Zwischen Applaus und Faktencheck: Ein Abend mit Herbert Kickl in Bregenz

Kartoffeln, „Airbert“ und ein bis auf den letzten Platz gefüllter Saal: Herbert Kickls Auftritt in Bregenz ist perfekt inszeniert – bei manchen Zahlen hilft ein zweiter Blick.
Ausgerechnet Regenbogen-, Trans- und weitere Pride-Flaggen hängen über dem blauen Ballonbogen der FPÖ vor dem Bregenzer Gössersaal. Ein merkwürdiges Bild, fast schon eine unfreiwillige Antwort auf das Werbevideo, mit dem die Partei den Abend angekündigt hatte. Darin sieht der Lustenauer Gemeindepolitiker Tobias Federer eine Regenbogenfahne und schüttelt demonstrativ den Kopf. Anschließend wirbt die FPÖ-Gleichstellungssprecherin Nicole Feurstein-Hosp für den Auftritt Herbert Kickls. Nun führt der Weg zum Parteichef unter genau jenen Symbolen hindurch.

Vor dem Saal wartet ein erstaunlich breites Publikum: Pensionisten, Männer im Anzug, Besucher in Arbeitskleidung, Menschen mit Tattoos und Piercings, einzelne tragen T-Shirts mit Bezug zur nordischen Mythologie darauf, auf mindestens zwei ist „Valhalla“ zu lesen. Das Publikum ist abgesehen davon, dass nahezu alle wie klassische Mitteleuropäer aussehen bunt gemischt. Nur ein junger Mann mit sichtbar ostasiatischen Gesichtszügen und Akzent fällt auf als er sich lautstark über Ausländer beklagt, welche kein Deutsch sprechen können. Fast alle Altersgruppen sind vertreten, junge Frauen fallen allerdings kaum auf. Das passt nur teilweise zu den Wahldaten: Bei der Vorarlberger Landtagswahl 2024 neigten Männer stärker zur FPÖ als Frauen. Gleichzeitig war die Partei bei den Unter-35-Jährigen mit 35 Prozent die stärkste Kraft.

Politik kommt an diesem Abend auch im Papiersack daher. Darauf prangt das FPÖ-Logo, darin liegen lose Kartoffeln und ein Kilo Zwiebeln von den „Rheintaler Feldfrüchte“. Am Stand vor dem Saal gibt es Flyer gegen das Flaschenpfand, für strengere Strafen bei sexuellem Missbrauch von Kindern und für die Abschiebung von „Asylstraftätern“. Motive wirken KI-generiert in den Flyern, auf den übrigen ist vor allem einer zu sehen: Kickl. Daneben liegen mehrere „Airberts“, als Stofftier zur freien Entnahme, das Maskottchen einer Abschiebekampagne.
Egal ob auf Italienisch oder Deutsch – Hauptsache Schlager
Wer sich gegen 17 Uhr anstellte, brauchte rund 25 Minuten bis in den Saal – nicht wegen Eintrittskarten, sondern wegen der Sicherheitskontrolle. Drinnen ist es heiß und eng, viele müssen stehen. Auf den Tischen liegen kleine Österreichfahnen, Getränke werden in Plastikbechern mit Kickls Gesicht ausgeschenkt. Die Vorarlberger Band Alpenstarkstrom spielt Schlager und italienische Titel. Die Stimmung ist gut.

Um 18.06 Uhr beginnt Christof Bitschi. Der Vorarlberger FPÖ-Chef spricht von einer Front der anderen Parteien gegen die Freiheitlichen und ist sich sicher: Kickl werde noch vor der nächsten Wahl 2029 Bundeskanzler und Österreich wieder „auf Schiene“ bringen.

Eine Viertelstunde später übernimmt Generalsekretär Michael Schnedlitz. Er wettert gegen die Dürrehilfe für Bauern. Schnedlitz stellt 140 Millionen Euro Beitragsentlastung 250 Millionen gegenüber, die seiner Lesart nach in fünf Jahren von der bäuerlichen Krankenversicherung zum Bund fließen – und kommt so auf ein Minus von 110 Millionen Euro. Eine Recherche der NEUE zeichnet ein etwas anderes Bild. Laut Regierung werden die 140 Millionen mit frischem Geld ersetzt, Beiträge und Leistungen nicht gekürzt. Zinsgestützte Betriebsmittelkredite sind ein eigener Teil des Pakets; der maximale Bruttozinssatz beträgt 3,9 Prozent.

Dann kommt Kickl. Er freue sich, so weit von Wien entfernt zu sein, sagt er. Die Vorarlberger sollten nur nicht zu nett sein, sonst wolle er gar nicht mehr zurück. Danach zieht er das gesamte rhetorische Register: Spott, Wiederholungen, zugespitzte Bilder, persönliche Anekdoten und lange Steigerungen. Die Rede ist handwerklich hervorragend gebaut. Kickl weiß, wann er eine Pause setzt, wann er die Stimme senkt und wann der Applaus kommen wird.
Mehr Kriminalität?
Inhaltlich verknüpft er Kriminalität mit dem Jahr 2015, als „Verantwortungslose die Grenzen aufgemacht“ hätten. Seither habe es ein Anstieg an Kriminalität gegeben. Die Statistik trägt diese Aussage nicht. 2015 wurden in Österreich 517.869 Straftaten angezeigt, 2025 waren es 538.656 – rund vier Prozent mehr. Die Bevölkerung wuchs im selben Zeitraum stärker; pro Kopf sank die Zahl der Anzeigen leicht. Außerdem bildet die Polizeistatistik Anzeigen ab, nicht das gesamte Kriminalitätsgeschehen und belegt keinen ursächlichen Zusammenhang mit Migration.

Bei den Gefängnissen liegt Kickl mit „mehr als 50 Prozent Ausländer“ dagegen zahlenmäßig richtig. Am 1. Oktober hatten 47,97 Prozent der 10.221 Insassen einen österreichischen Pass, 19,16 Prozent waren Bürger anderer EU-Staaten und 31,70 Prozent Nicht-EU-Bürger; bei 1,17 Prozent war die Staatsbürgerschaft unbekannt.
Wer ist das Volk?
Kickl verspricht, Kanzler „für das Volk“ zu sein. Er nennt Lehrlinge, Meister, Arbeiter, Bauern, Handwerker und Arbeitgeber. Akademiker kommen in dieser Aufzählung nicht vor. Ob Absicht oder nicht: Es passt zum Bild, das er von seiner Bewegung zeichnet – hier die arbeitenden, produzierenden Menschen, dort „System“, Regierung und Eliten.

Zum Schluss ertönt „Immer wieder Österreich“. Mitgesungen wird kaum, auch Kickl schwenkt lieber die Fahne. Danach bildet sich erneut eine Schlange, diesmal für Fotos mit dem „Volkskanzler“ zu machen. Beim Hinausgehen werden Energydrinks verteilt. Auf der Dose: die Forderung, die CO2-Abgabe abzuschaffen. Der politische Abend endet, wie er begonnen hat – mit einem Werbemotiv in der Hand.