Bayreuther “Ring” wird von KI bebildert

Richard Wagners Musik ertönt – und eine Maschine spuckt aus, was ihr dazu so einfällt. Zu ihrem 150-jährigen Bestehen setzen die Bayreuther Festspiele auf Künstliche Intelligenz (KI). Auf dem Jubiläumsspielplan steht ein vierteiliger “Ring des Nibelungen”, der mit Hilfe einer eigens gebauten KI bebildert werden soll. Die Technik übernimmt dort, wo sonst nur die Kunst herrschte.
Und so ist Marcus Lobbes, Direktor der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund, der diesen KI-Ring auf die Bühne bringt, bei den Bayreuther Festspielen nicht als Regisseur aufgeführt, sondern als Kurator, verantwortlich für die “künstlerisch-technische Konzeption”.
“Wir spielen das Werk, wie es ist”
“Die Maßgabe war: Wir spielen das Werk, wie es ist”, sagt der 60-Jährige im Interview der dpa. “Es gibt auch keinerlei Eingriffe dort hinein. Warum auch? Es ist ja ganz gut so geraten. Und nichtsdestotrotz war die Frage der Festspiele nach dem Augmented-Reality-Brillen-“Parsifal”: Wie kann man weiter mit neuer Technologie am Haus arbeiten?”
Das sieht nun so aus, dass Lobbes und sein Team eine KI entwickelt und mit Informationen zu Wagners vierteiliger Oper, zur Geschichte der Bayreuther Festspiele und zur Zeitgeschichte gefüttert haben. “Wir haben angefangen, verschiedene sogenannte KI-Modelle zu trainieren mit dem Libretto, mit Musik, mit Zeitgeschichte, mit Bildmaterial, aber auch mit dramaturgischer Reflexion.”
Jeder Aufzug in jeder der vier Opern vom “Rheingold” über die “Walküre” und den “Siegfried” zur “Götterdämmerung” werde zwar mit einem konkreten, festgelegten Bild gestartet. Doch dann folgen “Drei-Minuten-Slots mit Gedanken dazu, Assoziationen, Bildwelten und musikalischen Welten”, die mit Hilfe von sechs Projektoren gezeigt werden. Dabei greift die KI nicht auf das Internet zu, sondern nur auf die von Lobbes und seinem Team ausgewählten Informationen – “weil dann käme wirklich nur Unfug bei raus”.
“Wie die Maschine träumt”
Was stattdessen dabei rauskommt, das ist zum ersten Mal in der “Rheingold”-Premiere mit Christian Thielemann am Dirigierpult, Michael Volle als Wotan, Klaus Florian Vogt als Loge und Christa Mayer als Erda am 27. Juli zu sehen – und kann bei jeder weiteren Aufführung anders ausfallen. “Wir haben ein System geschaffen, bei dem wir zwar in der Regel wissen, was die Leitplanken sind, manchmal auch, womit etwas anfangen soll, manchmal auch, was wie gezeigt werden soll, wie kurz, wie lang”, sagt Lobbes.
“Aber wie es gemischt ist, wie die Maschine träumt, wie sie Bilder zusammensetzt, wie sie aus der ganzen Zeit eine eigene, nochmal bildnerische Dramaturgie baut, das ist etwas, was, glaube ich, das Besondere dieses Jahr sein wird. Wir wissen es nicht zu 100 Prozent, was in der nächsten Sekunde passieren wird.”
Ein “Faust” mit ChatGPT
Nach Angaben des Deutschen Bühnenvereins ist KI inzwischen zwar immer wieder Thema auf den Bühnen Deutschlands – aber noch eher selten als Umsetzungsmittel. Eine Ausnahme: Für die Dramaturgie setzte man bei der Faust-Uraufführung “FaustX” auf dem Kunstfest Weimar auf ChatGPT, um eine nahe und sehr düstere Zukunft zu zeigen.
“Wir tun uns immer so schwer mit so Superlativen, weil Theater gerne gerade mit neuen Technologien hausieren geht”, sagt Lobbes. “Aber ich würde sagen, außerhalb der Unterhaltungsindustrie ist es das größte Projekt weltweit, was derzeit da stattfindet. Und deshalb ist das schon ein schönes Alleinstellungsmerkmal, weil es ja auch wirklich nur diesen Sommer kommt und dann nie wieder gezeigt wird.” Aus gutem Grund: “Bei der rasanten Entwicklung wäre das schnell völlig überholt. Das ist wirklich eine Momentaufnahme dessen, was gerade möglich ist.”
Einer der Vorteile für die inzwischen nahezu flächendeckend vom finanziellen Kahlschlag bedrohten Theater- und Opernhäuser liegt auf der Hand: Eine KI-Produktion kann im Vergleich zu großzügig ausgestatteten Inszenierungen mit opulentem Bühnenbild günstiger sein.
“Programmierungsproben” statt Beleuchtungsproben
Schon allein an Probenzeiten werde deutlich gespart, sagt Lobbes. “Wir haben genau vier Tage mit dem Ensemble und einen Hauptdurchgang – und dann geht’s raus.” Nicht einmal Beleuchtungsproben brauche er für seine Produktion: “Auch das Licht ist KI-gesteuert. Wir haben keine Beleuchtungsproben gehabt, sondern wir haben Programmierungsproben für die KI gehabt.”
“Die Verweigerung, sich mit neuer Technik zu beschäftigen in den Häusern in den letzten 30 Jahren war ein Irrweg, weil wir auch sehr viel Anschluss verloren haben”, sagt Lobbes. Inzwischen sehe er aber “zumindest eine sehr große Neugier”. “Das wird man nächstes Jahr in den Spielplänen sehen. Plötzlich wollen alle damit rumspielen. Und es wird wahrscheinlich sehr viele gleiche Ergebnisse geben oder auch sehr viel Unfug geben. Und vielleicht ganz frappierend tolle Sachen geben. Da sind wir halt Spielkinder.”