“Chicago”: Die Volksoper legt den Kern des Klassikers frei

Man stelle sich vor, an der Staatsoper wäre noch nie der “Figaro” zu hören gewesen. Ebenso absurd erscheint es, dass der Musicalklassiker “Chicago” bis dato noch nie auf der Bühne der Volksoper zu sehen war – bis Samstagabend. Hausherrin Lotte de Beer macht mit ihrer Interpretation des Stücks die Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte aber mit einem echten Paukenschlag wett. Angesichts dieser Version des Hitstücks kann sich der Broadway warm anziehen.
“Chicago” hat am Gürtel wenig von den meist auf Eleganz und Glanz setzenden Inszenierungen des Stücks um Mörderinnen, die im Gefängnis die Sensationsgier der Presse ausnutzen, um freizukommen. So düster und abgeranzt ist der Klassiker des “Cabaret”-Autorenduos Fred Ebb & John Kander wohl noch selten inszeniert worden – kein Glamour der Goldenen Zwanziger, kein Fallenlassen in die schmissigen Melodien im Ragtimestil.
Entkleidet auf den Kern
De Beer entkleidet den Kern des Stücks von den Pailletten, die über die Jahrzehnte seit der Uraufführung 1972 glitzernd den Blick darauf verstellt haben. Ihr Bühnenbildner Christof Hetzer hat dafür in sich geschwungen-verschachtelte Wände geschaffen, die an eine der gigantischen Riesenskulpturen von Richard Serra erinnern und mittels Drehbühne schnell variiert werden können. Eine zentrale Freitreppe ist dabei weniger Showtreppe denn ein Abstieg ins Verderben. So ergibt sich ein düsteres Raumprovisorium, das auch einem “Woyzeck” gut zu Gesicht stünde.
In diesem industriellen Setting ist die Gewalt von Beginn weg präsent, wird nicht beschönt oder stilisiert. Diese Inszenierung setzt eben nicht auf Illusion, auch nicht beim Spiel des Ensembles, dessen Mitglieder sich immer wieder ans Publikum oder den Maestro im Graben wenden, Requisiten mit der Hand simulieren. Diesen Eindruck des epischen Theaters verstärkt de Beer mit dem dramaturgischen Kniff, die Rolle des Ringmasters, also des Conférenciers, drei Kinderschultern aufzuladen.
Dies bringt eine größere Distanz zum Geschehen und macht dieses eben dadurch in seinem Gehalt erkennbarer. Hier erzählt “Chicago” tatsächlich von der Sensationslust der Öffentlichkeit, der Vergötterung des Unmenschlichen, der Brutalität der Charaktere. Diesem trostlosen Blick gegenüber steht aber weiterhin die grandiose Musik John Kanders, bei der ein Hit auf den nächsten folgt.
Mönch als Mörderin
Hier sticht vor allem Bettina Mönch als Roxie Hart hervor, die soeben ihren Liebhaber erschossen hat und nun im Gefängnis landet. So zeternd, dreckig und gelenkig bei gleichzeitiger Stimmsicherheit sieht man diesen Part selten. Auch ihre Nemesis Velma Kelly unterscheidet sich in Person von Myrthes Monteiro deutlich von den meist eleganten Interpretationen à la Ute Lemper. Diese Doppelmörderin ist ebenfalls ein Kind der Straße. Im Gegenzug zu Mönch mangelt es Monteiro allerdings immer wieder am Atem, was bei den energiegeladenen, durchaus humorvollen Choreografien von Arielle Smith jedoch nicht überrascht.
Katia Ledoux ist die Gefängnisanführerin Mama Morton, der sie nicht nur den erwartbaren stimmgewaltigen Charakter der klassisch ausgebildeten Mezzosopranistin mitgibt, sondern auch R’n’B-Vibes, und Lionel von Lawrence ist der perfekt schmierige Societyanwalt Billy Flynn, der auch stimmlich vollends überzeugt.
Wien darf nicht nicht “Chicago” werden
Mit seiner Qualität schafft das Ensemble gleichsam eine Differenz zur bewusst kargen Bühnenästhetik und trägt genau damit wiederum zum auf die Reflexionsebene zielenden Interpretationsansatz der Inszenierung bei. Und so fällt die Bilanz am Ende eines herausragenden Musicalabends eindeutig aus: “Wien darf nicht nicht ‘Chicago’ werden”.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E – “Chicago” von Fred Ebb & Bob Fosse & John Kander an der Volksoper, Währinger Straße 78, 1090 Wien. Musikalische Leitung: Maayan Franco, Regie: Lotte de Beer, Choreografie: Arielle Smith, Bühnenbild: Christof Hetzer, Kostüme: Jorine van Beek. Mit Velma Kelly – Myrthes Monteiro, Roxie Hart – Bettina Mönch, Billy Flynn – Lionel von Lawrence, Amos Hart – Jakob Semotan, Mama Morton – Katia Ledoux, Mary Sunshine – Ursula Pfitzner, Liz – Maura Oricchio, Annie – Jamie Petutschnig, June – Isabel Saris, Hunyak – Anneka Dacres, Mona – Katharina Gorgi, u.a. Weitere Aufführungen am 31. Oktober, am 5., 11., 14., 20., 22., 24. und 25. November, am 4., 11., 15., 20., 27. und 30. Dezember, am 2., 5. und 9. Jänner, am 30. Mai sowie am 1., 6., 19., 21., 24., 28. und 30. Juni. )