Kultur

Mit der Flex auf dem Flugzeugfriedhof

01.07.2026 • 18:18 Uhr
Mit der Flex auf dem Flugzeugfriedhof
Pirgelis: „Ich würde nie mit Teilen abgestürzter Flugzeuge arbeiten.“ Steurer(7)

Neue Schau im Kunstraum Dornbirn zeigt die monumentalen Skulpturen von Michail Pirgelis.

Sengende Hitze, staubiger Wüstenboden und unzählige ausrangierte Passagierflugzeuge. Für die meisten Menschen wäre ein Flugzeugfriedhof, wie er in der US-amerikanischen Mojave-Wüste existiert, ein Sinnbild des Ablebens. Nicht für Michail Pirgelis. Der 1976 in Essen geborene Künstler begeistert sich seit früher Kindheit für Flugzeuge, deren Bestandteile zu seinem zentralen Medium wurden.

Mit der Flex auf dem Flugzeugfriedhof
Thomas Häusle schätzt, wie sich Kunst und Kunstraum in dieser Ausstellung speziell ergänzen.

Jetzt zeigt der Kunstraum Dornbirn die Werke des deutsch-griechischen Kölners in seiner ersten Einzelausstellung auf österreichischem Boden. Kunstraum-Direktor Thomas Häusle freut sich, dass die ehemalige Montagehalle der Rüschwerke ideal mit Pirgelis‘ Arbeiten harmoniert.

Mit der Flex auf dem Flugzeugfriedhof

Abenteuerlich

Die künstlerische Praxis des Kölners ist so aufwendig wie abenteuerlich. Schließlich kann er seine Materialien nicht im Künstlerbedarf erwerben. Stattdessen reist Pirgelis regelmäßig in die USA, wo er in ausrangierten Flugzeugen nach den Bauteilen sucht, die seine nächste Skulptur in sich tragen könnten. Mit seiner romantischen Begeisterung sei er vor Ort alleine. Die Arbeiter würden eher von ihm genervt sein, gesteht der Kölner lachend. „Wenn ich mich in ein Objekt verliebe und lange davor stehe, sagen sie nur: ,Hey, was machst du hier so lange?‘“ Hat der Künstler das passende Stück gefunden, beginnt die Schwerarbeit.

Mit der Flex auf dem Flugzeugfriedhof

Mit einer großen Flex setzt Pirgelis die ersten Schnitte. „Man muss von außen schneiden, dann wieder hineingehen, alles abbauen und Schicht für Schicht freilegen.“ Erst wenn das gewünschte Fragment vollständig gelöst ist, tritt es seine Reise nach Europa an. Ein Container bringt die Flugzeugteile zunächst per Schiff nach Bremerhaven, von dort gelangen sie weiter in das Atelier des Künstlers nach Köln. Dort beginnt ein zweiter Arbeitsprozess: Lackschichten verschwinden, Oberflächen werden geschliffen und poliert, bis schließlich das reine Aluminium sichtbar wird.

Mit der Flex auf dem Flugzeugfriedhof
Links steht die Arbeit „Echo“ (2022). Rechts daneben wird sie mit „Collected Canter“ (2019) ergänzt.

Der Ausstellungstitel „Hyle“ verweist auf ein Konzept des antiken Philosophen Aristoteles. Er beschreibt jene ungeformte Materie, die ihr Potenzial erst durch Gestalt entfaltet. So wie ein Bildhauer dem Steinblock Formen abringt, die zuvor nur als abstraktes Potenzial vorhanden sind, legt Pirgelis die spiegelnden Aluminiumflächen frei. Davon zeugen die gewaltige Arbeit „Collected Canter“ (2018) im großen Saal und „Motor Guide“ (2019) im kleinen.

Mit der Flex auf dem Flugzeugfriedhof

Eine Flut von Assoziationen

„Ich würde nie mit Teilen abgestürzter Flugzeuge arbeiten“, betont der Künstler im Gespräch mit der NEUE. Er fürchte sich davor, dass seine Werke Bilder von Gewalt und Scheitern hervorrufen. Es gehe ihm auch nicht darum, „den technischen Fortschritt zu kennzeichnen oder zu enthüllen. Mich interessiert vielmehr, den Zweck des Materials zu entfremden und auf eine andere Realität hinzuweisen.“

So wird die ehemalige Außenhaut einer Boeing zur monochromen Bildfläche. Ein Rumpfsegment wirkt plötzlich wie ein monumentaler Torbogen, eine Druckkalotte erinnert ebenso an ein antikes Schild wie an ein Raumschiff.

Mit der Flex auf dem Flugzeugfriedhof

Die Ausstellung lebt von diesem Schwebezustand und nimmt ihre Besucher mit auf eine Reise. Allerdings nicht von A nach B, sondern vom Gegenstand zur Idee, vom Vertrauten zum Fremden. Am Ende erzählt „Hyle“ von jenem schlummernden Potenzial, das selbst in scheinbar ausrangierter Materie darauf wartet, freigelegt zu werden.

Die Ausstellung „Hyle“ wird am Donnerstag, 2. Juli, um 19 Uhr im Kunstraum Dornbirn eröffnet. Bereits am Freitag, 3. Juli, spricht Michail Pirgelis gemeinsam mit Thomas Häusle um 14 Uhr über seine Arbeit. Zu sehen ist die Ausstellung bis 8. November 2026.