Kultur

Unpop reinigt das Theaterpublikum von der Empörung

10.07.2026 • 17:41 Uhr
Unpop reinigt das Theaterpublikum von der Empörung
Es spielen: Ambra Berger (l.), Peter Bocek, Fabienne Trüssel, Maria Strauss und Jens Ole Schmieder. Unpop

Ensemble Unpop setzt seine kostenlose Sommerreihe im öffentlichen Raum mit Caren Jeß‘ „Eleos“ fort.

Wie eine spirituelle Dienstleistung liest sich die Ankündigung der neuen Sommerproduktion von Unpop, dem Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung. Nach dem Theaterbesuch soll der Mensch, einer alten Tragödientheorie folgend, „sittlich gereinigt in seine Realität zurückkehren“.

Eleos
Unpop

Garstige Lust

Überall wird geschimpft, gejammert, kommentiert, widersprochen und mit erstaunlicher Lust an der eigenen Gereiztheit festgehalten. Genau dort setzt „Eleos – Eine Empörung in 36 Miniaturen“ von Caren Jeß an. Bereits im vergangenen Jahr brachte unpop mit „Die Katze Eleonore“ ein Stück der 1985 geborenen Autorin nach Bregenz. Damals verwandelte sich Maria Fliri auf der Bühne des Theater Kosmos Stück für Stück in eine Katze. Jetzt rückt das Schauspiel mitten in die Öffentlichkeit, konkret am Bregenzer Kornmarktplatz und Kirchplatz in Lustenau.

Unpop reinigt das Theaterpublikum von der Empörung
Die NEUE traf das unpop-Duo Caroline Stark und Stephan Kasimir zum Gespräch. Stiplovsek

Regisseur Stephan Kasimir schildert „Eleos“ als eine Art Sprachpartitur. Es gebe keine durchgehende Handlung, der man streng folgen müsse, sondern 36 Miniaturen, die eher erklingen als erzählt werden. Man kann sitzen bleiben, vorbeigehen, hängen bleiben, später wieder einsteigen.
Das passt zur Vorlage. Die 1985 geborene Jeß seziert die Empörung nicht als politische Tagesparole, sondern als menschlichen Reflex. Laut Programmtext tut sie das „ohne sich auf eine politische Agenda oder ein billiges Freund-Feind-Schema festzulegen“.

Unpop reinigt das Theaterpublikum von der Empörung
Stiplovsek

Die Aufführung wird zu einem großen „Empörungsritual“, allerdings nicht im Sinne von proaktivem Mitmachtheater. Das Publikum wird weder angeschrien und noch zur öffentlichen Gefühlsäußerung gedrängt. Vielmehr sollen die Schauspielenden Mechaniken der Empörung hörbar machen, wodurch das Publikum in fühlender Reflexion „gereinigt“ wird.

Techniker im Wunderwürfel

Bühnenbildnerin Caroline Stark entwickelte einen teilbaren Spiegelwürfel voller Überraschungen. „Sie ist gerade in ihrer Spritzphase“, lacht Kasimir, während Stark ihr Werk erklärt. Ausgestattet mit Stroboskop, Nebelmaschine, Schaumgenerator und Wasserspritzer erlaubt die Konstruktion maximale Effekte auf kleinsten Raum. Wie klein dieser ist, wird Bühnentechniker Othmar Gerster am eigenen Leib erfahren. Seiner eigenen Idee folgend, steuert er die Apparatur nicht von einem separaten Pult, sondern direkt im Herzen der Maschine. „Othmar ist ein langjähriger Festspielmitarbeiter, der kennt sich damit aus“, versichert Stark.

Unpop reinigt das Theaterpublikum von der Empörung
Caroline Stark gab Spritzen aus der Inszenierung „Alte Meister“ im neuen Bühnenbild ein zweites Leben.Stiplovsek

Für den musikalischen Part konnte Multiinstrumentalist Paul Winter gewonnen werden. Laut Kasimir wird er vor Ort Geräusche aufnehmen und als musikalische Samples zurück ins Publikum spielen.

Unpop reinigt das Theaterpublikum von der Empörung
Stiplovsek

Gespielt wird von Ambra Berger, Peter Bocek, Jens Ole Schmieder, Maria Strauss und Fabienne Trüssel. Sie verkörpern keine klassischen Figuren, sondern halten gemeinsam eine aufgestaute Gefühlsmechanik in Bewegung. Die grüne Schminke soll laut Stark nicht an Hexen, sondern an Aliens, erinnern. Kasimir beschreibt die Proben als überraschend entspannt. Der Text verlange keinen großen psychologischen Druck, sondern genaues Zuhören und Zusammenspiel.

Pur und ohne Brimborium

Unpop arbeitet damit konsequent an einer Form weiter, die das Ensemble während der Pandemie für sich erschlossen hat. Aufführungen waren damals nur im Freien, also ohne klassische Saalsituation und „Theaterbrimborium“, wie Stark sagt, möglich. So begann das Duo, ihre Konzepte speziell für die konkreten Orte zu entwerfen. „Das ist so pur“, schwärmt die Bühnenbildnerin.

Unpop reinigt das Theaterpublikum von der Empörung
Stiplovsek

Der Regisseur kann sich dem nur anschließen: „Wie sich der Theatersound mit der Umwelt mischt, das ist das Spannende daran.“ Umgesetzt werden die Sommerstücke seit jeher in Zusammenarbeit mit dem Verein „Caravan – mobile Kulturprojekte“.

Unpop reinigt das Theaterpublikum von der Empörung
Stiplovsek

Anarchistische Reinigung

Dabei unterscheiden sich die beiden Spielorte deutlich. Der Kornmarktplatz beim vorarlberg museum bietet Schatten, Laufpublikum und ein städtisches Grundrauschen. Der als Blauer Platz bekannte Kirchplatz in Lustenau ist laut Stark deutlich „brutaler“, heißer, offener, direkter. Gerade deshalb könne das Stück dort sogar noch besser funktionieren.
Die Bühnenbildnerin freut sich jedenfalls jetzt schon „auf anarchische Art und Weise den großen Dreck rauszulassen.“