Opernklassiker glänzt als Highschool-Komödie

Mit Basketballkorb, Graffiti und Handys verlegt das Opernstudio der Bregenzer Festspiele „L’elisir d’amore“ in eine moderne Jugendwelt. Das begeisterte Publikum feierte die frische Produktion.
Was für eine tolle, stimmgewaltige, spielfreudige Truppe hat sich da auf der kleinen Bühne des Theaters am Kornmarkt eingefunden und die Geschichte des treuherzigen Bauers Nemorino und seiner koketten Angebeteten Adina in ein Schulinternat verlegt!

Beim Opernstudio der Bregenzer Festspiele haben Intendantin Lilli Paasikivi und ihr künstlerischer Betriebsdirektor Jaakko Kortekangas wieder ein Ensemble von jungen Sängerinnen und Sängern gebildet, die sich mit Herzblut einbringen und die Donizettis „L’elisir d’amore“ lustvoll übersetzen. Angeleitet werden sie dabei von der italienischen Dirigentin Danila Grassi am Pult des Symphonieorchesters Vorarlberg, der finnischen Regisseurin Anna Kelo und der Bühnen- und Kostümbildnerin Tinde Lappalainen.

Drogendealer mit Liebestrank
Ein Schulhof mit Basketballkorb und Treppen, grelle Graffitis auf der Mauer, Jugendliche hängen am Handy ab: Ein buntes, diverses Völkchen kommt da zusammen, im Mittelpunkt die selbstbewusste Adina im pinken Kunstpelz. Der schüchterne Nemorino mit Rucksack und olivfarbener Weste liegt ihr zu Füßen, wenn sie den anderen von „Tristan und Isolde“ und dem vertauschten Liebestrank vorliest. Belcore, der umschwärmte Charmeur, spielt sich vor allen auf. Dulcamara, der Quacksalber mit den leeren Versprechungen, hier ein Drogendealer mit Goldkettchen und Pelz, verteilt keinen „harmlosen“ Rotwein, sondern härteren Stoff, der Nemorino völlig enthemmt aus der Bahn wirft – Adina aber weist ihn ab und flirtet mit Belcore.

Im zweiten Akt lässt der Einfallsreichtum der Regisseurin ein wenig nach, dafür glänzt die Kostümbildnerin mit Pailletten, hautengen Cocktailkleidern und transparenten Stoffen.

Goldstaub in den Locken
Die Jugendlichen tanzen wild zu Donizettis schwungvoller Musik, das Wohnzimmer in Adinas Elternhaus verwandelt sich in eine reich bestückte Bar, moderne Kunst hängt neben einer entrückten Heiligen. Adina spielt mit Belcore ebenso wie mit Dulcamara, um Nemorino – nun in Glitzer-Schlaghose und Lederjacke und mit Goldstaub in den Locken – eifersüchtig zu machen. Bis Nemorino endlich seine berühmte Arie gesungen hat und Adina ihm ihre Liebe gesteht, sind alle reichlich durcheinander und verkatert…

Hingabe und Temperament
In allen Haupt- und Nebenrollen sind hier junge Sängerinnen und Sänger vereint, die ihre Figuren mit Hingabe verkörpern und ihre Chancen auf große Partien wahrnehmen. Die armenische Sopranistin Iana Aivazian kommt aus dem Opernstudio der Bayerischen Staatsoper und besticht als Adina mit ihrer leuchtenden Stimme, ihrem Temperament und bis zuletzt in ihren weit gespannten Bögen. Erst 23-jährig hat sie schon reiche Erfahrung und wird im Oktober beim Wettbewerb Neue Stimmen teilnehmen. Der kroatische Tenor Emanuel Tomljenović wirkt mit seiner weichen lyrischen Stimme, dem feinen Piano und der schwärmerischen Innigkeit so sympathisch wie seine Figur, eine Idealbesetzung für den Nemorino.
Aus Zypern stammend, in London und Italien ausgebildet ist Bariton Yiorgo Ioannou der stimmlich wie darstellerisch höchst bewegliche und überzeugende Belcore, ein Spieltalent ebenso wie der italienische Bassbariton Davide Piva, der die Gruppe als Dulcamara aufmischt. Tanja Jannelli hat als „Nullbock“-Mädl im zerrissenen Outfit mit Schnürstiefeln ebenso Spaß wie im eleganten Minikleid und lässt mit ihrem feinen Sopran aufhorchen. Dazu hat Jakob Peböck eine höchst agile und vielseitige Gruppe von Individuen für den Chor zusammengestellt.
Danila Grassi lässt das schlank besetzte Symphonieorchester Vorarlberg, wirbeln und filigran aufspielen, sie kommt bestens mit den akustischen Bedingungen in diesem kleinen Haus zurecht, und gibt den Musizierenden Raum für schöne Instrumentalsoli. Die farbenfrohe und frisch aufgeputzte Produktion wurde vom Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen und bejubelt.
Katharina von Glasenapp