„Zwei-Staaten-Lösung ist der falsche Traum“

Roland paulitsch
Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, über das Ziel der Terrororganisation Hamas, Antisemitismus und warum sich vom Nahost-Konflikt jeder betroffen fühlt.
Die Eskalation des Nahost-Konflikts hat eine Welle des Antisemitismus mit sich gebracht – obwohl der Auslöser des derzeitigen Krieges ein grausamer Angriff der Terrororganisation Hamas auf Israel war. Warum dann diese Feindlichkeit gegenüber Juden und Jüdinnen?
Hanno Loewy: Die Massaker der Hamas haben eine erwartbare Gegenreaktion ausgelöst und das Kalkül der Hamas ist ein Krieg der Bilder. Sie produzieren eine Situation, in der sie die Bilder bekommen, mit denen sie weltweit ihre Propaganda machen können.
Was bezweckt die Hamas?
Loewy: Die Hamas hat nicht nur 240 Geiseln aus Israel verschleppt und 1200 Menschen ermordet in einem alle bisherigen Maßstäbe des Konflikts sprengenden Pogrom – das erste des 21. Jahrhunderts. Im Prinzip halten Sie 2,5 Millionen Palästinenser im Gazastreifen als Geisel, benutzen sie in ihrer Kriegsführung als Werkzeug, als Material für ihre Propaganda. Das Problem ist, dass die Palästinenser im Gazastreifen wenig Möglichkeiten haben, sich dagegen zu wehren.
Warum?
Loewy: Hamas hat dort eine blutige Diktatur installiert. Die Bevölkerung im Gazastreifen wird von Hamas für ihre Zwecke benutzt und das hat mit Israel gar nicht so viel zu tun. Hamas ist eine ideologische Bewegung, die die Herrschaft über die islamische, die arabische Welt erringen will.
Nicht besonders realistisch?
Loewy: Nein, aber das ist ihr Ziel. Ihre eigentlichen Gegner sind rivalisierende, andere Gruppierungen in der arabischen Welt und andere Tendenzen im Islam. Sie benutzen den Konflikt mit Israel als Instrument und die Palästinenser als Werkzeug ihrer Propagandaschlacht. Das verbindet sie mit anderen faschistischen Bewegungen in der Geschichte. Hamas haben nicht das Ziel, die Palästinenser zu befreien.

Mit der Reaktion auf das Massaker hat Hamas nun ihre Propagandabilder bekommen …
Loewy: Das haben sie erreicht. Ganz gleich, was diese israelische Regierung und andere zuvor falsch gemacht haben, kein Staat kann sich in dieser Weise angreifen lassen, ohne militärisch zu reagieren. So wie die Hamas agiert, nämlich ihre Raketen aus Moscheen abzuschießen und ihre Kommandozentralen in Krankenhäusern zu installieren, provoziert sie ganz bewusst, dass es viele zivile Opfer gibt. Natürlich ist die Situation im Gaza-Streifen seit langem unerträglich, aber das liegt nicht zuletzt an Hamas. Die Frage ist, wann hört dieser Krieg auf und was kommt danach? Hamas hat die israelische Regierung in eine ziemlich alternativlose Situation gebracht. Mit diesen Bildern macht Hamas nun weltweit Propaganda bis in jedes Vorarlberger Klassenzimmer hinein.
Es dürften ja schreckliche Bilder sein, die da in Social Media kursieren?
Loewy: Alle vernünftigen Menschen weigern sich, solche Bilder anzuschauen. Ich schaue mir auch nicht die Bilder an, die Hamas direkt nach ihrem Pogrom in den Dörfern im Süden gemacht haben. Diese Bilder will ich mir als halbwegs moralisch empfindender Mensch gar nicht anschauen. Diese Bilder anzusehen ist eigentlich ein Übergriff, das ist Gewaltpornographie. Social Media zerstören diese natürliche Scham.
Bilder dürften aber auch den Antisemitismus verstärkt haben?
Loewy: Es gibt bei diesem Konflikt ein verbreitetes Bedürfnis, Partei zu ergreifen. Israel erscheint dabei als Stärkerer und es gibt einen natürlichen Impuls für die Schwächeren Partei zu ergreifen, für die vermeintlich Schwächeren. Das ist ein Impuls, der nicht immer richtig ist. Aber es gibt noch ein ganz anderes grundsätzliches Problem, wenn man über Antisemitismus redet. Warum redet niemand hier über den Völkermord von Buddhisten an Muslimen in Myanmar oder die Deportationen von Muslimen in Konzentrationslager in China…
Warum?
Loewy: Wir haben zumeist zu Israel und Palästina eine andere Beziehung. Das hat nicht nur mit dem Holocaust zu tun, sondern mit etwas viel Fundamentalerem, mit den Wurzeln des Christentums, und übrigens auch des Islam.
Inwiefern?
Loewy: Diese Region ist von jeher die strategische Schnittstelle der drei Kontinente Europa, Afrika und Asien. Schon vor dem Jahre Null hat jede Macht in der Umgebung dieser Schnittstelle versucht, diesen Ort zu besetzen, die Perser, die Römer, die Ägypter … spätestens mit dem Christentum ist es zur ideologischen Voraussetzung unserer Zivilisation geworden zu glauben, dass Jerusalem der Mittelpunkt der Erde ist. Juden glauben das schon etwas länger, aber die paar Juden auf der Welt waren historisch kein wirklich relevanter Faktor. Auch die Idee des Monotheismus ist nicht mit den Juden eine weltweit bedeutsame Angelegenheit geworden, sondern mit der Geburt des Christentums.
Das sich dann ausgebreitet hat?
Loewy: Das Christentum hatte die Idee, die Welt zu erobern und das heißt, seit 2000 Jahren gibt es eine Bewegung in der Welt, die sagt, Jerusalem ist der Mittelpunkt der Erde und alles, was dort passiert, ist entscheidend für das Heil der Menschheit. Das ist eine zivilisatorische Grundierung, die dann in den Islam eingeflossen ist. Auch die Muslime haben ein paar Jahrhunderte später die Vorstellung übernommen, dass sich an dieser Stelle der Erde das Schicksal am Jüngsten Tag entscheidet. Das heißt, aus einer Idee einer kleinen Gruppe von Leuten, die sich irgendwann kollektiv als Juden definierten, ist durch das Christentum und den Islam eine ideologische Grundierung nahezu der gesamten Welt geworden. Alles was dort geschieht, hat diese Aufladung, dass das Heil der Welt davon abhängt.
Was hat das zur Folge?
Loewy: Jeder Mensch schaut auf diesen Konflikt so, als ob es ihn persönlich etwas angeht. Das Interessante ist, dass das sogar in säkulare Bewegungen übergeht. Wenn die SJ in Vorarlberg demonstriert, so als ob das Schicksal der Weltrevolution davon abhängt, was dort passiert, ist das einfach absurd. Natürlich ist der Nahe Osten auch ein Schaupatz des Kolonialismus. Aber eben nur wie viele andere auch … Und zufällig ist diese Weltgegend nun auch seit hundert Jahren noch das Rückgrat der Energieversorgung unserer energiefressenden Lebensweise und Ökonomie.

SJ Vorarlberg und Fridays für Future International sind zwei „Jugendorganisationen“, die sich aufseiten der Palästinenser positioniert haben. Warum ist das auch dort so ein Thema?
Loewy: Es ist dort ein Thema, wo Menschen über die Welt nachdenken, wo Menschen sowieso mit der Vorstellung beseelt sind, sie müssen die Welt retten und es gibt ja momentan durchaus ein paar Gründe dafür. Es ist ja nicht so, das Fridays for Future Spinner sind. Sie reagieren politisch auf Probleme dieser Welt. Nur sind die halt kein gordischer Knoten, den man mit einem Schwert durchschlagen kann.
Warum müssen sie nun aber die Palästinenser “retten”?
Loewy: Es gibt diese vorher erwähnte zivilisatorische Grundierung, zu glauben, von der Entscheidung dort hängt das Heil ab. Aber das würde ich jetzt nicht per se antisemitisch nennen wollen. Es kann sich ganz im Gegenteil auch philosemitisch oder in glühender Begeisterung für Israel äußern. Israel und die Palästinenser, sie haben leider beide viele falsche Freunde. Das Problem ist, dass wir immer sehr schnell mit dem Wort Antisemitismus sind. Und dann gibt es nicht zuletzt in Deutschland und in Österreich ein Bedürfnis aus dieser besonderen Verantwortung gegenüber Juden nach dem Holocaust sich irgendwie herauszuwinden, eine Art Abwehrimpuls.
Das heißt?
Loewy: Bei diesem Thema sind wir schnell auf einer Art von schiefen Ebene, die in Richtung Antisemitismus geht. Das heißt aber nicht, dass immer alles Antisemitismus ist. Sich in einem Konflikt positionieren zu wollen, in dem im Moment Tausende von Palästinensern sterben, ist nicht antisemitisch. Die Frage ist nur, wie sehr geht man Hamas auf den Leim und kapiert nicht, wer an dieser Eskalation von Gewalt schuld ist. Natürlich gibt es jede Menge antisemitische Vorstellungen in unserer Gesellschaft. Und es gibt eine Politik, die begierig Missbrauch mit diesem Konflikt treiben.
Zur Person
Hanno Loewy
Dr. phil, geboren 1961 in Frankfurt am Main, Literatur- und Filmwissenschaftler. 1995 bis 2000 Gründungsdirektor des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main, seit 2004 Direktor des Jüdischen Museums Hohenems. 2011 bis 2017 Präsident der Association of European Jewish Museums. Seit 2001 Lehrbeauftragter an der Uni Konstanz. Lebt mit seiner Familie in Hohenems.
Der Konflikt fließt ja auch stark in die Politik ein?
Loewy: Es gibt Teile, nicht nur des Rechtspopulismus, sondern des europäischen Mainstreams, die ihre eigene fremdenfeindliche, rassistische, muslimfeindliche Agenda mit diesem Konflikt aufmunitionieren und ihn benutzen, um Dinge durchzusetzen, die mit diesem Konflikt nichts zu tun haben. Sie bekommen nun aber – und das ist das nächste Kalkül von Hamas – die Argumente geliefert. Wenn Migranten, Muslime dazu verführt werden, öffentliche Freudentänze aufzuführen, während ein Pogrom in Dörfern am Gazastreifen stattfindet, dann liefert das natürlich den rechtspopulistischen Nationalisten ihre Munition. Das ist genau das, was Hamas will. Hamas will Polarisierung in Europa, in den USA, überall. Islamisten wollen, dass Muslime in Europa auf Feindschaft stoßen, ausgeschlossen werden. Das ist schließlich der Brennstoff für Radikalisierung. Aber wollen wir dieses Spiel etwa mitspielen?
Wie sollte die Politik da Ihrer Ansicht nach agieren?
Loewy: Man muss grundsätzlich davon ausgehen, dass Palästinenser, die hier leben, ein legitimes Recht haben, diesen Konflikt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Man muss ihnen aber auch entschieden entgegentreten, wenn aus dieser Perspektive eine menschenverachtende, antisemitische, mörderische Ideologie wird. Das sind zwei unterschiedliche Dinge.
Und dann?
Loewy: Ich muss die Menschen ernst nehmen, ihre Motive, ihre Emotionen und ich muss mich in die Kommunikation begeben. Das ist vielleicht unangenehm. Das kann sehr fordernd sein. Es ist viel einfacher, irgendwas zu verbieten und wenn es dann doch geschieht, die Polizei zu rufen. Das klingt einfach, ist aber nicht erfolgreich. Das funktioniert nicht.

Wie sehen Sie die Demos, die derzeit stattfinden?
Loewy: Wenn in Berlin oder Bregenz Leute mit Schildern mit „Free Palestine“ auf die Straße gehen, dann ist das nach dem Pogrom von Hamas eine antisemitische Parole. Wenn ich auf so eine Demonstration in Berlin gehe mit dem Schild „Free Palestine from the River to the Sea“, dann gibt es keinen Platz für Israel mehr. Wenn ich aber in Berlin auf die Straße gehe mit dem Schild „From the River to the Sea, we demand equality“, dann würde ich sage „fair enough“. Genau darum geht es doch eigentlich, Gleichberechtigung und Menschenrechte.
Ist das passiert?
Loewy: Ja, aber auch dieses Schild ist von der Polizei als „antisemitisch“ beschlagnahmt worden. Wenn jetzt als Beispiel die deutsche Politik die Forderung nach Gleichberechtigung als antisemitischen Gewaltakt interpretiert und verbietet, dann ist da etwas Überschießendes, von dem ich glaube, dass es nicht nur Ungeschicklichkeit ist, sondern auch System hat. Wenn ich quasi alle Palästinenser zu Antisemiten erkläre, dann produziere ich diese Radikalisierung selber mit und das ist etwas, worüber ich mir im Moment genauso Sorgen mache. Dazu gibt es noch zwei Phänomene.
Welche?
Loewy: Es gibt ja nicht nur das schlechte Gewissen gegenüber dem Holocaust, das einen dazu bringt, sich bedingungslos mit Israel zu identifizieren, mit allem, was dort gemacht wird. Das kann keine kluge Haltung sein. Etwas anderes ist es zu sagen, wir treten für das Existenzrecht des Staates ein und verteidigen dieses Existenzrecht mit den Mitteln, die wir haben. Aber es gibt auch – in anderen europäischen Ländern oder den USA stärker – ein schlechtes sozusagen Kolonialgewissen. Das führt im Moment dazu, sich bedingungslos mit den Palästinensern zu solidarisieren. Aber auch mit den Palästinensern kann man sich nicht bedingungslos solidarisieren. Man kann sich mit ihnen solidarisieren in Verteidigung ihrer Menschenrechte und im Kampf in der Zukunft Gleichberechtigung zu erreichen. Aber Vernichtung hat nichts mit Befreiung zu tun. Und die Vernichtung des Staates Israel gehört zu den Grundsätzen der Hamas. Nun haben sie auch gezeigt, wie sie sich das vorstellen.

Wie kann sich die derzeitige Situation im Gazastreifen weiterentwickeln?
Loewy: Noch eines davor: Es erschreckt mich zutiefst, dass diese Perspektive auf diesen Konflikt als etwas, das irgendwie entscheidend für die Weltgeschichte ist, einhergeht mit einer mich zutiefst verunsichernden Empathielosigkeit. Als die Nachricht kam, was Hamas da tut, gab es wenig Reaktion. Es gab Schrecken, Fassungslosigkeit, aber sehr wenig Reaktion.
Wie meinen Sie das?
Loewy: Es hat etwa keiner aus der Vorarlberger Landesregierung hier mal angerufen und gefragt, wie geht es euch. Hier arbeiten Menschen, deren Verwandte dort sitzen. Wir haben gerade eine Ausstellung über palästinensische junge Frauen, die zugleich Israelis sind, also von diesem Konflikt geradezu entzweigerissen werden, die unter dieser Situation auf ihre Weise grausam leiden. Stattdessen macht man sich Gedanken, wie man Migranten ärgert. Es gibt aber auch eine Empathielosigkeit in Teilen der Linken, die mich erschreckt hat.
Der “linke Antisemitismus” ist derzeit ein vieldiskutiertes Thema. Wie sehen Sie das?
Loewy: Es wird jetzt sehr schnell pauschalisiert, „die Linke“ sei antisemitisch, nein, manche sind empathielos, weil sie nur in abstrakten Systemen denken. Und manche weil sie einer postkolonialen Doktrin folgen, in der Israel nur als koloniales „Gebilde“ gesehen wird, was nur geht, wenn man die Israelis, die Menschen ausblendet, und so tut, als ob sie dort nicht schon längst zu Hause wären, so als ob es keinerlei Geschichte ihrer fortdauernden Präsenz dort gäbe. Ja sie waren dort einmal eine Mehrheit und sie waren noch viel länger eine Minderheit. Aber eine koloniale, fremde Macht, die dort mit rassistischer Begründung siedeln wollte, wie Weiße in Südafrika, waren sie nie. Sie sind dort ebenso zu Hause wie die Palästinenser. Das stellt den Ethno-Nationalismus auf beiden Seiten in Frage, den zionistischen genauso wie den arabischen oder postkolonialen. Mich erschreckt auch die Empathielosigkeit gegenüber den Menschen in Gaza. Empathie würde voraussetzen, auch ihre desperate Situation unter der Hamas ernst zu nehmen. Sie werden benutzt, für alles mögliche, auch für die Erregung hier. Die, die jetzt da rumbrüllen, haben keine Empathie für die Menschen dort, sondern sie kochen ihre eigene Suppe darauf. Fotos von toten Kindern auf TikTok weiterzuschicken ist kein Zeichen von Empathie, sondern von Menschenverachtung, inklusive Menschenverachtung für dieses Kind, weil ich es für meine eigene Ideologie, meine eigenen Emotionen benutze, die gar nichts mit dem Leiden der Menschen dort zu tun haben. Diese Empathielosigkeit, die man jetzt gerne der Linke vorwirft, die erlebe ich freilich auf allen Ebenen und politischen Lagern.

Wo noch?
Loewy: Die Rechtspopulisten in den meisten Parteien, sie meinen jetzt, sie könnten ihre Ausländer- oder Muslimfeindlichkeit auf diesem Feuer kochen. Sie interessieren sich für die Sicherheit von Jüdinnen und Juden keine Sekunde lang und sie haben sich für das Leiden von Palästinensern noch nie eine Sekunde lang interessiert. Sie benutzen diesen Konflikt für ihre Interessen. Es ist schon so, dass sich Jüdinnen und Juden im Moment in dieser Situation sehr alleine fühlen. Wenn Palästinenser in Europa sich betroffen fühlen, dann ist das sehr verständlich. Wenn irgendwelche SJler hier auf der Straße krakeelen „Free Palestine“ und die FPÖ dieses Thema verwendet, dann ist das nur Missbrauch des Leidens anderer Menschen und das geht jetzt mittlerweile tief in den Mainstream.
Wie kann es in Israel bzw. dem Gazastreifen nun weitergehen?
Loewy: Das Schlimme ist, dass im Moment tatsächlich kaum jemand eine Idee habt, wie es weitergehen kann. Es gibt aber zwei ganz unterschiedliche Visionen, wie das Leben von Menschen zwischen Jordan und Mittelmeer organisiert werden kann. Vorstellungen, die einen zu gegensätzlichen Schlüssen und Handlungen anleiten.
Welche?
Loewy: Es gibt die Vorstellung, dass es dort zwei Völker gibt, die miteinander nichts zu tun haben und in sich homogen wären. Und es gibt die Vorstellung, dass es dort Gesellschaften gibt, die in sich nicht homogen sind, sondern divers und die miteinander in irgendeiner Form zusammenleben müssen.

Was ist die Konsequenz aus diesen Vorstellungen?
Loewy: Ich muss mich grundsätzlich entscheiden, will ich, dass die Menschen dort gleichberechtigt, in gleicher Würde zusammenleben oder will ich sie alle in ethnische Inseln einsperren. Dann muss ich mich aber noch entscheiden, wie viele Territorien ich brauche, damit dieses Nebeneinander möglichst homogen in sich organisiert ist. Da komme ich nämlich nicht auf zwei Staaten, sondern auf zwanzig.
Und die andere Vorstellung?
Loewy: Wenn ich der Vorstellung einer liberaldemokratischen Gesellschaft nachhänge und von dort aus anfange zu überlegen, wie kann ich dieser Vision in kleinsten Schritten näherkommen, dann tu ich das anders, als wenn ich von der Trennung her denke. Wenn ich von der Trennung her denke, denke ich auch, dass Menschen an bestimmten Orten mehr Rechte haben als andere. Dann bin ich auf einer schiefen Ebene und das Ende dieser schiefen Ebene ist die Vorstellung, dass manche das Recht haben, dort zu leben, und andere nicht, ich träume von einer Welt, in der die anderen nicht mehr da sind. Die Radikalen, die Hamas und manche jüdischen Faschisten, haben diese Vorstellung. Hamas hat auf furchtbare Weise gezeigt, wie das geht. Und das ist immer noch ein dramatischer Unterschied. Denn so weit ist die israelische Gesellschaft noch lange nicht. Ja es gibt dort politische Radikale, auch in der Regierung, die davon träumen, die Palästinenser zu vertreiben. Aber noch sind das ausgesprochen unrealistische Vorstellungen. Das Gegenteil passiert. Der arabisch-palästinensische Anteil der israelischen Bevölkerung wächst stetig. Auch die Bevölkerung in den besetzten Gebieten. Aber Hamas versucht nun einiges, um die Israelis zu radikalisieren, in diese Richtung zu drängen. Bis jetzt ist das freilich nicht aufgegangen. In der israelischen Bevölkerung herrscht Fassungslosigkeit und Wut auf die eigene Regierung, die vor dieser Bedrohung komplett versagt hat. Was da geschehen ist, stellt den wichtigsten Gründungsmythos von Israel in Frage: den Glauben daran, dort einen „sicheren Hafen“ gefunden zu haben. Nun ist klar, den gibt es auf dieser Welt nicht. Und das hat eine Schockwelle in Israel aber auch unter Jüdinnen und Juden in aller Welt ausgelöst. Das versteht bis jetzt kaum jemand. Viele gutmeinende Menschen rufen jetzt stattdessen wieder nach einer „Zwei-Staaten-Lösung“.

Aber?
Loewy: Träumen kann ja zuweilen das einzige sein, was uns bleibt. Aber die Zwei-Staaten-Lösung ist für mich der falsche Traum. Er trennt und radikalisiert und das bevor, man überhaupt solche Staatswesen in der Realität sehen könnte.
Warum?
Loewy: Bis heute ist die Rede davon vor allem eine Entschuldigung dafür, nichts zu tun. Den Status-Quo als kleineres Übel zu beschwören und abzuwarten ob ein Wunder geschieht. Wer Zwei-Staaten-Lösung sagt, meint damit zumeist, wir haben einen unlösbaren Konflikt, den muss irgendeine Macht, oder liebe Herrgott lösen, indem er irgendwie die Leute an der Hand nimmt und auseinanderbringt und dazwischen eine saubere Grenze zieht und dann auch noch das Wunder vollbringt, dass auf beiden Seiten eine Art von Gleichberechtigung der verschiedenen Bürger herrscht. In Israel leben über zwanzig Prozent Palästinensisch-israelische Staatsbürger. Hätten diese in einem exklusiv jüdischen Staat wirklich die gleiche Anerkennung? Ich finde auch nicht, dass man alle Siedler aus der West Bank vertreiben muss. Juden müssten auch das Recht haben, dort zu leben. Und wenn es einen Palästinenserstaat gäbe, müssten die jüdischen Siedler dann Araber werden, damit sie dort gleichberechtigt leben können?
Was wäre eine Alternative?
Loewy: Es gibt auf diese Fragen keine einfachen Antworten. Wenn man aber vom Prinzip der Gleichberechtigung ausgehen würde, dann könnte man vielleicht etwas entspannter darüber sprechen, ob ein Staat, zwei Staaten, fünf Kantone oder eine Art von Föderation langfristig den Rahmen dafür bilden könnten. Ich glaube auch nicht an eine von außen aufoktroyierte „Ein-Staaten-Lösung“, jedenfalls nicht als etwas, das von der UNO, dem Herrgott oder was weiß ich von wem da einfach implementiert werden kann. Aber es gibt eine Realität. Und die besteht im Moment aus einem Staat, der in einem Teil seines Herrschaftsgebietes weitgehend demokratisch funktioniert, und in anderen Teilen ein dramatisches Besatzungsregime exerziert. Und dazwischen existieren Siedlungen in einem gefährlichen, quasi rechtsfreien Raum. Das geht auf die Dauer nicht gut.
Sondern?
Loewy: Ich glaube, es gibt die Grundfrage: Will ich, dass Leute dort gleichberechtigt zusammenleben? Es gibt dort nicht einfach zwei Völker, die in unterschiedlichen Tälern leben, die aus irgendwelchen historischen Gründen irgendwann zu einem Territorium geworden waren, so dass man jetzt irgendwie wieder eine Grenze ziehen könnte. Das sind zwei sehr diverse Bevölkerungen mit vielen Querverbindungen, denen vor allem dieselben Orte wichtig sind, symbolisch, historisch, religiös, die ökonomisch aufeinander angewiesen sind, deren Sicherheit davon abhängen würde, gemeinsam zu handeln. Palästinenser und Israelis werden erst dann in Sicherheit leben können, wenn sie sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Sie müssten gemeinsam agieren, wenn sie irgendwann in Frieden und Sicherheit leben wollen. Das klingt wie eine absurde, kontrafaktische Utopie. Aber es ist die Realität. Das Gegenteil erleben wir gerade. Es gibt nämlich viele Leute, die ihre ganz eigenen Interessen haben, und die beiden Gruppen gegeneinander ausspielen und immer genug Öl ins Feuer gießen.

Was ergibt sich daraus?
Loewy: Wenn man über die Zukunft redet, müsste man überhaupt erst einmal anfangen, auch hier darüber zu reden, welche Interessen Leute hier haben. Es gibt Menschen, die haben wirklich ein persönliches Recht, etwas dazu zu sagen, weil es sie persönlich existenziell betrifft. Das sind in erster Linie Israelis und Palästinenser, die hier leben. Juden auch, die natürlich Verwandte dort haben. Arabische Muslime, die oft ebenfalls direkte Beziehungen in der Region haben. Aber grundsätzlich müssen die Menschen, die dort leben, selbst einen Weg finden, gemeinsam zu entscheiden, was sie wollen und dabei nicht ständig von außen munitioniert werden. Ob das nun ein Staat ist oder zwei Staaten oder eine Föderation oder vier Kantone sind. Das sind alles Fragen, die man nur dann überhaupt lösen kann, wenn man grundsätzlich entschieden hat, dass es ein Leben in Gleichberechtigung geben muss.