ein leidenschaftlicher Interpret der Musik seiner Heimat. Maximilian Hornung, der erst im Februar im Rahmen der Meisterkonzerte in Bregenz zu Gast war, wurde von seinem ersten Lehrer, dem Georgier Eldar Issakadze, geprägt und ist auch dadurch mit diesem Kulturkreis verbunden. Das SOV begab sich mit seiner Konzertmeisterin Michaela Girardi und den zahlreichen Solistinnen und Solisten hinein in diese vielschichtige Musik.

SOV begeistert mit Musik aus dem Schatten der Geschichte
Mathis

Prinzessinnen

Bei Gara Garayev aus Aserbeidschan, der in Moskau bei Schostakowitsch studierte, unterhalten sieben Prinzessinnen aus sieben Ländern den persischen König Bahram Gur mit ihren Geschichten: Die Einleitung rollt den Teppich aus, eine indische, eine slawische, eine chinesische und eine persische Schönheit werden mit den ihnen entsprechenden musikalischen Motiven, Instrumenten oder Modi portraitiert, schließlich sammeln sich alle in einer farbenreichen Prozession. Es gibt Assoziationen zu Prokofjew oder Rimski-Korsakow, Volkslieder und Tanzrhythmen bilden ein schillerndes Kaleidoskop, das das Orchester mit seinen vielen Registern unter Uryupins klarer Zeichengebung zum Leuchten brachte.

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Mathis

Melancholie

Eines Tages habe ihm sein Lehrer Eldar Issakadze eine Kiste mit georgischer Musik überreicht, erzählt der aus Augsburg stammende Maximilian Hornung im Podcast des SOV: Darin die Solostimme, ein schwer zu lesender Klavierauszug und eine klanglich schlechte Aufnahme des Cellokonzerts von Sulkhan Tsindsadze. Hornung machte sich mit großem Engagement an die Rekonstruktion, setzt sich in seinen Konzerten auch für andere Werke des Georgiers ein, der selbst Cellist war und viel Kammermusik und Filmmusik schuf. Natürlich wird Hornung auch zum Anwalt für das oft melancholische, dann beklemmend emotional wirkende, spieltechnisch anspruchsvolle Werk, Valentin Uryupin und das SOV sind mit gleicher Leidenschaft und Intensität dabei. In die Solokadenz sind Doppelgriffe und großräumige Passagen mit Triller- und Glissandoketten eingearbeitet, sie mündet in einen wilden Folkloreritt zusammen mit dem Orchester. Das melancholische Leitmotiv kehrt verwandelt zurück, feinste Flageolett-Klänge in hoher Cellolage werden vom Pochen der Kontrabässe grundiert und man denkt an Schostakowitsch, der das Klopfen der sowjetischen Schergen ebenfalls in seine Musik einfließen ließ. Danke für eine hochinteressante Entdeckung, die hier ihre österreichische Erstaufführung erlebte!

SOV begeistert mit Musik aus dem Schatten der Geschichte
Mathis

Jubelndes Publikum

Sein Ballett „Der Feuervogel“ schuf Igor Strawinsky im Jahr 1909 noch in Russland, es war die erste Zusammenarbeit mit Serge Diaghilew, dem Direktor der Ballets Russes in Paris. Wie auf einer großen Farbpalette mischt Valentin Uryupin aus den Registern des Orchesters die Themen und Klangfarben zusammen. Das SOV klingt großartig, geheimnisvoll schillernd in den Holzbläsern und hohen Streichern, weich in der Hörnergruppe, gefährlich, wenn es den dämonischen Zauberer Kaschtschej porträtiert. Aus dem fein zurückgenommenen Wiegenlied mit den zauberisch wispernden Klängen hebt sich eine gleißende Apotheose samt einer fulminanten Stretta, wenn der Dirigent mit seiner klaren Gestik noch einmal alles aus dem SOV herauskitzelt und das Publikum jubeln lässt.

Katharina von Glasenapp