Klangphantasie und geballte Energie

Bregenzer Festspiele: Petr Popelka führte die Wiener Symphoniker im dritten Orchesterkonzert durch farbenreiche Partituren von Ravel, Bernd Richard Deutsch und Mussorgski.
Nach zwei hochinteressanten Konzerten mit den Dirigentinnen Dalia Stasevska und Eva Ollikainen trat im dritten Orchesterkonzert nun Chefdirigent Petr Popelka selbst ans Pult seiner Wiener Symphoniker und machte die farbenreichen Partituren von Maurice Ravel, Bernd Richard Deutsch und Modest Mussorgski lebendig.

Fulminant
Maurice Ravels 1912 uraufgeführte zweite Suite aus dem Ballett „Daphnis und Chloé“ stammt übrigens aus der gleichen Zeit wie Igor Strawinskys „Sacre du printemps“, mit dem die Wiener Symphoniker im letzten Konzert unter Eva Ollikainen brilliert hatten: Stehen dort Rhythmus und das Element Erde im Mittelpunkt, so zeichnet Ravel in seiner Verbeugung vor der griechischen Mythologie ein Bild von flirrender Luft und Hitze, von Poesie und Dramatik und zuletzt ebenfalls von ekstatischen Rhythmen. Die Wiener Symphoniker gestalten einen fulminanten Konzertauftakt, mit seinen weichen, ausladenden Bewegungen spielt Petr Popelka wie auf einem riesigen Instrument mit fein gestaffelter Dynamik, gleißenden Höhepunkten, Instrumentalsoli (vor allem der Flötengruppe) und geballter Energie.

Österreichische Erstaufführung
Kein Solokonzert, sondern ein Konzert für das ganze Orchester hat Bernd Richard Deutsch mit seinem Stück „Intensity“ geschaffen. Die Komposition entstand während seiner Jahre als „Fellow Composer“ beim Cleveland Orchestra: wegen der Corona-Pandemie wurde sie dort erst 2022 unter Franz Welser-Möst uraufgeführt, nach der europäischen Erstaufführung durch die Berliner Philharmoniker im vergangenen Juni (ebenfalls unter Welser-Möst) erlebte sie jetzt ihre österreichische Erstaufführung. Die Spannung, die sich letzten Satz bei Ravel aufgebaut hatte, setzte sich auf vielschichtige Weise fort, zahlreiche Soloinstrumente, insbesondere die ganze Gruppe der Schlagwerker waren in den raschen Außenteilen mit vollem Einsatz gefordert. Im Mittelteil kamen mit Glissandofiguren, gedämpften Streichern, Klavier, Celesta und sogar einem Regenstab zauberisch zerbrechliche Klänge zum Vorschein. Petr Popelka, der vor seiner Dirigentenkarriere als Kontrabassist unter anderem der Dresdner Staatskapelle angehört hatte, gestaltete Deutschs gut hörbare, facettenreiche Musik mit der ihm eigenen tanzbärenartigen sympathischen Kraft und Klangphantasie. Bernd Richard Deutsch bedankte sich herzlich beim Dirigenten und den hochmotivierten Wiener Symphonikern und wurde auch vom Publikum gefeiert.

So wie „Intensity“ mit einer Trompetenfanfare endet, werden Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ in der berühmten Instrumentierung durch Maurice Ravel von einer Trompete eröffnet. Und wieder ist es wunderbar, die Solistinnen und Solisten, die Instrumentalgruppen und den Klang des gesamten Orchesters live aufzunehmen: bei aller Bekanntheit der „Bilder“ bekommen sie doch hier ihre besonderen Farben, die keine CD ersetzen kann. Popelkas körperbetontes Dirigat arbeitet sie kontrastreich und plastisch heraus: etwa die Gestalt des „Gnoms“ oder das „alte Schloss“, unter dessen Fenster ein Saxophon begleitet von seidigen Streichern ein Ständchen singt. In den „Tuilerien“ sieht man das eifrige Spiel der Kinder vor sich, dann greift der erste Posaunist zum Tenorhorn, um das Vorbeiziehen des schweren Ochsenkarrens zu untermalen. Die „Küken in ihren Eierschalen“ picken geschwind, bevor in „Samuel Goldenberg und Schmuyle“ ein großspurig protzender und ein unterwürfig ängstlicher Mensch die imaginäre Bühne betreten. So tauchen Popelka und sein Orchester ein in Mussorgskis und Ravels Klänge, zeigen das Unheimliche der Katakomben und die Dämonie der Baba Yaga, bevor sich mit dem letzten Bild die archaische Mystik eines orthodoxen Kirchenlieds mit dem gewaltigen Glockenklang verbindet: In einer überwältigenden Steigerung geben Dirigent und Orchester noch einmal alles und das Publikum feiert sein Festspielorchester, das sich nun noch knapp zwei Wochen auf Verdis „Traviata“ konzentrieren wird.
Katharina von Glasenapp