Kultur

Große Oper trotz Wadenbeinbruch

22.06.2026 • 13:00 Uhr
Konstantin Krimmel, Ammiel Bushakevitz
Pianiste Ammiel Bushakevitz und Konstantin Krimmel auf der Bühne des Angelika Kauffmann Saals in Schwarzenberg. Schubertiade

Konstantin Krimmel trotzt einer Verletzung und begeistert bei der Schubertiade mit Schiller-Balladen. Igor Levit entfacht später ein Beethoven-Gewitter

Zuerst ein Schreckmoment: Konstantin Krimmel kommt mit Krücken und Wadenbeinbruch auf die Bühne und hievt sich auf einen Hocker – aber der Konzentration und Fokussierung tut das sogar gut, wenn er an der Seite seines Pianisten Ammiel Bushakevitz nach dem „leichteren“ Einstieg die beiden riesigen Schiller-Balladen „Die Bürgschaft“ und „Der Taucher“ zum Leben erweckt. Mit gemessenem Schritt begleiten sie zunächst die Lebensreise eines „Pilgrim“, der „Schiffer“ nach Mayrhofer ist ein stolzer und wilder Wurf, im „Nachtstück“ strömen Stimme und Klavierfiguren in einem wunderbaren Bogen.

Tolles Gespann

Schillers Balladen sind für die einen mit unguten Erinnerungen aus der Schulzeit verbunden, die anderen haben sie geliebt. Konstantin Krimmel gehört unbedingt zu den letzteren, schon in ersten CD-Aufnahmen hat er das gezeigt. Aber was er nun mit den in den letzten Jahren gewonnenen Erfahrungen daraus macht, wie er mit Farben, Dynamik, Mimik spielt, wie er die zynischen Machthaber nachzeichnet, die schicksalhaften Wendungen in der „Bürgschaft“ durchlebt oder sich in die schaurigen Berichte aus dem brausenden Meer vertieft, damit ist er nochmals in einer anderen „Liga“ der Liedgestaltung angekommen. Es ist große Oper in der kleinen Form und immer kann man auch staunen, wie der 18-jährige Schubert diese dramatischen Texte in großartige Musik verwandelt hat. Der Klaviersatz im „Taucher“ ist so anspruchsvoll wie ein Klavierkonzert (das er nie schrieb), und auch Ammiel Bushakevitz darf hier buchstäblich aus dem Vollen schöpfen. Die beiden sind ein tolles Gespann, ob mit oder ohne Krücken, und schenken dem Publikum zur Beruhigung nach diesem Kraftakt noch einen „Sommerabend“ von Brahms.

Igor Levit
Igor Levit entfacht ein Klanggewitter. Schubertiade

„Nun komm der Heiden Heiland“

Am Abend zündet auch Igor Levit ein Feuerwerk, vor allem mit der immer überwältigenden „Appassionata“ von Beethoven, auf die er mit der großen vorletzten A-Dur-Sonate von Schubert und der f-Moll-Fantasie von Chopin vorbereitet. Schubert bleibt da merkwürdig oberflächlich im Ausdruck, die Außensätze klingen bei Levit heiter, flink, freilich technisch souverän. Wenn sich im langsamen Satz seelische Abgründe auftun, verwandelt er sie mit starkem Pedaleinsatz in ein Klanggewitter. Auch Chopin (den er früher nie spielen wollte) wirkt bei ihm entschlackt von aller Sentimentalität, dämonisch und gebrochen. Bei Beethoven ist Levit dann ganz bei sich, hier gibt er sich hinein, aufbegehrend und wild bis zum Überschlag, unheimlich, kontrastreich, manchmal spinnwebfein im oberen Register. Hier stört ihn auch die Hitze nicht mehr und zur Abkühlung vertieft er sich in die klangdichte Busoni-Bearbeitung von Bachs „Nun komm der Heiden Heiland“ – ein Choral zur Adventszeit im heißen Schubertiadesommer…

Katharina von Glasenapp