„Man sucht sich nicht aus, transident zu sein“

Klaus hartinger
Anna Maria Ritter hat viele Jahre als Mann gelebt. Sie ist eine der Podiumsteilnehmerinnen bei einer Veranstaltung Mitte Mai in der Inatura, bei der es um Transidentität geht.
Frau Ritter, Sie sind als Bub aufgewachsen. Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass etwas nicht stimmt?
Anna Maria Ritter: Das habe ich schon in der Kindheit gespürt. Mit 15, 16 wurde es dann immer klarer, dass etwas nicht stimmig ist. Dass ich einfach kein Bub bin. Mit 17, 18 war dann endgültig klar: Ich bin ein Mädchen.
Wie war das damals für Sie?
Ritter: Ich bin 1970 geboren. Wenn ich damals, mit 14 oder 15, zu meinen Eltern gesagt hätte, dass ich ein Mädchen bin, hätten sie gesagt: „Geh bitte in dein Zimmer und komm raus, wenn du wieder normal bist.“ So war das damals. Ich habe auch eine jüngere Schwester und da war ein gewisser Neid da. Ich habe das alles sehr lange mit mir herumgetragen. Immer wieder habe ich mich gefragt: Bin ich nicht normal? Oder: Was tue ich der Familie und Gesellschaft an, wenn ich sage, wer ich wirklich bin? Aber das ist die falsche Frage.

Wann haben Sie sich dann geoutet?
Ritter: Das hat lange gedauert. Ich habe mich erstmals mit 47 Jahren meiner Psychotherapeutin anvertraut. Bis dahin habe ich im falschen Körper gelebt. Ich wusste, was los ist, aber ich habe es niemandem erzählt. Ich habe alles mit mir selbst ausgemacht. Im Alter von circa 30 Jahren wollte ich meinem Leben ein Ende setzen. Ich war am Berg in Tirol – in suizidaler Absicht und mit Abschiedsbrief. Dort habe ich gespürt, dass dies noch nicht das Ende ist und noch etwas auf mich wartet. Ich habe eine Psychotherapeutin gesucht, die spezialisiert ist. Das war der Beginn eines Prozesses, den man durchlaufen muss. Der aber wichtig ist: Wenn du dein Geschlecht änderst, wird nicht plötzlich alles besser. Deine Vergangenheit bleibt. Du bekommst zwar behördlich einen neuen Namen und Geschlecht, aber die Herausforderungen des Lebens im anderen Geschlecht kommen hinzu und die sind ja noch mal größer.
Inwiefern?
Ritter: Du musst in die Rolle finden. Ich hatte 47 Jahre lang als Mann gelebt. Dann lebst du plötzlich rund um die Uhr als Frau. Anfangs denkt man, alle sehen es einem sofort an. Wenn die Hormontherapie beginnt, ändert sich äußerlich langsam etwas. Diese Phase ist sehr schwierig. Du bist nicht mehr Mann, aber auch noch nicht Frau – wie ein Schmetterling in der Verpuppung. Ich habe die ganzen 47 Jahre eine Schutzhülle um mich aufgebaut. Ich wirkte für andere sehr überheblich und unnahbar. Das war meine Art, mich zu schützen, aus Angst, jemand könnte erkennen, wer ich wirklich bin. Mit meinem Outing und der Arbeit mit meiner Therapeutin war das weg. Jetzt bin ich ich – natürlich verletzlicher, aber authentisch.

Wie ging der Prozess weiter?
Ritter: Neben den Gesprächen mit der Psychotherpeutin gibt es ein psychologische Gutachten, um mögliche psychische Erkankungen als Ursache auszuschließen. Abschließend kommt noch ein Gespräch mit einem Psychiater. Aus all dem wird ein Gutachten erstellt, das dann auch die Grundlage für Hormontherapie und geschlechtsangleichende Operation ist.
Zur Person
Anna Maria Ritter
Geboren 1970 in Wien, aufgewachsen in Wien. Schule für Datenverarbeitungskaufleute und Controller Akademie. Tätigkeiten im Finanzwesen und Organisationsbereich. 2019 Umzug nach Vorarlberg. Tätigkeiten im sozialen und psychiatrischen Bereich. Psychologiestudium mit geplantem Abschluss im Herbst, anschließend Psychotherapieausbildung.
Wie hat Ihr Umfeld auf das Outing reagiert?
Ritter: Meiner Mama habe ich einen Brief geschrieben. Ich wusste, ein direktes Gespräch wäre zu schwierig für sie. Ich habe ihr Zeit gegeben, den Brief in Ruhe zu lesen. Ihre erste Reaktion war und ich verstand sie auch: „Wie stellst du dir das vor?“ Ich hatte lange Zeit, mich mit der Situation auseinanderzusetzen – andere haben das nicht. Das überfordert viele. Und Familie ist ja noch etwas anderes als Freunde. Im Gespräch konnten wir vieles klären. Ich wollte den Eltern auch ihre Schuldgefühle nehmen – sie haben nichts falsch gemacht. Bei engen Freunden habe ich auch das persönliche Gespräch gesucht. Dann habe ich mich auf Social Media geoutet. Da waren eigentlich alle Reaktionen positiv. Ich habe schon auch Freunde verloren. Gerade Menschen, die sich vorher tolerant gegeben haben, haben sich dann distanziert. Ich hatte mich auf das Schlimmste vorbereitet – dass sich alle abwenden könnten. Das ist nicht passiert. Aber für mich war klar, mein neues Leben beginnt in Vorarlberg. Ich bin nach meinem Outing hierher gezogen und da kennt man nur die Anna Maria.

Dominiert Ihrer Erfahrung nach in der Gesellschaft gegenüber transidenten Menschen Unwissenheit oder Ablehnung?
Ritter: Ich glaube, dass es diese Unwissenheit sehr wohl gibt. Das wird besser, aber es gibt auch Ablehnung. Man sucht sich nicht aus, transident zu sein. Das ist so. Aber es bleiben viele Klischees. Man denkt: Transidente Menschen sind laut, schrill, auffällig. Ich mache dazu auch Workshops an Schulen, an der HLW Feldkirch. Und da sagen mir die Schülerinnen spannenderweise oft: „Anna Maria, du bist ja völlig normal.“
Haben Sie den Eindruck, dass die Diskriminierungen von transidenten Menschen mehr geworden sind?
Ritter: Leider ja – vor allem durch gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Wenn ich in die USA, nach Russland oder Ungarn und andere Länder schaue, macht mir das Angst. Wenn man ohne Konsequenzen behaupten darf, dass transidente Menschen krank oder gestört sind, dann schwingt die Masse mit.
Haben Sie persönlich auch schon negative Erlebnisse gehabt?
Ritter: Die meisten trauen sich nicht, es persönlich zu sagen, aber online gibt es natürlich immer wieder negative Kommentare. Aber auch im Alltag: Für Männer ist es manchmal selbstverständlich, dass sie an den Hintern greifen oder fragen, ob sie meine Brüste angreifen dürfen. Das ist eine unfassbare unfassbare und nicht tolerierbare Grenzüberschreitung.
Veranstaltung
„Identität und trans*normale Sachen“
Vortrag mit Dagmar Pauli – stellvertretende Direktorin und medizinische Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich sowie klinische Dozentin an der Universität Zürich – und Podiumsdikussion: Donnerstag, 15. Mai, 19 Uhr, Inatura Dornbirn.
Podium: Dagmar Pauli, Nadine Lederhoser (Sozialpädagogin i.A. und Mitgründerin von s‘Umfeld – Selbsthilfegruppe für Angehörige von trans und inter* Personen), Anna Maria Ritter (Betroffene und Psychologin i.A.) , Michaela Mörth (Psychotherapeutin, spezialisiert auf die Begleitung von transidenten Personen). Moderation: Brigitta Soraperra (Projektleiterin IG Geburtskultur a-z).
Anmeldung: info@geburtskultur.com, Infos: www.geburtskultur.com
In Großbritannien gibt es seit Kurzem ein Urteil, demzufolge Transfrauen nicht unter das Gleichstellungsgesetz fallen. Wie sehen Sie das?
Ritter: Ich bin eine Frau. Ich kann nicht in eine Männerumkleide gehen – das wäre absurd. Es braucht für Frauen auch Schutzräume. Ich verstehe aber auch die Sorge, wenn Menschen diese Schutzräume missbrauchen. Deshalb braucht es klare Verfahren so wie bei meinem Weg, den auch viele andere durchmachen.
Viele Diskussionen gibt es diesbezüglich ja im Profisport?
Ritter: Da urteilen Menschen, die sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen. Ich weiß, dass sich durch die Hormontherapie vieles verändert. Die Kraft, die ich früher gehabt habe, ist nicht mehr das. Klar, es kann sportliche Vorteile geben. Aber nicht so, dass niemand sonst eine Chance hat.

Wie geht Ihre Familie heute mit Ihrer Identität um?
Ritter: Meine Mama und ihr zweiter Ehemann gehen gut damit um und akzeptieren es mittlerweile. Aber sie sind in Innerösterreich und ich da und das ist auch gut so. Anfangs hatten sie viele Sorgen, die sich aber gelegt haben. Auch mein leiblicher Papa sagt: Es ist, wie es ist. Meine Schwester in Niederösterreich hat gesagt, passt, aber da ist der Kontakt sehr reduziert. Ich habe das für mich akzeptiert. Ich habe mein Leben neu aufgebaut, neue Freunde. Mein Daheim ist Vorarlberg.