Von Tempeltänzerinnen und Maschinenwesen

Beim dritten großen Abend des diesjährigen Bregenzer Frühlings war wieder einmal das Nederlands Dans Theater (kurz NDT 2) mit zwei faszinierenden Kreationen zu Gast.
In „Folkå“ aus dem Jahr 2021 spielt der spanische Choreograph und vielseitig tätige Theatermacher Marcos Morau mit der gebündelten Energie der Gruppe: Vierzehn Tänzerinnen und Tänzer sind zu Beginn in einem lebendigen Knäuel verschmolzen, wie Erdmännchen hebt sich immer wieder mal ein Mensch empor, der Wechsel von Gruppe und Individuum wirkt spielerisch.

„Hymne an das Leben“
Zu den Stimmen eines bulgarischen Frauenchors, einzelnen hellen Glockenschlägen oder aneinanderschlagenden Kieseln finden sie sich in einem stampfenden Ritual, erdverbunden und im diffusen Licht zu einer bewegten Masse verbunden. Durch die einheitlichen Kostüme mit weißen bestickten Blusen, schwarzen Hosenträgern, weiten schwarzen Röcken und weißen Strümpfen scheinen Geschlechtergrenzen aufgehoben. Nach und nach werden die Konturen und die Beziehungen klarer, doch immer schwingen sie gemeinsam, im Kreis, in der Reihe, selten als Paare. „Folkå“ beschwört die Arbeitslieder und -tänze und folkloristischen Rituale herauf, eine Kraft der Gemeinschaft, die, getragen vom unerbittlichen Puls der Musik, eine „Hymne an das Leben“ feiert. Dass dabei auch reichlich Geheimnisvolles, Dunkles, Beklemmendes zum Ausdruck kommt, gehört zu diesen teils archaischen Tanzformen dazu. „Folkå ist ein Lied an das Leben, eine Nacht der Opfergabe und des Feierns“ schreibt Marcos Morau – und der Phantasie des begeisterten Publikums sind wieder einmal keine Grenzen gesetzt.

Bewegliche Körperskulpturen
Der vibrierende Puls der Musik setzt sich im zweiten Teil des Abends mit „Saaba“ in der Choreographie von Sharon Eyal und Gai Behar fort. Erst im März fand die Premiere beim NDT 2 statt, vor fünf Jahren wurde das gut halbstündige Stück für die Tanzkompagnie in Göteborg geschaffen. Zur schnalzenden, stampfenden Musik von Ori Lichtnik schieben sich einzelne Tänzerinnen und Tänzer von links nach rechts über die breite Bühne des Festspielhauses – gezogen vom linken Arm, schlängelnd, mit einem leichten Knick in der Hüfte, ähnlich und durch die Körperformen doch individuell stellt sich das Ensemble vor. Durch die hautfarbenen Kostüme mit den weißen Krägen und Söckchen (geschaffen von Maria Grazia Chiuri) erscheinen die Körper im diffusen Lichtdesign von Alon Cohen wie bewegliche Körperskulpturen, fließend, in klassischer Ästhetik der Arm- und Beinführung. Doch immer wieder gibt es kleine Brüche, die das Klassische überzeichnen – etwa in einem extremen Hohlkreuz – oder ironisieren, indem eine Bewegung abgespalten wird. In perfekter Symbiose treten die Menschen wie schemenhafte Figuren aus dem Halbdunkel, scheinen einer Darstellung des Paradieses oder Botticellis entsprungen, dann wieder ähneln sie mit ihrer feinen Fingerführung indischen Tempeltänzerinnen oder Maschinenwesen, deren Bewegung sich verselbstständigt hat. Dass das alles auf halber Spitze, also auf den Fußballen, getanzt wird, lässt schon allein beim Zuschauen die Wadenmuskeln schmerzen!
Der nächste Abend des Bregenzer Frühlings führt am 29. Mai mit „Sounding Light“ nach Taiwan.
Katharina von Glasenapp