Wie ein Null-Euro-Schein im Kunsthaus Bregenz an Wert gewinnt

Cyprien Gaillard zeigt im Kunsthaus Bregenz, wie Musik zum Instrument sozialer Kontrolle wird.
Wer schon mal am Dornbirner Bahnhof war, weiß um den Einsatz klassischer Musik zur Vertreibung von Menschen. Diese kunstfeindliche wie anti-humanistische Praxis lässt sich auf der ganzen Welt beobachten und ist ein zentrales Interessensgebiet des französischen Künstlers Cyprien Gaillard (Jahrgang 1980).

Seine Ausstellung „When you expect flutes, it‘s whistles“ (englisch für „Wenn du Flöten erwartest, sind es Pfeifen“) wird am 12. Juni, um 19 Uhr, im Kunsthaus Bregenzer eröffnet und steht bis zum 4. Oktober zur Schau.

Flaneur und Flötenspieler
Wer an dieser Stelle erwartet, dass es in der Ausstellung um die kunstvollen Klagen eines Aktivisten geht, der irrt. Gaillard ist viel eher ein Flaneur mit dokumentarischem Blick. Er selbst empfiehlt, die Schau mit dem Hauptwerk im obersten Stock zu beginnen. Dort läuft erstmals der 35-minütige Film „Deterrent“, den das Kunsthaus Bregenz gemeinsam mit der Fondazione Prada produziert hat. Gedreht auf analogem 35-Millimeter-Material führt er durch Los Angeles, Hamburg, Kopenhagen und Stockholm.

Am Anfang des Films strömt besagte klassische Musik aus den äußeren Boxen eines Supermarkts in Los Angeles. Ihr Zweck ist der gleiche wie in Dornbirn. Wo derartige Praxen das Selbstverständnis der schönen Künste auf den Kopf stellen, hält die Kamera in späteren Passagen eine Anmut fest, die fast schon obszön wirkt. Schließlich gelang es dem Franzosen, ein mit Unrat gefülltes Rinnsal samt betoniertem Flussbett mit außergewöhnlich schönen Bildern einzufangen.
Zentrale Klammer des Films und der Ausstellung ist die Sage um den „Rattenfänger von Hameln“.

Gaillard/Kunsthaus/Fondazione Prada
Kunsthausdirektor Thomas D. Trummer verweist dabei auf die eigentümliche Doppelrolle dieser Figur. Zunächst befreit der Flötenspieler die Stadt von Ungeziefer. Doch nachdem ihm der versprochene Lohn verweigert wird, richtet sich dieselbe Verführungskraft gegen die Bürger selbst. Diesmal folgen die Kinder seiner Melodie. So schlägt die Macht der Vertreibung gegen jene, die sie gerufen haben.

Der Wert eines Null-Euro-Scheins
Im zweiten Obergeschoss begegnen die Besucher offiziellen Null-Euro-Scheinen der ECB, Bankomaten-Schutzvorrichtungen und den Klappen von Querflöten. Besonders die sogenannten Penumbra, eine metallene Sichtschutzvorrichtung für Bankomaten, stahlt bedrohlich, barbarisch. Ursprünglich sollen sie bloß verhindern, dass Fremde beim Eingeben des PIN-Codes zusehen können. Bei Gaillard wirkt sie dagegen wie der Helm einer mittelalterlichen Rüstung.

Besonders die Null-Euro-Scheine entwickeln eine eigentümliche Komik. Einer von ihnen wurde durch eine Sicherheitskartusche blau eingefärbt und dadurch vermeintlich doppelt wertlos. Im Kunsthaus Bregenz erfährt das Objekt jedoch eine wundersame Auferstehung. Der entwertete Schein wird zum Kunstwerk und damit potenziell wertvoller als manches echte Zahlungsmittel.
Sofortbild
Deutlich persönlicher wird es im ersten Obergeschoss. Dort zeigt Gaillard Gruppen von Polaroids, die er bis 2011 auf seinen Streifzügen durch die Welt aufgenommen hat. Die Fotografien liegen in papiernen Halterungen und sind als skulpturales Gefüge gedacht. Da Polaroids ohne Negativ stets einmalig vor Ort entstehen, tragen sie – für Fotografie untypisch – die Aura des Unikats. Zu sehen sind urbane Szenen aus Mexiko, Iran, Irak, den Vereinigten Staaten und Europa.

Techno im Erdgeschoss
Im Erdgeschoss verabschiedet sich die Ausstellung schließlich von musealer Stille. Das gesamte Erdgeschoss wurde ausgeräumt, um einer riesigen aufblasbaren Figur Platz zu machen. Von Gebläsen mit Luft versorgt, windet sie sich durch den Raum, boxt, streckt und verkrümmt sich.

Mal wirkt die Figur wie ein jubelnder Tänzer, dann wieder wie ein Wesen, das an seiner eigenen Existenz leidet. Die Bewegungen der Figur folgen klassischer Musik entlehnten Techno-Tracks aus dem Berlin der 1990er-Jahre und kommen aus dem sagenhaften Killasan Soundsystem. Es wurde Anfang der 1990er-Jahre für einen Club in Osaka entworfen, fand seine Bestimmung aber in Berliner Techno-Tempel wie dem „Tresor“.

Da die glatten Wände des KUBs jegliche Akustik verzerren, empfiehlt der Künstler, sich entweder in der Mitte des Raums oder gleich direkt vor den Boxen beschallen zu lassen.

Ein Fan des Bregenzer Bahnhofs
Gaillard weigert sich üblicherweise für die Presse fotografiert zu werden und nahm an der Pressekonferenz im KUB nicht teil. Dafür erschloss er sich in den letzten Tagen die Bregenzer Innenstadt. KUB-Direktor Trummer erzählt schmunzelnd, der Künstler habe ihm kürzlich mehrere Fotografien des Bregenzer Bahnhofs auf das Handy geschickt. Der Franzose findet denweitläufig als Schandfleck der Stadt verschrienen Ort „großartig“, schließlich gibt er ein stilles Zeugnis von der Gegenwartsgesellschaft, beziehungsweise von dem, was diese gerne abreißen, oder zumindest verdrängen möchte.