Kultur

Zwei Altmeister im gemeinsamen Schritt

23.06.2026 • 13:16 Uhr
Christoph Prégardien, Julius Drake
Pianist Julius Drake und Sänger Christoph Prégardien auf der Bühne des Angelika-Kauffmann-Saals in Schwarzenberg. Schubertiade

Christoph Prégardien und Julius Drake machen Schuberts Zyklus bei der Schubertiade einmal mehr zum Ereignis.

Unzählige Male hat Christoph Prégardien Schuberts großen Liederzyklus „Winterreise“ schon gesungen, unzählige Male hat man ihn bei der Schubertiade gehört und immer wieder ist es ein Geschenk – für den Sänger, den Pianisten und das Publikum, zu jeder Jahreszeit und auch im Hochsommer. Vielleicht ist es ja bei 25° Außentemperatur um acht Uhr abends besonders erquickend, gefrorene Bäche und unwirtliche Stimmungen zu visualisieren. Mit dem ersten Takt von „Gute Nacht“ holen Christoph Prégardien und sein wunderbar feinsinniger britischer Liedpianist Julius Drake das Publikum ab, führen es durch den „Reigen schauerlicher Lieder“ und spannen über 75 Minuten einen riesigen, vielgestaltigen Bogen.

Christoph Prégardien, Julius Drake
Schubertiade

Stimme in Top-Form

Anfang dieses Jahres hat Prégardien seinen 70. Geburtstag gefeiert, die Stimme ist in Top-Form, auch wenn er für den Zyklus mittlerweile die etwas bequemere tiefere Lage wählt, und die Herausforderungen durch die Hitze mögen dazu geführt haben, dass er an diesem Abend etwas kurzatmig wirkt. Aber auch, wie er damit umgeht, ist große Kunst und verstärkt sogar die berührende Gestaltung. Wie immer sind es die kleinen Besonderheiten beim Sänger und beim ihm symbiotisch und atmend verbundenen Pianisten, die aufhorchen lassen und das Bekannte frisch beleuchten: etwa das Licht bei „Will dich im Traum nicht stören“, die Sforzati in „Gefrorne Tränen“, die Schlichtheit und das wunderbare Pianissimo im „Lindenbaum“, die wiegend meditativen Klavierfiguren in „Wasserflut“ oder die charmante Helligkeit im „Rückblick“. Taumelnd gestaltet Julius Drake die Tonwiederholungen im „Irrlicht“, betont damit das Wahnhafte, das den Ausgestoßenen auf seiner Wanderung überkommt. Die Reise geht weiter mit den Seufzerfiguren in „Rast“, dem hellen und jäh abgebrochenen „Frühlingstraum“, dem schleppenden Trauermarsch in „Einsamkeit“, den fragmentarischen Tupfern in „Letzte Hoffnung“ und der tiefen Resignation von „Im Dorfe“. Immer mehr reduzieren die Künstler auf das Wesentliche, sind eingeschwungen in einem langsamen Grundpuls, in den der Pianist noch herrliche Mittel- und Oberstimmen einwebt. Einmal noch werfen sie sich in den beißenden Spott von „Mut“, um schließlich den Zyklus mit dem „Leiermann“ fast rezitierend verklingen zu lassen.

Nach dieser ungemein dichten und umjubelten Interpretation geben die Künstler sogar noch eine Zugabe: „Mutter Erde“ nach Friedrich Leopold Graf zu Stolberg (D 788) führt die Gedanken der „Winterreise“ todessehnsüchtig fort und Christoph Prégardien zeigt mit fein schwebender Kopfstimme, dass er immer noch ein wunderbarer Tenor ist!

Katharina von Glasenapp