Veronique Homann und die Kunst des fremden Briefes

Bregenzerin Veronique Homann wurde in Klagenfurt zur Briefeschreiberin für fremde Sehnsüchte.
„Deine Augen sind so blau wie der Himmel an einem Sonnenmorgen.“ Ein seit vielen Jahren schwer verliebter Jugendlicher soll sich mit diesem Satz, und vielen weiteren, bei Veronique Homann gemeldet haben. Seine innige Sehnsucht gilt aber nicht der Bregenzer Lyrikerin. Stattdessen wurde sie mit dem intimen Auftrag vertraut, die Gefühle des Schülers in Form eines Liebesgeständnisses an seine Ersehnte auszuformulieren.

Es ist einer der 36 Briefe, die sie in ihrer Rolle als Klagenfurter Stadtkünstlerin verfasst hat. Entstanden ist dieses Amt aus einer Lücke: Während Klagenfurt 2026 den 100. Geburtstag Ingeborg Bachmanns und 50 Jahre Bachmannpreis begeht, fiel das traditionelle Stadtschreiberstipendium Sparmaßnahmen zum Opfer.

Der Verein zur Anregung des dramatischen Appetits (Vada) – reagierte darauf mit einer Gegenidee und rief kurzerhand die Klagenfurter Stadtkünstlerin ins Leben. Homann bewarb sich mit einem einfachen wie naheliegenden Vorschlag: Sie wollte für Menschen Briefe schreiben. Liebesbriefe, Beschwerden, Bewerbungen, Geburtstagsgrüße oder Behördenpost. Wer Worte suchte, konnte zu ihr kommen.

Ihr Arbeitsplatz war das Jugendstiltheater am Goethepark, laut Homann das kleinste Theater Österreichs. Knapp zehn Quadratmeter, eine alte Hermes-Baby-Schreibmaschine, Papier, Kohlepapier, Kuverts, Wachs und Siegel genügten. Dort nahm die 1990 geborene Autorin Platz, hörte zu und gab den Anliegen eine literarische Gestalt. Manche kamen mit klaren Aufträgen, andere nur mit einem Gefühl. Jemand wollte Danke sagen. Jemand suchte Worte für Freundschaft. Ein anderer wollte seinen Ärger über den Weg zur österreichischen Staatsbürgerschaft nicht länger formlos in sich tragen.

Staatsnichtangehörigkeit
Die Lyrikerin wuchs mit deutschem Pass in Lochau auf und daher mit diesem Problem vertraut. Doch statt eines klassischen Amtsbriefs entstand bei Homann ein Schreiben über die „Kakanische Staatsnichtangehörigkeit“. „Kakanien“, so bezeichnete Robert Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ die k. u. k. Monarchie. In Klagenfurt wurde es zum Synonym für Österreich. So schreibt Homann: „Nach gründlicher Überlegung bin ich zu der Feststellung gekommen, dass sich mir nun vollends erschließt, weshalb ich der kakanischen Staatsangehörigkeit weiterhin zu entbehren habe.“

Ihr Brief tut so, als hätte der Antragsteller die Logik der Behörde endlich verstanden. Selbstverständlich, fährt er fort, erfülle er die Formalitäten der Republik Kakanien umfänglich. Gerade deshalb könne sein Antrag nur scheitern. All das, was eigentlich für den Antragsteller sprechen müsste, wird aufgezählt: eine bestehende Ehe mit einer „Kakanierin“, einen „einkommensgrenzenfüllenden und prestigeträchtigen Beruf“, ein „einwandfreies Leumundszeugnis“, ein „kakanisches Sprachniveau C2“ und eine Aufenthaltsdauer „im Bereich der Unglückszahl“. Am Ende stimmt der fiktive Bittsteller der Behörde zu, „dass ich der kakanischen Staatsangehörigkeit unwürdig bin.“

Die Texte zeigen, wie breit ihr Register ist. Sie kann romantisch, trocken, komisch, zornig und zärtlich schreiben, oder alles zugleich. Nur der Dialekt scheint ihr nicht zu liegen.

Als die Lyrikerin von einem Kärntner gefragt wurde, ob sie einen Geburtstagsbrief auf Vorarlbergerisch verfassen könne, stellte sie sich dennoch der Herausforderung. So trifft der Satz „Vo all den Dingen, die du net erwartesch, hättesch vermutlich net an Brief auf Vorarlbergerisch vo mir erwartet“ auch auf die Autorin zu. Lachend gesteht sie: „Für Dialekt-Kenner wäre der Brief eine Katastrophe. In Kärnten ging er aber ohne weiteres als Vorarlbergerisch durch.“