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Zu viele ungeklärte Fragen

10.10.2020 • 11:00 Uhr
An den Berufsschulen herrschen andere Bedingungen als an HTL, Gymnasium, HASCH und Co. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
An den Berufsschulen herrschen andere Bedingungen als an HTL, Gymnasium, HASCH und Co. Klaus Hartinger

Beate Sonnweber wünscht sich bessere Maßnahmen für Berufsschulen.

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen über 15 in Vorarlberg wird an einer Berufsschule betreut. Wird über die Situation an den Schulen und den Umgang mit den Corona-Maßnahmen gesprochen, beziehen sich die Aussagen aber meist auf die anderen Schultypen. Was sind Ihre Erfahrungen nach den ersten Unterrichtswochen?
Beate Sonnweber: Wie befürchtet, lassen sich manche Vorgaben im Umgang mit Corona in der Berufsschulpraxis nicht umsetzen. Viele Berufsschulen in Vorarlberg sind Jahresschulen. Das bedeutet, dass die Schüler ein Mal in der Woche den Unterricht besuchen. Jeden Tag kommen andere Schüler an die Schule. Die Lehrlinge stammen aus allen Bezirken, die unterschiedliche Infektionslagen haben, und kommen an einem Schulstandort zusammen. Wenn nun ein Schüler immer montags die Berufsschule besucht und an einem Freitag erfährt, dass er positiv auf Corona getestet wurde, wird er das möglicherweise erst am darauffolgenden Montag der Schule mitteilen.

Die Schule erfährt es also eventuell erst eine Woche, nachdem der Schüler das letzte Mal im Unterricht war?
Sonnweber: Ja. Die Lehrpersonen, die am Montag in dieser Klasse waren – teilweise sind fünf oder mehr mit dieser Klasse in Kontakt – müssen bei einem einzigen positiven Fall nicht in Quarantäne, werden aber getestet. Allerdings nicht immer zeitnah. In der Zwischenzeit haben sie an den anderen Unterrichtstagen in zahlreichen Klassen unterrichtet. Taucht ein zweiter Fall in der Klasse auf, müssen die Klasse und alle Lehrpersonen für zehn Tage in Quarantäne. Problematisch dabei ist, dass nicht klar ist, ab wann die zehntägige Quarantäne gilt. Wie lange warten Betroffene auf einen Testtermin? Wann müssen die Schüler wieder in den Unterricht? Das sind Fragen, die wir gern geklärt hätten. Wir hoffen nun auf Unterstützung seitens der Bildungsdirektion, hier praktikable Sonderregelungen für die Berufsschulen zu finden.

Schüler melden sich manchmal erst eine Woche nach dem letzten Schultag krank. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Schüler melden sich manchmal erst eine Woche nach dem letzten Schultag krank. Shutterstock

Gibt es noch weitere Probleme, die aus der Andersartigkeit der Berufsschulen resultieren?
Sonnweber: Ja. An drei Standorten findet anders als in den Jahresschulen Blockunterricht statt. Da werden die Lehrlinge zehn Wochen lang beschult und erhalten dann ihr Jahresabschlusszeugnis. Wenn nun corona-bedingt einige Wochen Unterricht ausfallen, fällt in den Blockschulen fast ein Semster aus. Das ist eine gravierende Sache. Man kann die Schüler auch nicht einfach auf einen anderen Block verschieben.

Warum nicht?
Sonnweber: Weil die Einteilung zum einen davon abhängt, dass genügend Lehrkräfte und Räume am Schulstandort vorhanden sein müssen, und zum anderen brauchen auch die Betriebe Planungssicherheit für den Einsatz der Lehrlinge in ihren Betrieben.

Wenn es Coronafälle an Berufsschulen gibt, wird es also kompliziert.
Sonnweber:
Ja. Wir sind von den Lehrerkapazitäten so ausgelegt, dass wir zu 100 Prozent belegt sind und teilweise bis zu zehn Stunden pro Tag unterrichten. Wenn mehrere Lehrkräfte quarantänebedingt ausfallen, dann müssten Kollegen einspringen, die dann bei einer wöchentlichen Unterrichtszeit von weit über 30 Stunden wären. Ohne Vorbereitungs- und Korrekturarbeit. In manchen Fachbereichen gibt es nur ein bis zwei Fachlehrpersonen, die im Fall einer Quarantäne gar nicht ersetzt werden können. Manche Maßnahmen, die auf dem Papier gut aussehen, sind für uns nicht umsetzbar. Die Berufsschulen in Vorarlberg haben aber gegenüber Restösterreich zumindest den Vorteil, dass es bei uns nur einen Standort mit Internat gibt. In den Heimen müssen zusätzlich Vorschriften eingehalten werden. Das ist bei uns Gott sei Dank nicht so.

Was ist außerdem problematisch?
Sonnweber:
Es ist nicht selbstverständlich, dass Schüler uns melden, wenn sie positiv getes­tet sind. Oft kommen sie einfach nicht in die Schule. Andererseits besuchen Jugendliche den Unterricht, obwohl sie bereits Symp­tome haben. Auch was die Maskenpflicht anbelangt, haben wir unsere Schwierigkeiten. Die Jugendlichen setzen die Maske zwar im Schulgebäude auf, aber in den Pausenhöfen und Aufenthaltsräumen am Tisch haben wir die Kontrolle darüber nicht. Ich glaube auch, dass das Risikobewusstsein in dieser Altersgruppe nicht das größte ist. Das Händewaschen vor dem Unterricht, bei dem bis zu 30 Schüler in einer Klasse sitzen, ist ein zeitliches Problem. Eigenverantwortung wäre in diesen Bereichen gut. Aber sie ist nicht immer vorhanden.

Sogenannte "Digital Natives", also Schüler, die sich sehr gut im Umgang mit Computern auskennen, sind selten. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Sogenannte "Digital Natives", also Schüler, die sich sehr gut im Umgang mit Computern auskennen, sind selten. Shutterstock

Wie sieht es mit der Vorbereitung auf ein eventuelles Distance-Learning aus?
Sonnweber:
Wir hoffen – aufgrund der Erfahrungen aus dem Frühjahr – dass wir den Präsenzunterricht möglichst lange aufrechterhalten können. Unsere sogenannten „Digital Natives“ sind oft weit davon entfernt, mit den Computerprogrammen gut umgehen zu können. Und auch unter den Lehrpersonen ist die Digitalisierung noch nicht in dem Maß angekommen, wie es kommuniziert wird. Wir haben auch festgestellt, dass viele Jugendliche sich schwertun, den Tag zu strukturieren.

Es mangelt manchen also wieder an Eigenverantwortung?
Sonnweber:
Genau. Wir haben im Frühjahr einige Jugendliche auf der Strecke „verloren“, es gab „U-Boote“, die einfach untergetaucht sind. Wie gut das Distance-Learning funktionierte, war natürlich auch betriebsabhängig. Es gab Betriebe, die haben die Schüler zu Schulzeiten zu sich geholt, damit sie dort lernen konnten. Das war ungeheuer wertvoll. Wir haben zudem festgestellt, dass die Schüler dankbar waren, dass sie im letzten Schulmonat wieder in den Klassen sitzen durften und im persönlichen Austausch mit den Lehrpersonen Neues erarbeiten durften.

Die Schüler brauchen den direkten Kontakt?
Sonnweber:
Man muss einfach auch verstehen, dass wir nicht die leistungsstärksten Schüler haben. Es gibt natürlich ein paar sehr gute, aber einige bringen Basis-Fertigkeiten wie sinnverstehendes Lesen und dergleichen nicht mit. Distance-Learning-Unterlagen müssten so aufbereitet werden, dass sie auch von diesen Schülern verstanden werden können. Das passiert aber nicht – beziehungsweise es ist gar nicht möglich – und da steigen viele aus.

Eines der Argumente, warum die älteren Schüler gegebenenfalls als ers­te wieder ins Distance-Learning geschickt werden, ist, dass sie allein zu Hause sein können. Sehen Sie das auch so?
Sonnweber:
Natürlich kann man sie rein theoretisch ab 15 unbeaufsichtigt zu Hause lassen. In Bezug auf das Distance-Learning stellt sich die Frage, wie wir die Jugendlichen motivieren können, dass sie es als Aufgabe und als Chance sehen, in ihrem eigenen Tempo von zu Hause aus zu arbeiten. Für manche – auch schwache Schüler – war es eine Chance. Sie konnten sich mit fremder Hilfe Dinge erarbeiten, die sie so im Schulbetrieb nicht geschafft hätten, weil sie mehr Zeit hatten.

Viele Jugendliche lernen  lieber im direkten Kontakt mit den Lehrpersonen. <span class="copyright">Shutterstock</span>
Viele Jugendliche lernen lieber im direkten Kontakt mit den Lehrpersonen. Shutterstock

Was sind andere dringende Themen?
Sonnweber:
Die Ausbildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr wird zu einem großen Teil von den Berufsschulen geleistet. Wir beschulen viele Jugendliche mit Migrationshintergrund und Asylwerber. Die Integrationsarbeit ist von uns dabei quasi nebenbei zu erledigen, was eine irrsinnige Herausforderung ist. Sprachdefizite sind da nur ein kleiner Aspekt. Ein verpflichtender Ethikunterricht für alle ab der neunten Schulstufe auch an den Berufsschulen wäre sehr hilfreich, wenn wir ein gutes Miteinander schaffen wollen.

Was ist ein weiteres Anliegen?
Sonnweber:
Ich denke, dass wir aufpassen müssen, dass wir die Jugendlichen nicht in eine Situation bringen, in der die Angst dominiert. Wir merken, dass die Schüler verunsichert sind, dass sie zum Teil auch aggressiv sind, und dass es schwieriger ist, eine gute Stimmung in den Unterricht zu bringen. Ich würde mir wünschen, dass man die Krise zwar ernst nimmt, aber mit dem Angstmachen aufpasst. Sehr viel wird für die Kinder und Jugendlichen schwieriger.

zur Person

Beate Anna Sonnweber

52; seit 14 Jahren als Berufsschullehrerin tätig, seit fünf Jahren Vorsitzende des Zentralausschusses der Berufsschulen; einzige parteiunabhänigge ZA-Vorsitzende in Österreich. Wohnhaft in Bregenz, verheiratet, Mutter von zwei Söhnen.

Beate Sonnweber, Vorsitzende Zentralausschuss Berufsschulen
Beate Sonnweber, Vorsitzende Zentralausschuss Berufsschulen