Harnischmacher inszeniert “Woyzeck” als tobenden Monolog

19.09.2026 • 10:04 Uhr
Harnischmacher inszeniert "Woyzeck" als tobenden Monolog

In einer Spielhalle gibt es viel zu gewinnen, aber noch mehr zu verlieren: Das muss auch Woyzeck erfahren, der die Stofftiere im tückischen Greifautomaten zwar immer wieder zu fassen bekommt, sie aber verliert, bevor er sie besitzen kann. Dieses sprechende Bild ist der Rahmen für Mechthild Harnischmachers Interpretation von Georg Büchners Klassiker, die die Regisseurin für die Bezirkstournee des Volkstheaters entwickelt hat. Am Freitag war Premiere in der Brigittenau.

Harnischmacher, die in der vergangenen Saison in der Dunkelkammer Sivan Ben Yishais Stück “Like Lovers Do” zur österreichischen Erstaufführung gebracht hat, realisiert “Woyzeck” als Monolog mit Schlagzeugbegleitung. Während Samouil Stoyanov die prägenden Männerfiguren vom Hauptmann über den Doktor bis zum Tambourmajor und natürlich den einfachen Soldaten Woyzeck im wahrsten Sinne des Wortes in sich vereint, baumelt Marie lediglich als Einhorn-Stofftieranhänger von Woyzecks Schlüsselbund.

Stimmenmix im Kopf

“In ihren wenigen Szenen wird sie sexualisiert dargestellt oder sie spricht über einen Mann”, erklärt die deutsche Regisseurin im Programmheft ihre Entscheidung, Woyzecks Geliebte nicht als Figur vorkommen zu lassen. Maries Worte blinken lediglich als LED-Laufschrift über dem Spielautomaten auf. “Das Entscheidende an dem Stück ist, zu erfahren, was Woyzeck durchlebt”, so Harnischmacher. Was treibt einen Mann zum Femizid? Welche Rolle spielt die Gesellschaft in der Prägung eines Mannes, der immer nur zu verlieren scheint? Und so werden all die Figuren, die Woyzeck ausnützen und demütigen, zu einem wilden Mix der Stimmen in seinem eigenen Kopf.

Stoyanov vermag es, den unterschiedlichen Rollen sprachlich Charakter zu verleihen und changiert scheinbar mühelos zwischen derbem Dialekt (“Wos liegst so grün am Boden, Oida?”) bis zur geschraubten Hochsprache. Katharina Ernst sitzt die gesamten 90 Minuten gleichberechtigt auf der Bühne, wo sie am Schlagzeug dem Toben in Woyzecks Innenwelt Ausdruck verleiht. Und so erleben die Zuschauer die Demütigungen, denen Woyzeck unablässig ausgesetzt ist, stets durch die Brille des ins Schleudern geratenen Protagonisten.

Hätte Woyzeck anders handeln können? Warum erheben Männer nach wie vor Besitzansprüche auf ihre Frauen? Gibt es in der Deutung des Werks Möglichkeiten, ein anderes Männerbild zu erschaffen? Harnischmacher hat ihrer Inszenierung einen Epilog verpasst, der sich noch einmal theoretisch mit Fragen wie diesen auseinandersetzt. Die Frage, ob dieses späte Einreißen der vierten Wand dem Abend gut tut, muss am Ende jeder für sich selbst beantworten. Freundlicher Applaus.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E – “Woyzeck” von Georg Büchner im Volkstheater Bezirke. Regie: Mechthild Harnischmacher. Mit Samouil Stoyanov. Schlagzeug und Komposition: Katharina Ernst, Bühne und Kostüm: Marlen Duken. Kommende Termine: 23.9. VZ Döbling, 25.9. Kulturgarage Seestadt, 26.9. VZ Heiligenstadt. )