Fundi-Christen im Klostertal weisen Vorwürfe großteils zurück

Die streng bibeltreue “Gemeinde Gottes” in Wald am Arlberg bestreitet mutmaßliche Misshandlungen. Auch Schilderungen des Dalaaser Bürgermeisters werden großteils zurückgewiesen. In einem offenen Brief wendet sich die Glaubensgemeinschaft direkt an zwei Aussteiger.
Die christliche-fundamentalistische und nicht anerkannte Glaubensgemeinschaft „Gemeinde Gottes“ in Wald am Arlberg steht seit Wochen erneut im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Auslöser war ein Medienbericht, in dem ehemalige Mitglieder von körperlicher und seelischer Gewalt gegen Kinder und Jugendliche berichten. Die Vorwürfe reichen von Schlägen und Einsperren bis zur Verweigerung medizinischer Hilfe. Die Staatsanwaltschaft Feldkirch bestätigte, dass eine Anzeige eingelangt sei und Ermittlungen wegen des Verdachts des Quälens oder Vernachlässigens unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen sowie wegen des Verdachts der Freiheitsentziehung geführt werden (die NEUE berichtete).
Nun hat die Gemeindeleitung auf eine ausführliche Anfrage der NEUE reagiert. Anlass war auch ein Interview mit dem Dalaaser Bürgermeister Martin Burtscher, in dem dieser seine Erfahrungen mit der Gemeinschaft schildert. Die Gemeindeleitung weist die Misshandlungsvorwürfe entschieden zurück und widerspricht dem Bürgermeister in vielen Punkten.
Beschuldigte in Ermittlungsverfahren “kein Mitglied”
Nach Darstellung der Gemeindeleitung richtet sich das Ermittlungsverfahren gegen eine Frau, die seit vielen Jahren nicht mehr zur Gemeinschaft gehört. Sie habe diese bereits vor rund zwölf Jahren verlassen. Gegen niemanden aus der aktuellen Gemeindeleitung oder dem Vorstand werde ermittelt. Auch sei bislang niemand aus der Gemeinschaft von der Polizei einvernommen worden. Es gebe unabhängige Zeugen aus der betreffenden Zeit, die befragt würden. Die Gemeindeleitung kündigt an, die Ermittlungen aktiv zu unterstützen. Die Staatsanwaltschaft hatte der NEUE zuvor lediglich bestätigt, dass gegen ein Mitglied der „Gemeinde Gottes“ ermittelt werde. Ob die beschuldigte Person inzwischen ausgetreten ist, ging aus dieser Auskunft nicht hervor.
Kein Einsperren, aber “gelegentlich Hausarrest”
Auch die Vorwürfe ehemaliger Mitglieder weist die Gemeinschaft zurück. In Vorarlberg habe es weder Schläge noch das Einsperren von Kindern oder die Verweigerung medizinischer Hilfe gegeben. Allenfalls hätten Eltern ihren Kindern gelegentlich einen Nachmittag Hausarrest erteilt. Das sei jedoch eine Entscheidung der Eltern gewesen und habe nichts mit der Gemeindeleitung zu tun. Nach Darstellung der Verantwortlichen würden Vorfälle aus unterschiedlichen Ländern und voneinander unabhängigen Freikirchen vermischt. Es gebe zahlreiche Glaubensgemeinschaften, die sich „Gemeinde Gottes“ nennen, ohne organisatorisch zusammenzugehören.
Medizinische Behandlungen abgelehnt
Die Gemeindeleitung räumt allerdings ein, dass einzelne Erwachsene medizinische Behandlungen aus eigener Entscheidung abgelehnt hätten. In einem Fall habe ein Mitglied des Vorstands einen Erkrankten sogar selbst ins Krankenhaus gebracht und ihn gebeten, sich behandeln zu lassen. Die Entscheidung des Betroffenen, eine Behandlung abzulehnen, sei jedoch respektiert worden. Körperliche oder seelische Gewalt und die Verweigerung medizinischer Hilfe durch Dritte seien aus Sicht der Gemeinschaft sowohl strafbar als auch eine Sünde.
Auch zu den Schilderungen von Bürgermeister Martin Burtscher nimmt die Gemeindeleitung ausführlich Stellung. Dieser hatte gegenüber der NEUE unter anderem die Abschottung der Kinder, einen mutmaßlich nicht angemeldeten Schulbetrieb und diverse Gesetzesverstöße angesprochen. Die Gemeindeleitung bestreitet, dass die Kinder grundsätzlich von der Außenwelt abgeschottet würden. Zwar gebe es vergleichsweise wenige Berührungspunkte mit dem Dalaaser Dorfleben. Schwierigkeiten bei der Integration führt die Gemeinschaft auch auf Diskriminierungserfahrungen und aus ihrer Sicht verbreitete Falschinformationen zurück.
“Keine Schule, aber Kinderbetreuung”
Den Vorwurf, im ehemaligen Gasthaus in Wald am Arlberg werde eine nicht angemeldete Privatschule betrieben, weist die Gemeindeleitung ebenfalls zurück. Der Großteil der Kinder werde inzwischen gar nicht mehr zu Hause unterrichtet. Im Vereinsgebäude werde allerdings Kinderbetreuung angeboten.
Burtscher hatte zuvor erklärt, er habe über Jahre dokumentiert, wie Kinder mit Schultaschen zum Vereinsgebäude gebracht worden seien. Fotos und Videos habe er den Behörden übermittelt. Auch die Bildungsdirektion beschäftigte sich bereits mehrfach mit der Frage, ob die Gemeinschaft tatsächlich ausschließlich häuslichen Unterricht anbietet.
Immovilien und Sozialleistungen
Dass Mitglieder der „Gemeinde Gottes“ beim Kauf von Häusern teilweise deutlich über dem üblichen Marktpreis bezahlt hätten, bestätigt die Gemeindeleitung. Auch Anträge auf Wohnbeihilfe und andere Unterstützungsleistungen habe es gegeben. Daraus lasse sich jedoch kein Fehlverhalten ableiten. Innerhalb der Gemeinschaft gebe es Menschen mit unterschiedlichen finanziellen Verhältnissen. Wer ausreichend Geld habe, beantrage keine Sozialleistungen. Andere hätten früher Immobilien besessen, seien später aber in finanzielle Schwierigkeiten geraten und auf Unterstützung angewiesen gewesen.
Die Hütte im Wald
Auch die Vorwürfe unerlaubter Baumfällungen und Fahrten mit Quads auf Forstwegen bestreitet die Gemeindeleitung in der vorgebrachten Form. Zwar besäßen mehrere Mitglieder entsprechende Fahrzeuge, einige hätten aber auch land- oder forstwirtschaftliche Flächen und damit berechtigte Gründe für Fahrten auf Forstwegen. Zudem seien unerlaubte Fahrten von Personen außerhalb der Gemeinschaft fälschlicherweise ihren Mitgliedern zugeschrieben worden. Die Gemeindeleitung habe ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Fahrverbote einzuhalten seien.
Zur umstrittenen Blockhütte im Gemeindewald behauptet die Gemeinschaft, einige junge Mitglieder hätten vor Jahren aus Holz eines Lawinenabgangs beziehungsweise aus dem Wald einen Unterstand errichtet. Ihnen sei nicht bewusst gewesen, dass dafür eine Genehmigung erforderlich gewesen wäre. Später sei der Rückbau veranlasst worden. Man habe sich beim Bürgermeister entschuldigt und sei davon ausgegangen, dass die Angelegenheit damit erledigt sei.
Auch die Schilderung Burtschers über ein Kind, das sich beim Grillen schwer verbrannt hatte und zunächst keine medizinische Hilfe erhalten haben soll, weist die Gemeinschaft zurück. Der Vater habe das Kind zunächst selbst versorgt und anschließend umgehend ins Krankenhaus gebracht.
Bibel und Gesetze
Grundsätzlich vertrete die Gemeinschaft den Standpunkt, dass staatliche Gesetze einzuhalten seien, erklärt die Gemeindeleitung. Allerdings macht sie eine bemerkenswerte Einschränkung: Das gelte nicht für Vorschriften, die eindeutig der Bibel widersprächen. Zugleich betont sie, dass es auch innerhalb der Gemeinschaft Fehler gebe. In solchen Fällen sei sie zu Gesprächen und Entschuldigungen bereit.
Offener Brief an Aussteiger
Neben der Stellungnahme an die NEUE hat die Gemeindeleitung einen offenen Brief an zwei ehemalige Angehörige verfasst, die schwere Vorwürfe erhoben haben. Darin stellt sie auch deren Beweggründe infrage. Sie fragt, weshalb die Anschuldigungen erst mehr als ein Jahrzehnt nach dem Austritt öffentlich erhoben würden, und vermutet dahinter „ungeklärte persönliche Verletzungen“. Zudem spricht die Gemeinschaft von einer „medialen Kampagne“ und kritisiert, dass Vorfälle aus unterschiedlichen Ländern und Gemeinden pauschal der Vorarlberger Gemeinschaft zugeschrieben würden.
Gleichzeitig versichert die Gemeindeleitung, dass ihr das Kindeswohl wichtig sei. Keine Glaubensüberzeugung dürfe als Rechtfertigung für Gewalt, Zwang oder strafbares Verhalten dienen. Sollte sich jemand während seiner Zugehörigkeit zur Gemeinschaft strafbar machen, würde sie selbst Anzeige erstatten.
Der offene Brief der Gemeindeleitung an die Aussteiger im vollständigen Wortlaut:
Das Leitungsteam der Gemeinde Gottes wünscht euch beiden gerade jetzt – da ihr diese Vorwürfe gegen uns erhoben habt – von Herzen viel Liebe, Wärme und Segen. Möge jeder von euch inneren Frieden mit Gott finden.
Wenn ihr heute Vorwürfe erhebt, weil euch das Kindeswohl in der Gemeinde am Herzen liegt, so möchten wir euch versichern, dass uns dasselbe Anliegen ebenfalls sehr wichtig ist. Für uns liegt der Gedanke nahe, dass solche Themen bereits vor über einem Jahrzehnt, als ihr die Gemeinde verlassen habt, zur Sprache gekommen wären, wenn die Sorge um das Kindeswohl der eigentliche Beweggrund wäre. Dass dies erst nach so vielen Jahren und über den Weg einer medialen Kampagne geschieht, lässt uns vermuten, dass hier vor allem ungeklärte persönliche Verletzungen eine Rolle spielen, und wenn wir hier in irgendeiner Weise helfen können, so steht unsere Tür hier jederzeit offen.
Wir werden davon absehen, uns öffentlich zu den Vorwürfen zu äußern oder uns selbst zu rechtfertigen, auch wenn in der aktuellen Berichterstattung viele Vorfälle aus unterschiedlichen Gemeinden und unterschiedlichen Ländern vermischt und pauschal auf die Gemeinde hier in Vorarlberg angewendet werden. Wir sind uns überzeugt, dass Gott die Wahrheit in Bezug auf den angeblichen Missbrauchsfall in der GG Vorarlberg (insbesondere dass jemand eingesperrt wurde und dass medizinische Hilfe verweigert wurde) früher oder später selbst ans Licht bringen wird.
Wir stehen in dieser Sache jedoch offen und transparent vor Gott und den Menschen, also auch vor euch.
Keine Glaubensüberzeugung – auch nicht unsere christlichen – dient als Rechtfertigung für falsches Handeln, für Zwang oder für Gewalt.
Die Gemeinde soll ein Ort der Heilung und Hilfe für alle Menschen sein, auch für die, die belastende Erfahrungen mitbringen. Sollte sich jemand während seiner Gemeindezugehörigkeit strafbar machen, würden wir dies selbst zur Anzeige bringen und der behördlichen Strafverfolgung übergeben.
Gegenwärtig läuft gegen kein aktuelles Mitglied der Gemeinde oder des Vorstands ein Verfahren. Sollte dies jemals der Fall sein, werden wir bei den Ermittlungen mit den Behörden vollumfänglich kooperieren.
Selbstverständlich müssen wir wachsen und sind keinesfalls perfekt. Mit Gottes Hilfe haben wir die Kinder, die Er uns anvertraut hat, jedoch glücklich und gläubig erzogen, in einem Umfeld, wo sie geborgen und geliebt waren. Es ist unser Gebet, dass jedes Kind die Möglichkeit bekommt, in diesen unsicheren Zeiten, eine unbeschwerte Kindheit und die Möglichkeit einer Beziehung zu Gott zu haben.
In der Liebe Jesu
die Gemeindeleitung