Landestheater Premiere: Starke Darsteller, schwacher Stoff

„Leopoldstadt“ verbindet Familiengeschichte mit den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Die Bregenzer Premiere überzeugt schauspielerisch, arbeitet mit ihren Bildern und musikalischen Mitteln jedoch mitunter zu plakativ.
Ein Schauspiel, bei dem man die Darsteller gegen das Stück verteidigen möchte, offenbarte sich den Besuchern von „Leopoldstadt“. Das historische Familiendrama feierte am Freitag auf der Werkstattbühne des Bregenzer Festspielhauses Premiere und läutete zugleich die neue Spielzeit des Vorarlberger Landestheaters ein.
Der zweite Bezirk
Der 2025 verstorbene Autor Tom Stoppard kam 1937 als Kind jüdischer Eltern in der Tschechoslowakei zur Welt. „Leopoldstadt“ ist das letzte Stück aus seiner Feder und zugleich eine künstlerische Annäherung an und Verarbeitung seiner eigenen Familiengeschichte. Sie führt die Zuschauer vom Wien der Jahrhundertwende über die Erste Republik und die nationalsozialistische Herrschaft bis ins Jahr 1955.

Dreh- und Angelpunkt ist die jüdische Familie Merz und ihre Wohnung im titelgebenden zweiten Wiener Gemeindebezirk, die zum zentralen Ort der Handlung wird. Trotz anfangs hallender Mikrofone überzeugen die Darsteller als Großfamilie. Besonders die Kinderdarsteller glänzen in ihren Rollen. Gemeinsam zeichnen sie das Bild einer wohlhabenden, gut integrierten jüdischen Familie, die um 1900 an Fortschritt und Assimilation glaubt. So können die Mitglieder der Familie den zionistischen Ideen Theodor Herzls wenig abgewinnen. Für den katholisch getauften Fabrikanten Hermann Merz (Thieß Brammer) steht vielmehr fest, dass sie bereits im „gelobten Land“ leben. Als „Fackelträger der Assimilation“ sieht er seine Familie auf dem Weg in eine aufgeklärte Zukunft. Wo fast alle Schauspieler Mitglieder der Familie Merz verkörpern, glänzt Ensemblemitglied Luzian Hirzel in den unterschiedlichsten Rollen. Besonders die Figur des Fritz, eines jungen, antisemitischen Kavallerieoffiziers, spielt er mit beängstigender Präsenz. Fritz verweigert Hermann ein Duell mit der Begründung, ein Jude besitze von Geburt an keine Ehre.

Vorgekauter Stoff
Auch wenn das Spiel mit den Emotionen von Intimität bis blankem Entsetzen durchwegs imponiert, bleibt der Text in stereotypen Bildern und Figuren verhaftet. Unweigerlich entsteht das Gefühl, einem oberflächlichen Geschichtsunterricht beizuwohnen. Der Stoff ist dermaßen vorgekaut, dass er gar nicht im Halse stecken bleiben kann. Ein Umstand, der angesichts der Thematik besonders schmerzt.

Auch die Musik tut ihr Bestes, eine ästhetische Erfahrung zu verhindern. Wo die Verschränkung von Walzer und Gewehrsalven jedem noch so Tauben klarmacht, dass die Monarchie zu Ende ist, wirkt das Cello-Motiv zwischen den Akten wie ein Signal an die Halbschlafenden, dass die Handlung weitergeht. Während der symbolische Gehalt durch die Videos von Doreen Back als redundante Widerspiegelung verhallt, besticht ihr schlichtes Bühnenbild durch Flexibilität. Das Bühnenbild folgt dabei tatsächlich einer Dramaturgie der zunehmenden Reduktion: Was zunächst ein gut gefülltes Wohnzimmer ist, wird im Verlauf der Handlung immer leerer.
Beifall
Die Stückwahl der aktuellen Spielzeit geht noch auf die Intendanz von Stephanie Gräve zurück. Regisseur Johannes Lepper war bereits zuvor unter ihrer Leitung in Bregenz tätig. Seine Inszenierung von Shakespeares „Macbeth“ überzeugte damals trotz ihrer Länge. Ein Urteil, das viele Besucher der Premiere auch „Leopoldstadt“ attestierten. So wurde das Stück, für den Autor dieser Zeilen schwer nachvollziehbar, mit großem Beifall und Standing Ovations gefeiert. Als Premiere im doppelten Sinne markiert der Abend die erste Aufführung unter der interimistischen Intendanz von Ali M. Abdullah. Er nutzte seine kurze Ansprache zur Bewerbung der weiteren Spielzeit und berichtete zugleich, dass er mit der Planung der Spielzeit 2027/28 bereits begonnen habe.
„Leopoldstadt“ spielt bis Samstag, dem 10. Oktober, täglich ab 19 Uhr. Die Vormittagsvorstellung findet am 8. Oktober, um 10 Uhr statt, die letzte am Sonntag, dem 11. Oktober um 17 Uhr, statt.