Kultur

Glänzende Hausoper in Bregenz

24.07.2026 • 16:12 Uhr
Glänzende Hausoper in Bregenz
Peter Hoare in der Hauptrolle. Steurer

Mit „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ setzen die Bregenzer Festspiele auf eine anspruchsvolle Opernrarität. Der Premierenabend wurde vom Publikum gefeiert.

Draußen der bereits ausverkaufte Kassenschlager mit Verdis „La Traviata“, drinnen die aufwändig umgesetzte Rarität mit Leoš Janáčeks „Die Ausflüge des Herrn Brouček“: Die Bregenzer Dramaturgie geht wieder einmal auf und beschert dem Publikum am zweiten Festspieltag ein umjubeltes Fest mit zwei höchst gegensätzlichen Traumwelten. Dirigent Robert Jindra hat die Wiener Symphoniker und ein hervorragendes Ensemble von Sängerinnen und Sängern auf den tschechischen Originalklang eingeschworen, Regisseur Yuval Sharon, der in zwei Jahren Wagners „Fliegenden Holländer“ auf die Seebühne bringen wird, bewährt sich schon mal im Komödienfach, und Jon Bausor tobt sich als Bühnenbildner und Ausstatter aus.

Glänzende Hausoper in Bregenz
Steurer

Bierselig

Reichlich Bier und Würste braucht er zu seinem Glück, alles andere ist ihm herzlich wurscht: Daheim in seinem spitzgiebligen Puppenhaus mit Blümchentapete sitzt Matěj Brouček in einem klotzigen Sessel vor der Flimmerkiste, streitet sich mit seinen Mietern, die nicht zahlen, lauscht dem Gezänk der ebenso hübschen wie eifersüchtigen Malinka mit ihrem Geliebten Mazal (der sie freilich mit einem Brillanten versöhnt) und bekommt immer mal wieder vom Wirt Würfl ein Krügl Bier gereicht.

Glänzende Hausoper in Bregenz
Steuerer

In Space!

Irgendwann schläft er ein und träumt sich auf den Mond, das Häuschen hebt ab, verwandelt sich in eine Rakete, dreht sich und landet mit der Spitze auf dem Mond… Doch ach, welch seltsames Völkchen lebt hier in transparenten pastellfarbenen Kisten, nährt sich von Duft und Poesie, Kunsttheorie und fleischloser Kost! Und wie gleichen die Stimmen von Sternenfried, Etherea und Lunobor seinen Prager Zeitgenossen! So slapstickhaft auf der Erde Türen auf und zu klappen, Menschen auf- und abtreten und der Männerchor mit Trinkliedern prunkt, so leichtfüßig hüpfen und wippen die Mondlinge um den seltsamen Besucher herum.

Glänzende Hausoper in Bregenz
Steurer

Als er in seiner hungrigen Not in eine Wurst beißt, die wie eine Halskette an ihm baumelt, ist das Entsetzen groß, Brouček muss fliehen: Er landet erleichtert in seinem Häuschen, nachdem ihn die Zechbrüder aus dem Wirtshaus in einer Kiste dorthin gebracht haben: Aus der Traum von der schwerelosen Mondwelt!

Die Ausflüge des Herrn Brouček
Bregenzer Festspiele / Anja Koehler

Glaubenskrieg

Szenenwechsel nach der Pause: Brouček hat von unterirdischen Gängen unter der Prager Burg gehört und findet sich prompt in einer Art Gräberfeld wieder: 1420, es ist die Zeit der Religionskriege, der Hussiten (Jan Hus war 1415 wenige Kilometer von hier in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden) gegen das Heilige Römische Reich. Mit der (eigenen) tschechischen Geschichte kennt sich der unpolitische Brouček genauso wenig aus wie vermutlich der größte Teil des Publikums, weshalb man sich hier ein bisschen schwertut. Aber auch hier taucht man ein in die Atmosphäre, die Sharon und Bausor erzeugen: die erdig braunroten Farbtöne der auf alt gemachten Gewänder, der bestickten Röcke und Kopftücher, der Halskrausen und Umhänge, der Hellebarden und Schwerter.

Die Ausflüge des Herrn Brouček
Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann

Durch die Spiegelfolie im Gewölbe und das schummrige Licht (Yi Zhao) fühlt man sich in ein Gemälde oder Museum versetzt. Durch sein Verhalten wird Brouček entlarvt und soll verbrannt werden. Zum Glück erwacht der bierselige Hausbesitzer aus diesem Alptraum in einem Fass und brüstet sich mit seinen Heldentaten – der Sessel wartet, der Fernseher läuft.

Die Ausflüge des Herrn Brouček
Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann

Höchst anspruchsvoll

Vom ersten skizzenhaften Umriss eines Baukastendorfes über das Tiny House des Herrn Brouček zur pastellfarbenen Traumwelt auf dem Mond und zur geschichtsträchtigen „Unterwelt“ zieht die Ausstattung, zu der noch phantastische Weltraum-Videos von Hannah Wasileski gehören, in ihren Bann. Der britische Tenor Peter Hoare verkörpert den Brouček stimmlich und körperlich beweglich mit allen Facetten eines schrulligen Außenseiters. Höchst anspruchsvoll ist die Tenorpartie, die den litauischen Tenor Mihails Čuļpajevs in höchste Höhen führt, die er mit Strahlkraft und Energie meistert. Seine Partnerin ist die armenisch-amerikanische Sopranistin Tatev Baroyan mit leuchtender Beweglichkeit, der stimmlich wie körperlich mächtige ungarische Bariton Károly Szemerédy gibt das Fundament als Sakristan, Lunobor und Domšik. Eine Vielzahl von kleinen Partien ist ebenfalls treffend und stimmig besetzt. 

Chor in Hochform

Mit den beweglichen Holzbläsern und der außergewöhnlich farbigen Instrumentation (mit Celesta und Orgel) erweckt Dirigent Robert Jindra die Musiksprache Janáčeks zum Leben: Zum einen ist sie von den Rhythmen und Akzenten der tschechischen Sprache geprägt, zum andern gibt sie sich auf dem Mond irisierend-impressionistisch, in der alten Zeit dunkel und archaisch, von Choralmelodien durchzogen. Der von Lukáš Vasilek einstudierte Prager Philharmonische Chor läuft wieder einmal zu Hochform auf.So ist diese „Hausoper“ erneut höchst eindrucksvoll, man wünscht ihr viel Publikum und/oder Opernhäuser, die die Produktion übernehmen. Weitere Vorstellungen am 26. Juli um 11 Uhr und am 3. August um 19.30 Uhr.

Katharina von Glasenapp