Gedenkstätten in Bregenz werfen Fragen auf

Wie der NEUE mitgeteilt wurde, sollen zwei junge Männer im Frühjahr in Bregenz an einer Überdosis verstorben sein. Ein Ausreißer, der Fragen zur Situation im Land aufwirft.
Unter zwei Bäumen liegen Blumensträuße, brennen Kerzen. In einem öffentlichen Park in Bregenz wurden im Frühjahr Gedenkstätten für zwei junge Männer eingerichtet. Beide wurden nicht einmal 20 Jahre alt. Wie der NEUE zugetragen wurde, heißt es innerhalb der Szene: Die Männer verstarben jeweils an einer Überdosis.
Angesichts der vorliegenden Informationen hat die NEUE die Situation mit speziellem Augenmerk auf Jugendliche und junge Erwachsene betrachtet und hierfür Stimmen von Land sowie Suchtberatung eingeholt.
Ausreißer
Nach Informationen der Landespressestelle liegt über die letzten Jahre hinweg kein Anstieg bei jüngeren Drogentoten vor. Im gesamten Jahr 2024 verstarb eine Person unter 25 Jahren durch Drogeneinfluss. Insofern zeigt sich im vorliegenden Fall ein Ausreißer, denn beide jungen Männer starben im ersten Quartal 2026.
Dennoch muss in diesem Kontext unterschieden werden. Philipp M.* (Name von der Redaktion geändert), eine Person aus dem Umfeld der beiden Verstorbenen, hat die Umstände kurz dargelegt: “Der eine war mit Leuten zusammen und der andere war allein.” In ersterem Fall sei es im Anschluss zu vielen Schuldzuweisungen gegenüber einer dritten Person, dem Überbringer der Drogen, gekommen.
Ursachen
Einem der beiden Verstorbenen habe nach einer Kündigung die Struktur im Leben gefehlt. Pläne seien nie zustande gekommen. Dieser habe sich letztlich in einem Teufelskreis befunden. “Wenn es um das Thema Drogen ging, ist er immer offener geworden. Und wenn es um andere Dinge ging, hat er sich immer mehr verschlossen”, so Philipp M.

Im Zuge der Recherchen hat die NEUE nochmals explizit Ursachen erfragt. Die Landespressestelle hat subjektive Perspektivenlosigkeit als einen Faktor für ein risikoreicheres Konsumverhalten bei jungen Personen genannt. Von Seiten der Stiftung Maria Ebene wird betont, dass Suchterkrankungen meist mit psychischen Erkrankungen einhergehen. Dies sei besonders für junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 25 Jahren herausfordernd, da diese das Jugendhilfesystem verlassen und sich im Erwachsenenbereich nicht ausreichend wiederfinden.
Dies steht zudem im Kontext, dass unterschiedliche Drogen leicht verfügbar und zugänglich sind, im Speziellen nennt die Landespressestelle Benzodiazepine. Diese Medikamentengruppe wird unter anderem bei Schlaf- und Angststörungen oder Epilepsie eingesetzt. Sie birgt allerdings ein hohes Suchtpotenzial. Welche Drogen die beiden Verstorbenen konsumiert haben sollen, ist nicht bekannt.
Unbekannte Wechselwirkungen
Darüber hinaus betrachtet, bestätigen sowohl die Landespressestelle, die Stiftung Maria Ebene sowie der Drogenbericht des Sozialministeriums ein zunehmendes Konsumverhalten, welches Benzodiazepine, Opioide und Kokain umfasst. Die Stiftung Maria Ebene legt die Gefahren des Mischkonsums dar.
“Die Risiken werden dabei oft unterschätzt, weil die Wechselwirkungen der einzelnen Substanzen vielen Menschen nicht ausreichend bekannt sind. Der Hinweis auf die Gefahren des Mischkonsums und die Aufklärung darüber, was im Körper passiert und warum bestimmte Kombinationen besonders riskant sind, ist sehr wichtig. Das ist auch Teil unserer täglichen Arbeit.”
Als besonders kritisch erachtet wird die gleichzeitige Einnahme von zentralnervös dämpfend wirkenden Suchtmittel, da diese sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken können. Damit sind Wirkstoffe gemeint, die Körperfunktionen verlangsamen, die durch das zentrale Nervensystem gesteuert werden.
Österreichweit zeigt der Drogenbericht 2025 allerdings auch klar: Die am weitesten verbreitete illegale Droge ist Cannabis, doch bei Weitem am meisten Personen befinden sich wegen Opioidkonsums in Behandlung. In diese Gruppe fällt auch Heroin. Allein auf Vorarlberg bezogen werden diesbezüglich in Therapien bei Jugendlichen verstärkt auf Entzug- oder Entwöhnungsmaßnahmen gesetzt. Bei den unter 30-Jährigen befinden sich nur rund zehn Prozent der Patienten in Behandlung mit Ersatzmedikamenten, einer sogenannten Opioid-Agonisten-Therapie (OAT).

Faktor Alkohol
Ein weiterer Faktor, der genannt wird, ist Alkoholkonsum. Dieser Aspekt präsentiert sich jedoch zwiespältig. Zwar unterstreicht die Stiftung Maria Ebene die niedrigere Hemmschwelle und erhöhte Risikobereitschaft unter Alkoholeinfluss, bezieht dieses Problem aber nicht ausschließlich auf Jugendliche.
Von Seiten des Landes wird sogar eine konträre Entwicklung bei jüngeren Menschen beschrieben: In Vorarlberg “sinkt der Konsum von Alkohol und Nikotin, insbesondere von Tabakwaren, in der Kohorte von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Konzepte von gesundem Lebensstil scheinen den Suchtmittelkonsum in manchen Milieus reduziert zu haben.”
Maßnahmen und Unterstützung
Ende 2025 veröffentlichte das Land Vorarlberg mit der Psychiatrie- und Suchtstrategie 2025 -2035 einen umfassenden strategischen Rahmen für psychosoziale Versorgung und Suchthilfe. Darin ist die Entwicklung von dezidierten Angeboten für Jugendliche und junge Erwachsene in den integrierten Sucht- und Drogenberatungsstellen vorgesehen. Als wesentliches Element in der Suchtarbeit gilt dabei die konsensorientierte Einbeziehung von Bezugspersonen aus dem persönlichen Umfeld der jungen Personen.

Die Stiftung Maria Ebene sieht langfristig die Notwendigkeit von ausreichend Betreuungsplätzen und den Zugang zu spezialisierten Angeboten. Es werde versucht, Betroffene durch psychosoziale Beratung und Begleitung möglichst gut zu unterstützen und so Stabilität zu schaffen.
Drogen im öffentlichen Raum
Die NEUE hat sich darüber hinaus über die Drogensituation im öffentlichen Raum erkundigt. Auf Rückfrage bei der Stadt Bregenz, ob im Umfeld der Gedenkstätten ein auffälliges Konsumverhalten vorliege, wurde dies verneint. Explizit hieß es dazu, dass es vor Ort keine Beschwerden über liegengelassene Spritzen oder Ähnliches gebe. Ein Zusammenhang der Todesfälle mit Drogen wurde ebenfalls verneint.
Weiters hat die Landespressestelle informiert, dass der Konsum im öffentlichen Raum regional sehr unterschiedlich sei. Risikoreicher, intravenöser Drogenkonsum (“spritzen”) sei demnach lokal beschränkt. Dabei habe eine Kombination aus städtebaulichen-architektonischen Maßnahmen mit abgestimmter Sozialarbeit eine gute Regulierung ermöglicht. Es bestehe in diesem Punkt aktuell kein akuter Handlungsbedarf.