Bestehende Probleme nähren Angriffe auf Forschungsfreiheit

18.09.2026 • 10:26 Uhr
Bestehende Probleme nähren Angriffe auf Forschungsfreiheit

AfD, Trump und Co. treten nicht als Feinde der Wissenschaft auf, sondern als ihre vermeintlichen Retter – und erklären etwa, Forschung von ideologischen Einflüssen befreien zu wollen, so der Schweizer Historiker Caspar Hirschi am Donnerstagabend bei einem Vortrag in Wien. Doch dabei gehe es ihnen nicht um eine Entpolitisierung, sondern die Hyperpolitisierung der Wissenschaft: “Und damit wäre die Sache erledigt, wenn die Angreifer nicht einen wunden Punkt getroffen hätten.”

Denn die Angriffe werden durch schon davor existierende Probleme erleichtert. So sei die Zurückhaltung der Wissenschaft bei politischen Urteilen in den vergangenen Jahrzehnten von innen und von außen infrage gestellt worden, sagte Hirschi bei der Veranstaltung im Rahmen einer zweitägigen internationalen Konferenz mit dem Titel “The Moralization of Science” (dt.: “Die Moralisierung der Wissenschaft”) an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Seit den 1970er-Jahren eingeübte Muster

Denn die Wissenschaftsfreiheit sei, zumindest in deutschsprachigen Ländern, in der Verfassung verankert, die Definition dieser Freiheit aber der Wissenschaft selbst überlassen. Seit den 1970er-Jahren habe sich an den Universitäten ein Verständnis von einer Forschung entwickelt, die nicht nur Wissen vermehren, sondern Verhältnisse verändern sollte. In den Sozial- und Geisteswissenschaften nahm das beispielsweise die Form von Kritik an Ungleichheiten und Emanzipation für Benachteiligte an, in den Naturwissenschaften etwa die eines Auftrags, Umwelt und Klima zu retten.

Diese Politisierung kam nicht nur von innen, sondern wurde mit der Zeit auch von der Politik aufgegriffen, etwa im Rahmen nationaler Forschungsprogramme. “Solange Rechtsextreme von der Regierungsmacht ferngehalten werden konnten, entschieden politische und wissenschaftliche Eliten weitgehend im Einklang, welche sozialen Werte die Wissenschaft fördern soll”, so Hirschi. So sei ein Muster eingeübt worden, das sich auch dann nicht leicht abschütteln lässt, wenn andere Mehrheiten an die Macht kommen.

Das Problem: Wer Forschung zu einem Thema deswegen betreibt, weil die Regierung es für dringlich hält, hat den Grundsatz anerkannt, dass die Regierung bestimmt, was erforscht wird, erklärte der Historiker. “Und wer ein Fach aus dem Bedürfnis betreibt, Verhältnisse zu verändern und das als Wissenschaft versteht, kann einer Regierung, die diese Verhältnisse anders beurteilt, nicht mehr leicht entgegenhalten, dass das nicht ihre Sache sei.”

Genau an dieser Stelle würden regierende Rechtspopulisten ansetzen: “Sie fangen bei einem Problem an, das es gibt, und übertreiben es maßlos. Sie würden es mit dem, was sie vorhaben, noch verschärfen”, so Hirschi.

“Selbstbescheidung” als grundsätzliche Bedingung

Helfen könnte in diesem Bereich eine Rückbesinnung auf den deutschen Soziologen Max Weber. Dieser hatte 1908 kritisiert, dass die Freiheit der Wissenschaft in Deutschland immer nur “innerhalb der Grenzen der politischen und kirchlichen Hoffähigkeit” bestehe. Das galt besonders für die Zulassung zur Lehre an den Universitäten. Diese dürfe nach Weber keine Gesinnung prüfen – demgegenüber solle sie testen, ob jemand zwischen dem, was er glaubt, und seiner wissenschaftlichen Arbeit unterscheiden kann, so Hirschi.

Daneben sei klar, dass Vorannahmen wie etwa persönliche Interessen und Fragestellungen immer bestehen und am Anfang des Forschungsprozesses eine Rolle spielen. Sie dürfen aber nicht zum Ergebnis werden und die Lehre im Hörsaal müsse streng von Tatsachen handeln, nicht von politischen Meinungen oder der Weltanschauung der Lehrpersonen. Diese “Selbstbescheidung” und Werturteilsfreiheit waren für Weber grundsätzliche Bedingungen der Wissenschaftsfreiheit.

Vorsicht mit politischen Statements

Konkret heißt das, dass etwa eine Person, die den Klimawandel erforscht, weil sie ihn bekämpfen möchte, keine Grenze des wissenschaftlichen Berufsethos überschreitet – solange sie zu diesem Zweck nicht ihre Forschungsergebnisse fälscht, so Hirschi. Doch er kritisierte überbordende Einmischung von Forschenden in politische Debatten, etwa während der Coronapandemie oder eben im Bereich der Klimaforschung.

Denn nach Weber sei die Frage, was genau geschehen solle, eine Sache der persönlichen Werte sowie der Weltanschauung. Forschende sollten das nicht als Aufruf verstehen, gar nicht in der Öffentlichkeit aufzutreten, stellte Hirschi gegenüber der APA klar. “Es bedeutet nur, dass man sehr vorsichtig sein muss, wenn es um die politischen Konsequenzen geht, die aus einer Erkenntnis folgen.”

So könnte etwa ein Klimaforscher beschreiben, was passieren würde, wenn es keine Reduktion der CO2-Emissionen gibt, weil das eine wissenschaftliche Aussage sei. “Aber er kann nicht sagen: Wir müssen jetzt den Ausstoß sofort um einen gewissen Prozentsatz reduzieren, denn das ist eine politische Aussage”, so Hirschi. Wissenschafterinnen und Wissenschafter können sich durchaus (partei-)politisch engagieren, sollten dabei aber klar zwischen ihrer politischen und ihrer wissenschaftlichen Position unterscheiden.

(S E R V I C E – Konferenzwebsite “The Moralization of Science”, 17. und 18. September an der ÖAW: )