Kultur

In Erinnerung an Boris Marte: Stimmen aus Familie, Kultur und Freundeskreis

09.10.2026 • 18:39 Uhr
Boris Marte
Boris Marte (1964-2026).

Visionär, weltoffen und den Menschen zugewandt: Weggefährten erinnern sich an den verstorbenen Boris Marte.

Er brachte Kunst auf die Agenda einer Großbank, setzte sich für das Holocaust-Mahnmal am Wiener Judenplatz ein und schuf mit der „Rede an Europa“ ein öffentliches Forum für die europäische Idee: Boris Marte verstand Kultur als gesellschaftliches Handeln. Der 1964 in Bregenz geborene Kulturmanager und studierte Jurist engagierte sich zunächst in der Wiener Kulturpolitik, bevor er zu einem der prägenden Köpfe der Erste Group wurde und schließlich deren Stiftung leitete. Nun ist Marte im Alter von 62 Jahren einem Krebsleiden erlegen. Weggefährten erinnern sich an einen ideenreichen Netzwerker, der weit über seine beruflichen Funktionen hinaus wirkte.

Maria Simma, Kulturamtsleiterin Stadt Feldkirch und Cousine:
„Boris wurde nicht nur geschätzt und bewundert, er wurde von vielen ganz einfach geliebt. Für seine Weitsicht, seine Überzeugungskraft und seine unverkennbare Herzlichkeit. Für seine Fähigkeit, Dinge nicht nur im Kleinen, sondern im ganz Großen zu denken. Als die seltene Bluterkrankung Diamond-Blackfan-Anämie bei seinen Kindern diagnostiziert wurde, gab er sich nicht damit zufrieden, ihnen ein möglichst normales Leben zu sichern. Er gründete gemeinsam mit seiner Frau Marianne ein privat finanziertes Forschungsprojekt. Nicht nur für Josefine und Luis, sondern für alle Betroffenen, für die ganze Welt.“

Maria Simma
Maria Simma. hefel

Christian Marte, Jesuit: „Boris Marte und ich sind im selben Jahr geboren, wir sind beide Vorarlberger und uns verbindet derselbe Familienname. Ich durfte seine Kinder taufen. Wir sind seit vielen Jahren in Verbindung. So viel Inspiration bei jeder Begegnung! Zuletzt habe ich ihn eine Woche vor seinem Heimgang besucht. Lange bin ich schweigend an seinem Bett gesessen. Ich habe ihn dann gefragt, ob ich ihm ein kleines Kreuz auf die Stirn machen darf. Ja! Und dann habe ich ihn gebeten, dass er mich auch segnet. Und er hat mir drei Kreuze auf die Stirn gemacht! Lieber Boris, wir bleiben weiter in Verbindung.“

Christian Marte
Christian Marte. Ender

Dietmar Nußbaumer, Hotel Krone Hittisau: „Boris und ich hatten vergangenen Juli ein langes Gespräch im Garten. Unter anderem hat er mir erzählt, dass er auf der Kanisfluh war. Boris verbrachte mit seiner Familie unzählige Ferien in Hittisau. Wir haben uns oft getroffen und ausgetauscht. Auch in der Krone war er immer wieder mit spannenden Menschen zu Gast. Boris war ein Netzwerker, visionär, weltoffen, dabei bodenständig und den Menschen stets zugewandt. Besonders beeindruckt hat mich seine Fähigkeit, Ideen wirksam umzusetzen. Ich bin unglaublich traurig und in Gedanken bei seiner Familie, besonders bei seiner Frau Marianne und seinen Kindern.“

Dietmar Nussbaumer
Dietmar Nußbaumer. Bereuter

Kathrin Rhomberg, Leiterin der Sammlung Kontakt: „Boris Marte hat Kunst und Kultur als integralen Teil des Lebens verstanden. Er war der tiefen Überzeugung, dass es notwendig ist, handelnd in die Welt einzugreifen, um eine freie, demokratische Gesellschaft zu unterstützen und ein geeintes Europa zu fördern. Viele Projekte, die er initiiert oder mitbegründet hat, wie die „Rede an Europa“ am Judenplatz in Wien, die Kontakt Sammlung oder die Zweite Sparkasse, zeugen davon. Sein tiefes Verständnis für alles Künstlerische hat dazu beigetragen, neue Vorstellungen von einer Gesellschaft zu schaffen, die von einem Verständnis für die Vergangenheit und einer Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft geprägt waren. Mit ihm haben wir einen Freund und Wegbegleiter verloren, der sich durch Offenheit, Humor und Großzügigkeit auszeichnete. Wir werden ihn sehr vermissen.“

Kathrin Rhomberg
Kathrin Rhomberg. Unger

Evelyn Fink-Mennel, Musikerin und Pädagogin: „Mit Boris Marte verlieren wir, verliert Österreich, einen überzeugten und überzeugenden Kultur- und Gesellschaftsarbeiter. Boris wirkte so inspirierend, kreativ, ideenreich, weil er genau hinschauen und zuhören konnte. Auch an Nebenschauplätzen. Er erfand, ermöglichte oder orchestrierte zivilgesellschaftlich bedeutende Projekte. Mein Boris-Liebling? „Die Zweite Bank“. Hier ist drin, wofür er eintrat: Immer den Menschen und seine Würde im Vordergrund, gepaart mit seiner Vision nach sozialer und wirtschaftlicher Inklusion für jeden. Und dann ist da noch sein unbändiges Faible für Musik in ihrer Lebendigkeit. Der Unterstützung der Erste Stiftung verdankten wir, das Team der „European Voices II“ vom Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie der mdw, 2008 die Anwesenheit bis dahin in Mitteleuropa unbekannter osteuropäischer Gesangsgruppen. Damit hat er die ethnomusikologische Forschung zur europäischen Mehrstimmigkeit und zum „kulturellen Hören“ mitvorangetrieben. Persönlich werde ich mit Boris einen wunderbaren und bescheidenen Freund und seinen traditionell sommerlichen Besuch in Schwarzenberg vermissen.“

Boris Marte und Evelyn Fink-Mennel
Boris Marte und Evelyn Fink-Mennel. Privat

Alois Flatz, Unternehmer und Investor: “Für Boris stand die Begegnung mit dem anderen und die ethische Verantwortung für den Einzelnen im Mittelpunkt. Zweimal organisierte er in den Eingangshallen am Hauptsitz der Erste Bank Flüchtlingsaufnahmestellen. Etwas, das eigentlich unvorstellbar für eine Großbank ist. Damit hauchte er einer Bank einen Zug von Menschlichkeit ein. Er zeichnete sich durch ein wunderbares Gespür für menschliche und gesellschaftliche Veränderungen aus, deren Wurzeln im christlichen Humanismus und in der großen Empathie zum Mitmenschen zu finden sind. Boris war intellektuell und bodenständig zugleich, wie er ebenfalls sowohl originärer Denker wie Vermittler war. Er ist nicht auf den Zug aufgesprungen – er war Vorreiter und konsequenterweise auch Lokomotive. Seinen natürlichen Freigeist ordnete er seiner Karriere unter und hat genau deshalb große Spuren hinterlassen. Ich empfinde vor allem Dankbarkeit, dass ich ein Wegbegleiter von Boris in seinen letzten fünf Jahren sein durfte. Wir hätten noch viel vorgehabt … auch einige Berge im Bregenzerwald.“

Alois Flatz
Alois Flatz.

Gerhard Fehr, Verhaltensökonom: Boris hat nie durch die Vordertür gedacht. Im September 2025 saßen wir in Hittisau und erfanden ein Buch, das es noch nicht gab. Die Ratlosigkeit war für ihn kein Mangel, sondern der Anfang. „Innovation ist nicht, wo der Lärm ist“, schrieb er, „sondern wo Räume still geöffnet werden – von jenen, die nicht müssen, aber wollen.“ Boris musste nie, er wollte immer.“

Gerhard Fehr, Christian Seiler und Boris Marte in Hittisau, September 2025
Gerhard Fehr (l.), Christian Seiler und Boris Marte in Hittisau, September 2025. Privat