Kultur

Der Kranke, der alle tyrannisiert

27.07.2026 • 18:26 Uhr
Der eingebildete Kranke
Rosa Enskat (r.) glänzt als stuhlfixierter Patriach. HETZEL(6)

Das Burgtheater brachte mit „Der eingebildete Kranke“ ein voll umjubeltes Gastspiel nach Bregenz.

Mit Molières 1673 uraufgeführtem Klassiker „Der eingebildete Kranke“ brachte das Burgtheater ein Gastspiel von unglaublicher Qualität nach Bregenz. Das von Freitag bis Sonntag insgesamt dreimal dargebotene Schauspiel wäre ohne Sonderfinanzierung des Bundes dem auf den Bregenzer Festspielen liegenden Spardruck zum Opfer gefallen. Eine glückliche Wendung, die dem Publikum anhaltende Lacher und den Schauspielenden Standing Ovations bescherte.
Stefan Bachmanns Inszenierung, ursprünglich am Schauspiel Köln entstanden und inzwischen am Wiener Burgtheater beheimatet, machte im Theater am Kornmarkt vor allem eines deutlich: Große Komödie braucht keine großen Apparate, wenn Timing, Körpersprache und Sprache derart präzise ineinandergreifen.

Der eingebildete Kranke
Die Bedienstete Toinette (Melanie Kretschmann) fungiert als Identifikationspunkt für das Publikum.

Im Zentrum steht Argan, der titelgebende Hypochonder, der seine Tochter Angélique an den jungen Arzt Thomas Purgon verheiraten möchte. Nicht aus Fürsorge, sondern aus Eigennutz. Wer den Arzt in der Familie hat, so hofft er, ist medizinisch besser versorgt. Krankheit ist bei Argan aber längst mehr als ein eingebildeter Zustand. Sie ist sein Herrschaftssystem. Er macht aus Angst Autorität, aus Ohnmacht Kontrolle, aus Verdauung Weltanschauung. Alle anderen müssen nach der Melodie seines Unbehagens tanzen.

Rosa Enskat spielt diesen Argan als lächerlichen, aber alles andere als harmlosen Patriarchen. Mit buchhalterischer Genauigkeit zählt er Spülungen, Behandlungen und ärztliche Versäumnisse auf und legt dabei eine Vitalität vor, die ihm eigentlich fehlen sollte. Gerade darin liegt die Komik: Dieser Mann ist krank, weil er krank sein will, und gesund genug, um alle anderen mit seiner Krankheit zu tyrannisieren.

Erdende Lakonie

Die eigentliche Gegenkraft in diesem Haus ist Toinette. Melanie Kretschmann macht aus Argans Dienerin keine Nebenfigur, sondern das nervöse Zentrum der Vernunft. Sie durchschaut die Mechanik dieses Haushalts, muss sie aber zugleich am Laufen halten. Während die Herrschaften in ihren Ängsten, Haltungen und Begehrlichkeiten kreisen, kann sie sich kein pathologisches Verhalten leisten. Kretschmann spielt das mit trockenem Witz und einer erdenden Lakonie. Es ist ihr gerechtes Ziel, dass die Tochter des Hauses dem eigenen Herzen folgen kann.

Der eingebildete Kranke
Paul Bosanga als Angélique.

In diesem Gefüge wird Angélique zur übergangenen Tochter, die mit der Wahl zwischen einer arrangierten Ehe oder einer Einweisung in eine Anstalt entscheiden muss. Paul Basonga spielt sie mit Aufrichtigkeit und großem Herzen.
Béline (Tilman Tuppy), Argans zweite Frau, ist mehr als eine erwartbare Erbschleicherin. Natürlich schielt sie auf das Vermögen, natürlich möchte sie Angélique in eine Anstalt gesperrt sehen. Doch wer diesen stuhlfixierten, tyrannischen Greis samt Einlaufobsession aushalten muss, der kann seelisch nur verkümmern.

Der eingebildete Kranke
Béline (Tilman Tuppy).

Angéliques Geliebter Cléante erscheint bei Lola Klamroth wiederum nicht als einfacher romantischer Retter. Er ist ein woker Verehrer, der vor lauter Rücksichtnahme gar nicht bemerkt, wie er seiner Geliebten das Wort nimmt.

Tölpel mit Diplom

Das medizinische System erhält in Doktor Purgon seine kalte Autorität. Barbara Petritsch spielt diese Figur hart, abgestumpft und von einer Unerschütterlichkeit, als könne sie nichts Menschliches mehr überraschen, geschweige denn berühren. Ihr Sohn Thomas Purgon ist die groteske Fortsetzung dieser Welt. Justus Balamohan Maier zeigt ihn als unbeholfenen Tölpel mit Diplom, mechanisch, unselbstständig und herrlich dumpf.

Der eingebildete Kranke
Die Schauspielenden von links: Ulrike Greuter, Tilman Tuppy, Melanie Kretschmann, Rosa Enskat, Barbara Petritsch und Justus Maier.

Erst am Schluss dieser Figurenordnung steht Béralde, Argans Bruder. Ernst Allan Hausmann lässt ihn zunächst elegant und vernünftig wirken, als mögliche Gegenstimme zum Wahn des Hauses. Doch im Lauf des Abends kippt diese Vernunft in eine andere Form von Verbohrtheit. Er verachtet die moderne Medizin mit dem paranoiden Wahn eines Verschwörungstheoretikers und würde auch ohne die von ihm verhasste Ärzteschaft nichts gegen „den Lauf der Natur“ anstellen.

Der eingebildete Kranke
Argan (Rosa Enskat) und Béralde (Ernst Allan Hausmann).

Seine stärksten Momente hat dieser „Eingebildete Kranke“ im Mittelteil, wenn die Inszenierung Tempo, Ekel und Anal-Humor bis knapp vor die Überreizung treibt. Gegen Ende verliert sie etwas von dieser zwingenden Energie, der Schluss wirkt im Vergleich fast seltsam auslaufend. Doch das bleibt ein kleiner Einwand gegen einen Abend, der fast durchwegs glänzend funktioniert.

SAV