Unpop wandelt ein Bregenzer Schaufenster zur Theaterbühne

In Samuel Becketts „Das letzte Band“ begegnet ein alternder Künstler seinem jüngeren Ich. Das Ensemble Unpop verlegt den Einakter in ein Schaufenster in der Bregenzer Maurachgasse.
Ein Mann sitzt allein in seiner Wohnung und hört sich selbst beim Sprechen zu. Genauer gesagt: seinem 30 Jahre jüngeren Ich, dessen Stimme aus einem Tonbandgerät dringt. Was Samuel Beckett 1958 in seinem Einakter „Das letzte Band“ auf die Bühne brachte, lässt sich ab Donnerstag, 29. Oktober, in einem Schaufenster in der Bregenzer Maurachgasse beobachten. Die Produktion des Ensembles Unpop findet in Kooperation mit dem Verein WGN statt, dessen Ausstellungslokal von Bühnenbildnerin Caroline Stark in eine Wohnung verwandelt wurde. Das Publikum verfolgt das Schauspiel von draußen durch die Glasscheibe, ausgestattet mit Funkkopfhörern. Während das kleine Ensemble seit der Pandemie die Praxis pflegt, Stücke speziell für die jeweiligen Spielorte zu adaptieren, bekräftigen Stark und Regisseur Stephan Kasimir, dass sie die hier vorhandene Anordnung besonders reizt.

„Die vierte Wand ist da, nur durchsichtig“, lacht Stark. Gemeint ist die imaginäre Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum, die hier tatsächlich aus Glas besteht. Während Schauspieler Felix Römer als Krapp scheinbar unbeobachtet seinen Erinnerungen nachhängt, werden die Zuschauer zu Voyeuren.

Anleitung zum Älterwerden
Die Entscheidung für Beckett fiel erst, nachdem das Kollektiv eingeladen worden war, den Ausstellungsraum zu bespielen. „Für uns war klar, dass es interessant ist, über das Schaufenster etwas zu machen“, erzählt Kasimir. Der Regisseur und Stark haben bereits „Endspiel“ und „Warten auf Godot“ realisiert. An „Das letzte Band“ hätten sie sich unter gewöhnlichen Bedingungen allerdings kaum gewagt.

Im Mittelpunkt steht der 69-jährige Krapp, der an seinem Geburtstag einem alljährlichen Ritual nachgeht: Er lässt seine Vergangenheit anhand alter Tonbandaufnahmen Revue passieren. Dabei begegnet er seinem 39-jährigen Ich und dessen Erinnerungen an Liebe, Entscheidungen und verpasste Möglichkeiten. „Das ist eine Anleitung zum Älterwerden“, schildert Kasimir. Krapp erscheint als gescheiterter Künstler, dessen einstige Hoffnungen längst der Ernüchterung gewichen sind. Dennoch will der Regisseur die Figur nicht auf ihre Tragik reduzieren. „Aber ein gescheitertes Leben ist ein Leben.“ Gerade darin liege für ihn die Menschlichkeit des Stücks.

„Gemütliche Bude“
Für Stark bestand die Herausforderung darin, den nüchternen Ausstellungsraum in eine glaubhafte Wohnung zu verwandeln. Ein roter Spannteppich, Bücherregale und zahlreiche Flohmarktfunde bestimmen nun das Bild. „Es ist eine gemütliche Bude geworden“, freut sich die Bühnenbildnerin. Bei aller gestalterischen Freiheit bleibt Beckett allerdings ein strenger Hausherr. Seine Regieanweisungen legen Bewegungen, Handgriffe und Pausen bis ins Detail fest. „Am Anfang denkst du, was für ein blöder, faschistischer Pedant“, gesteht Kasimir. Erst bei der praktischen Umsetzung erschließe sich deren Präzision. Auch Stark spricht von einem perfekt abgestimmten Ablauf, bei dem bereits kleine Veränderungen das Gefüge durcheinanderbringen können.

„Das letzte Band“ ist die dritte Zusammenarbeit mit Felix Römer. Zugleich setzt das Ensemble seine Entwicklung hin zu ungewöhnlichen Spielorten fort. Nicht ganz freiwillig: Mit dem bevorstehenden Umbau des Magazin 4 verliert die Landeshauptstadt einen zentralen Ort für kulturelle Darbietungen. Eine Produktion steht dort allerdings noch an: Ende Jänner feiert Unpop mit Becketts „Glückliche Tage“ ein letztes Mal im Magazin 4 Premiere.

Stark sieht in dieser Entwicklung allerdings nicht nur Schwierigkeiten. Nach vielen Jahren als Bühnenbildnerin reizt sie zunehmend die Möglichkeit, bestehende Räume selbst zum Ausgangspunkt einer Inszenierung zu machen. „Man braucht dafür aber ein Zugeständniss von der Stadt oder von dem Fördergeber, dass man weiter nachdenken kann.“ Der Wunsch nach geeigneten Spielstätten bleibt damit bestehen, auch wenn die Suche nach neuen Orten längst Teil der künstlerischen Arbeit geworden ist.

Für „Das letzte Band“ stehen rund 40 Plätze zur Verfügung. Die Zuschauer verfolgen das Geschehen im Freien, ausgestattet mit Funkkopfhörern, Decken und Heizstrahlern. Premiere ist am Donnerstag, 29. Oktober, um 20 Uhr. Weitere Vorstellungen folgen am 31. Oktober sowie am 6., 8., 13. und 15. November. Der Eintritt ist frei, eine Reservierung wird empfohlen.