Kultur

Ein Debüt voller Klangfarben

29.07.2026 • 10:47 Uhr
Ein Debüt voller Klangfarben
Dirigentin Dalia Stasevska. Bregenzer Festspiele/Schnalzger

Bregenzer Festspiele: Dalia Stasevska überzeugte bei ihrem Debüt mit Temperament, Umsicht und intensiver Körpersprache. Die Wiener Symphoniker folgten ihr bis in Dvořáks mitreißendes Finale.

Mit einem ungewöhnlichen Programm gab die ukrainisch-finnische Dirigentin Dalia Stasevska ihr Debüt bei den Wiener Symphonikern, die damit neben den großen Opern auf der Seebühne und im Haus auch ihre Vielseitigkeit zeigten: „Ciel d’hiver“ der 2023 verstorbenen finnischen Komponistin Kaija Saariaho vermittelte mitten im Hochsommer die Vorstellung von Polarlichtern im Norden, die Kantate „Faust et Hélène“ von Lili Boulanger wartete mit französischen Klangfarben für den Faust-Mythos auf. Dvořáks beliebte neunte Symphonie erhielt unter den Händen der Dirigentin starke Impulse und wieder konnte man darüber nachsinnen, wie viel Ur-Amerikanisches und wie viel Slawisches in dieser „Neuen Welt“ zusammenfließen.

Ein Debüt voller Klangfarben
Bregenzer Festspiele/Schnalzger

Klingende Planetenbahnen

Bei Kaija Saariaho taucht man ein in einen flirrenden, zauberischen, obertonreichen Klangkosmos:  das Spektrum der Register wird in „Ciel d’hiver“ („Winterhimmel“ mit dem Sternbild des Orion), nach beiden Richtungen ausgeweitet, Piccoloflöte und Tuba, Harfen, Celesta und Klavier, Gong und natürlich die große Gruppe der Streicher mischen sich zu einem großen atmenden Klangkörper. Wie in Zeitlupe schichten sich die Klangflächen übereinander und die Dirigentin, die in der Ukraine geboren und in Finnland aufgewachsen ist, bringt sie zum Leuchten. Ein beeindruckender Konzertauftakt, der mit dem 2013 uraufgeführten Stück an die Vorstellung der klingenden Planetenbahnen und des Weltalls heranführt.

Ein Debüt voller Klangfarben
Bregenzer Festspiele/Schnalzger

Poesie, Sinnlichkeit und Gefahr

100 Jahre vor diesem Werk hat die hochbegabte, lebenslang kranke und im Alter von 24 Jahren früh verstorbene Lili Boulanger mit ihrer opernnahen Kantate „Faust et Hélène“ Geschichte geschrieben: Als erste Komponistin hatte sie 19-jährig auf Anhieb den begehrten Prix de Rome gewonnen, der ihr einen mehrjährigen Aufenthalt in Rom ermöglicht hätte – der Erste Weltkrieg und ihre Konstitution verhinderten es. Wieder sind es die Klangfarben, die eine Welt voller Poesie, Sinnlichkeit und Gefahr erschaffen und die in einer französisch schillernden spätromantischen Tonsprache gefasst sind. (Ein Kommentar vergleicht die Musik als Kreuzung von Debussy mit Wagners Tristan…) Der Text von Eugène Adenis greift Goethes Faust II auf: Faust ignoriert die Warnungen Mephistos, sich Helena, die schönste Frau der Antike, aus der Unterwelt herauf zu wünschen. Am Schluss wird sie ihm wieder entrissen.

Ein Debüt voller Klangfarben
Rafael Fingerlos. Bregenzer Festspiele/Schnalzger

Mit dem österreichischen Bariton Rafael Fingerlos, dem britischen Tenor Andrew Staples und der so aparten kanadischen Mezzosopranistin Emily d’Angelo erlebt man das Ringen der Figuren in dieser emotionsgeladenen Kantate im spannenden Miteinander der Orchester- und Singstimmen.

Ein Debüt voller Klangfarben
Emily D’Angelo.Bregenzer Festspiele/Schnalzger

Dalia Stasevska gestaltet es mit Temperament und Umsicht nach allen Seiten, eine Aufführung ist allerdings zu kurz, um alle Facetten der Wort-Musik-Orchester-Behandlung aufzufassen.

Intensive Körpersprache

Bekannt, beliebt und doch immer wieder neu in ihrer Schönheit ist dann Antonìn Dvořáks neunte Symphonie „Aus der neuen Welt“. Mit ihrer intensiven Körpersprache erschafft Dalia Stasevska einen Kontrast von zarter Einleitung und straff musizierten Themen, mit kecken Akzenten und feinem Rubato hat sie einen sehr persönlichen Blick auf diese Symphonie. Weich bettet sie das sehnsüchtige Englischhornsolo des langsamen Satzes in seidigen Streicherklang ein, auch hier entsteht ein Klang von großer Sinnlichkeit. Umso kerniger und durchaus dramatisch belebt klingen der kontrastreiche Tanzsatz und das schneidig angestimmte Finale. Die Wiener Symphoniker und das Publikum lassen sich mitreißen von Dvořáks und Stasevskas überschäumender Energie, die sympathische Dirigentin im elegant gemusterten Outfit hat ihre Herzen gewonnen.

Auch beim nächsten Konzert der Symphoniker am Sonntagmorgen wird es eine finnische Dirigentin geben, zwei Werke von Sibelius und die rhythmischen Explosionen von Strawinskys „Sacre du printemps“ stehen auf dem Programm.

Katharina von Glasenapp