Gemeinsam Geschichte schreiben

Historiker arbeiten mit Laien, um Unbekanntes aus der Bregenzerwälder Geschichte zu erfahren. Zurzeit beschäftigen sie sich mit Handwerk.
Die Bregenzerwälder Barockbaumeister aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind bekannt und vor allem kunsthistorisch gut erforscht. Bekanntheit und internationale Bedeutung erlangte das Bregenzerwälder Handwerk auch in den vergangenen Jahren, vor allem durch den Werkraum. Doch was war mit dem Handwerk in den 200 Jahren dazwischen? Das ist ein blinder Fleck. Noch zumindest, denn die neu gegründete Geschichtsplattform „Werkstatt Geschichte“ beginnt gerade, Licht in dieses Dunkel zu bringen.

Die „Werkstatt Geschichte“ ist beim Bregenzerwald-Archiv angesiedelt, hinter ihr steht das Kernteam, bestehend aus Werkstatt-Leiter Georg Sutterlüty (Historiker und Autor), Beirätin Elisabeth Wicke (pensionierte Geschichtelehrerin) und Katrin Netter (Leiterin des Bregenzerwald-Archivs). Ziel der Werkstatt, die ähnlich wie ein Verein funktioniert, ist die Vertiefung der Geschichte des Bregenzerwaldes. Denn nicht nur beim Handwerk gebe es viele Lücken, so Georg Sutterlüty: „Vom 19. und 20. Jahrhundert ist wissenschaftlich wenig aufgearbeitet. Generell kursieren bekannte Geschichtsbilder und sie werden wiederholt, bis sie ausgelutscht sind.“ Das wären zum Beispiel die Wälderinnen, die im Dreißigjährigen Krieg schwedische Soldaten vertrieben haben sollen, oder die Landammänner und die Wälderrepublik. Der Historiker ist überzeugt: „Die Geschichte des Bregenzerwaldes wäre viel umfangreicher, wenn man sich intensiver mit den Quellen auseinandersetzte. Das wollen wir tun.“
Gang ins Archiv
Bevor es aber interessante, lebendige Geschichten zu erzählen gibt, steht zuerst der Gang ins Archiv an. Oder es werden Quellen aus Zeitungen, Vereins- oder privaten Beständen erschlossen. „Für die meisten Forscher ist die Arbeit im Archiv sehr zeitaufwändig“, erklärt Georg Sutterlüty. „Die Idee der ‚Werkstatt Geschichte‘ ist deshalb, das gemeinsam mit geschichtsinteressierten Menschen zu machen.“

Für das Projekt Handwerk, das unlängst bei einer Informationsveranstaltung vorgestellt wurde, haben sich bereits zehn interessierte Ehrenamtliche gemeldet. Sie gehen ins Landesarchiv, wo die Gewerberegister mit den Einträgen und Löschungen der Handwerksbetriebe gelagert sind, scannen die entsprechenden Seiten und tragen die Daten in ein Excel-Formular ein. Wenn alle mit ihrer Arbeit fertig sind, werden die Ergebnisse in einer Liste zusammengeführt. Das ergibt dann eine einheitliche Übersicht der Betriebe, der Besitzer, der Orte und der An- beziehungsweise Abmeldungen.
Aus diesen Daten lassen sich viele Schlüsse ziehen, beispielsweise wäre erkennbar, ob es in einer Gemeinde eine Konzentration bestimmter Betriebe – etwa Küfer – gegeben hat. Dann könnte ein Historiker forschen, weshalb das so war. Sobald Namen und Orte verfügbar sind, ist auch die Suche in Zeitungen und Büchern einfacher.

Eine solche Erschließung der Quellen mit allen Interessierten ist die erste von drei Säulen der „Werkstatt Geschichte“ und ist mit dem Stichwort „Erschließung“ betitelt. Die zweite Säule ist die „Erkenntnis“ und bedeutet die wissenschaftliche Aufarbeitung des gesammelten Materials. Hier werden dann die Geschichten entstehen.
Nicht im Archiv liegen bleiben
Säule Drei ist das „Erleben“. „Das ist der Transfer, damit das neue Wissen unter die Menschen kommt und nicht nur im Archiv liegen bleibt“, berichtet Katrin Netter. Einerseits soll das über Veranstaltungen passieren, andererseits über die Homepage der Werkstatt www.werkstatt-geschichte.at. Dort sollen die Quellen und Daten hinterlegt werden und alle können rund um die Uhr nachschauen, was sie interessiert – sei es eine Wissenschaftlerin, ein Vertreter einer Institution wie einem Museum oder ein Lehrer, der etwas für ein Schulprojekt benötigt.
Beim Projekt Handwerk rechnet das Kernteam, dass die Liste mit den Betriebsdaten bis Frühjahr 2023 fertig ist. Die zehn Freiwilligen, die sich bereits engagieren, bearbeiten meist die Dörfer, aus denen sie stammen. „Wenn ein Bezug da ist, ist das Interesse größer“, erklärt Elisabeth Wicke, die schon seit mehreren Jahren Mellauer Dorfchronistin und ehrenamtliche Mitarbeiterin im Bregenzerwald-Archiv ist.

Die Daten der Betriebe werden ab 1896 bis in die 1980er-Jahre gesammelt. Das bedeutet, dass recht viele Einträge in Kurrentschrift verfasst sind. Das zu lesen, kann mühsam sein, sagte Elisabeth Wicke. Aber: Mit der Erfahrung werde es einfacher und die Werkstatt wolle zudem auch Kurse im Kurrentlesen anbieten.
Die Werkstatt sucht noch Freiwillige, die beim Projekt Handwerk mitarbeiten möchten. Infos und Kontakt: katrin.netter@regiobregenzerwald.at