Blutiges “Europa”: Triggerwarnung bei Salzburger Festspielen

Die Triggerwarnung ist mehrzeilig und spricht von Trauma, Krieg, Fehlgeburt und Selbstmord als Themen und “realistischen und drastischen Darstellungen” u.a. von “Mord, Kannibalismus und sexueller Gewalt (einschließlich Pädophilie)”. Die Produktion “Europa”, mit der das Warschauer Nowy Teatr bis Donnerstag in der Szene Salzburg gastiert, ist ein ungemütlicher Abend – und der Kontrast zwischen Bühnengeschehen und dem sich Frischluft zu fächernden Festspielpublikum irritiert.
Mit “Europa” stellt sich der große polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski, der in Salzburg seit Henzes “Bassariden” (2018) wiederholt für seine Operninszenierungen gefeiert wurde, bei den Festspielen erstmals als Theaterregisseur vor. Er hat ein 2025 in Epidaurus uraufgeführtes Stück des Libanesen Wajdi Mouawad im Jänner für sein polnisches Theater neuinszeniert. Was im antiken Theater aber wohl höchst schlüssig gewesen sein dürfte – die mit grausamen Schilderungen eines Massakers und seiner Spätfolgen auf die nachfolgenden Generationen belegte These des Weiterwirkens archaischer Gewalt -, wirkt im herkömmlichen Theaterkontext wie eine Überdosis. Homo homini lupus – braucht es dafür tatsächlich noch neue Beweise?
Kannibalismus und High Heels
Mouawad lässt eine UNO-Mitarbeiterin ein 74 Jahre altes Massaker untersuchen und darauf hoffen, dass eine Überlebende von damals eine gerichtlich verwertbare Aussage macht. Warlikowski setzt auf ein starkes Duo: Die Schauspielerin Magdalena Cielecka stakst selbstbewusst mit knallengem roten Rock und High Heels über die Bühne, die zwischen Schulklasse, Gerichtssaal und Gefängnis wechselt, begegnet ihrem Kollegen Andrzej Chyra als dauerrauchendes Hutzelweib, das eine beunruhigende Märchenstimmung verbreitet.
Tatsächlich hat das, was sich allmählich herausschält, auch etwas mit den grausamen Geschichten der Gebrüder Grimm zu tun. Die Alte ist bereit auszusagen, wenn die sexy Beamtin ihre drei Töchter auftreibt und zu ihr bringt. Es geht um Schuld und das Weiterwirken von Schuld. Man kommt darauf, dass hier Nachgeborene von Tätern und Opfern aufeinandertreffen, die High Heels eine ganz besondere und besonders grausame Vorgeschichte haben, und sich auf heimtückische Weise erlittene Gewalt auch bei jenen fortsetzt, die damit gar nicht unmittelbar konfrontiert waren – bis hin zu Kannibalismus in der dritten Generation. Um das alles zu unterstreichen, fährt Warlikowski von Masken bis Video und Musik alle einschlägigen Theatermittel auf.
Prolog samt Blutabnahme
Ganz anders Mouawad selbst: Er stellt der Aufführung sein 50-minütiges Solo “L’ombre en soi qui écrit” (“Der innere Schatten, der schreibt”) voran, in der er sich in einer – auf seine Antrittsvorlesung am Collège de France in Paris aufbauende – Lecture-Performance einerseits über seinen persönlichen Werdegang, der die verheerenden schulischen und schulpsychologischen Prognosen (“Dumm wie Gemüse”) widerlegte, andererseits über die Möglichkeit, den Gründen der von den Menschen verübten Schrecknissen schreibend auf die Spur zu kommen, reflektiert.
Es ist eine in wunderschönem Französisch auswendig vorgetragene, suggestive und kraftvolle Rede, in der die Kraft der Erzählung vorführt, ohne übertrieben Bebilderung zu benötigen. Auch hier kommt die Antike mit ihren Tragödien ins Spiel, auch hier geht es um den Zusammenhang von Kultur und Katharsis. Am Ende besiegelt Mouawad das Gesagte mit dem eigenen Blut. Anders als Florentina Holzinger und ihre Truppe reizt er dabei aber nicht die Grenzen des für das Publikum Erträglichen aus, sondern lässt sich – ständig weiterredend – nahezu beiläufig von einem medizinischen Helfer etwas Blut abnehmen, um es als kräftiges Zeichen schließlich über sein Gesicht und sein weißes Hemd zu verschmieren. Eine simple Geste – und der stärkste Moment des ganzen Abends.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E – “Europa” von Wajdi Mouawad, Nach dem Theaterstück “Le Serment d’Europe”, Aus dem Polnischen übersetzt von Andreas Volk. Regie: Krzysztof Warlikowski, Bühne und Kostüme: Małgorzata Szczęśniak. Mit Claude Bardouil, Andrzej Chyra, Magdalena Cielecka, Bartosz Gelner, Małgorzata Hajewska-Krzysztofik, Maja Ostaszewska und Magdalena Popławska. Gastspiel des Nowy Teatr Warschau bei den Salzburger Festspielen, In polnischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln. Szene Salzburg. Vorstellungen noch am 12. und 13.8., 19 Uhr, )