239 nächtliche Glockenschläge für Erdbebenopfer von Amatrice

24.08.2026 • 18:21 Uhr

In der mittelitalienischen Gemeinde Amatrice ist in der Nacht mit einer Mahnwache und 239 Glockenschlägen an das schwere Erdbeben erinnert worden, bei dem vor genau zehn Jahren in der Region annähernd 300 Menschen ums Leben kamen. Um 3.36 Uhr – dem Zeitpunkt des schlimmsten Bebens – gab es zunächst eine Schweigeminute. Anschließend läuteten die Glocken: Für jedes Todesopfer in Amatrice schlug die Glocke einmal, wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA berichtete.

Der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella erinnerte an die Katastrophe als “dramatische Seite der Geschichte der Republik”. Das Erdbeben zeige zugleich die Notwendigkeit, die Mechanismen zur Vorbeugung und zur Bewältigung von Katastrophen weiter zu stärken. Mattarella würdigte auch den Einsatz der freiwilligen Helfer und der Rettungskräfte. Der Wiederaufbau sei ein komplexer Prozess, der jedoch “so schnell wie möglich” abgeschlossen werden müsse.

Meloni beklagt Verzögerungen beim Wiederaufbau

Auch die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni mahnte zu weiteren Anstrengungen zur Vorbeugung von Erdbebenschäden. “Wir werden die Nacht des 24. August 2016 nie vergessen”, schrieb die Regierungschefin in sozialen Medien. Zu viele Verzögerungen und Fehlstarts hätten einen schnellen Wiederaufbau verhindert. Inzwischen sei jedoch ein deutlicher Kurswechsel bei den Zuschüssen für den privaten Wiederaufbau und bei den Investitionen in öffentliche Projekte erreicht worden. Als Beispiel nannte Meloni die Basilika San Benedikt in Norcia in der Region Umbrien, die beim Erdbeben vom 30. Oktober 2016 nahezu vollständig zerstört worden war.

Ziel müsse die wirtschaftliche und soziale Wiederbelebung des zentralen Apennins sein, betonte die Ministerpräsidentin. Sie erinnerte daran, dass sich die Erdbebenserie über ein Gebiet von rund 8.000 Quadratkilometern erstreckt habe. Betroffen gewesen seien vier Regionen und 138 Gemeinden. Den Erdbebenkrater bezeichnete Meloni als “größte Baustelle Europas”. Der Wiederaufbau sei noch nicht abgeschlossen: “Viel ist getan worden, aber ebenso viel bleibt noch zu tun.”

Kranzniederlegung

Meloni besuchte am Nachmittag die Gemeinde mit heute offiziell noch etwa 2.100 Einwohnern. Sie traf sich mit Angehörigen der Opfer und nahm anschließend an einer Gedenkzeremonie teil. Am Denkmal für die Opfer legte sie einen Kranz nieder.

Der italienische Episkopatschef, Kardinal Matteo Zuppi, zelebrierte eine Gedenkmesse. Zuppi betonte, dass Wiederaufbau mehr bedeute als neue Gebäude. Entscheidend seien auch Menschen, Beziehungen, Vertrauen und Gemeinschaft. In seiner Predigt erinnerte der italienische Episkopatschef an die dramatische Nacht vor zehn Jahren und an das Leid der Überlebenden und Rettungskräfte. Amatrice sei noch immer zwischen Vergangenheit und Zukunft gefangen. Gleichzeitig zeigte sich Zuppi hoffnungsvoll: Das Schlimmste liege hinter der Stadt, und die Gemeinschaft könne neues Leben entwickeln.

Auch Papst Leo XIV. hatte am Sonntag beim Angelus-Gebet der Opfer gedacht und für ihre Familien und die betroffenen Gemeinschaften gebetet. “Der Glaube und die Solidarität mögen das Werk des Wiederaufbaus weiterhin tragen”, sagte der Papst.

299 Tote in der Region

Das verheerende Hauptbeben in der Nacht auf 24. August 2016 hatte eine Stärke von 6,2. Allein in Amatrice und der Nachbargemeinde Accumoli kamen insgesamt 249 Menschen ums Leben. In der angrenzenden Region starben weitere 50 Menschen. Hundert wurden verletzt, viele davon schwer. Tausende verloren ihr Zuhause.

Das Gebiet kam erst nach vielen Nachbeben, die sich über Monate hinzogen, wieder zur Ruhe. Mit dem Wiederaufbau geht es trotz staatlicher Milliardenhilfen nur schleppend voran. Offiziellen Angaben zufolge sind nicht einmal 40 Prozent der beschädigten Gebäude wiederhergestellt.

Bis Ende Mai 2026 wurden 36.149 Anträge auf private Wiederaufbauhilfen gestellt. Für 23.361 Projekte wurden Baustellen genehmigt, davon waren rund 14.968 bereits abgeschlossen. Für den privaten Wiederaufbau wurden insgesamt etwa 12,59 Milliarden Euro bewilligt. Dennoch leben weiterhin ungefähr 8.500 Familien außerhalb ihrer ursprünglichen Wohnungen. Besonders in den historischen Ortszentren von Amatrice, Accumoli, Arquata del Tronto, Visso und Norcia sind noch zahlreiche Bauarbeiten notwendig.

Der zehnte Jahrestag ist auch Anlass für eine politische Bilanz. Die Regierung Meloni verweist auf die beschleunigte Vergabe von Fördermitteln und den Fortschritt beim Wiederaufbau. Die Opposition kritisiert dagegen Verzögerungen und warnt davor, lediglich Gebäude wiederherzustellen, ohne die langfristige Zukunft der betroffenen Gemeinden zu sichern.