Lotto-Spielende träumen seit Jahrhunderten gleichen Traum

08.06.2026 • 05:00 Uhr
Lotto-Spielende träumen seit Jahrhunderten gleichen Traum

Wer eine vage Ahnung von Wahrscheinlichkeitsrechnung hat, kommt schnell zu dem Schluss, dass die Abgabe eines Lottoscheins bei weitem nicht das Ticket zum Reichtum bedeutet. Aber: Man wird doch noch träumen dürfen, hört man oft. Die Träume vom völlig anderen Leben auf einen Schlag motivieren seit Jahrhunderten Menschen und scheinen einander durch die Epochen erstaunlich ähnlich, wie Forschende in einem Sammelband darlegen.

Die Chance auf einen Hauptgewinn im Glücksspiel ist naturgemäß astronomisch niedrig. Trotzdem aber gibt es sie vereinzelt: die “Lottosieger” bzw. Pendants dazu aus verschiedensten angebotenen Spielen. In einigen Ländern sind die Ziehungen riesige Medienevents, es werden auch auf europäischer Ebene teils unglaublich hohe Summen ausbezahlt – an sehr wenige “Glückliche”, versteht sich.

Lotterien als Geschäft mit der Fantasie

Angela Fabris von der Universität Klagenfurt hat sich über Jahre hinweg mit internationalen Literatur- und Medienwissenschafterinnen sowie Historikerinnen und Historikern daran gemacht, nach Spuren des Glücksspiels in literarischen Texten, Theaterstücken, Liedern, Anzeigen, politischen Pamphleten oder auch Spielanleitungen zu suchen und diese zu analysieren. Herausgekommen ist ein im März im niederländischen Utrecht präsentierter Sammelband namens “Lottery Fantasies, Follies, and Controversies”. Über Jahrhunderte hinweg finden sich demnach immer wieder die gleichen Hoffnungen von einem anderen Leben über Nacht. Die Forschenden nennen das “Lotterie-Fantasie” und meinen damit das vermutlich vielen sehr gut bekannte “Tagträumen über den möglichen Gewinn”, wie es Fabris gegenüber der APA ausdrückt.

Bereits im 18. Jahrhundert wurde Lotto eigentlich als ein Geschäft mit einer Art “gekaufter Fantasie” bezeichnet, so die Wissenschafterin. Neuere Studien zum Glücksspiel bzw. Lotterien würden auch immer wieder zu diesem Punkt gelangen. Im Prinzip gibt es also eine große Kontinuität in Bezug auf “Erwartungen, soziale Hoffnungen und Vorstellungen von Aufstieg oder Glück” über die Jahrhunderte hinweg. Tatsächlich gebe es einige historische Beispiele für Firmengründungen und Wendungen in Familiengeschichten, deren Basis ein Lottogewinn war. “In diesem Sinne wird das Lotto zu einer Art Linse, durch die sich die Sehnsüchte, Ängste und Spannungen der europäischen Gesellschaft zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert beobachten lassen”, so Fabris.

Wien war frühes Zentrum für Ausbreitung des Spiels

Das sich von Italien ausgehend bald in weiten Teilen Europas verbreitende populäre Spiel hat der Analyse zufolge recht schnell sehr viele Menschen zu Auseinandersetzung damit motiviert – von der Literatur über die Volkskultur, die Malerei, den Journalismus bis zu philosophisch-moralischen Diskussionen, hält die am Institut für Romanistik der Uni Klagenfurt tätige Forscherin fest, die sich im Rahmen des Projekts etwa mit dem Werk der am Phänomen “Lotto” interessierten italienischen Schriftsteller Carlo Goldoni, Pietro Chiari oder auch Giacomo Casanova beschäftigt.

Angesehen haben sich die Wissenschafterinnen und Wissenschafter das Phänomen “Lotterie” aus verschiedenen Blickwinkeln. Auch Österreich und hier vor allem Wien spielten bei der frühen Verbreitung des genuesischen Lottos eine gewichtige Rolle. Schon Anfang des 18. Jahrhunderts wurden in Wien Formen des Lotto angeboten. Dauerhaft eingeführt wurde es dann im Jahr 1751 von dem italienischen Unternehmer Ottavio Cataldi – ein Novum im damaligen Heiligen Römischen Reich. Wien war in der Folge eines der Zentren, von denen sich das Spiel selbst und all die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen, die es mitgeprägt hat, im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus etabliert und festgesetzt haben.

(S E R V I C E – Johanne Slettvoll Kristiansen, Marius Warholm Haugen und Angela Fabris: “Lottery Fantasies, Follies, and Controversies. A Cultural History of European Lotteries”, de Gruyter Verlag, 119,95 Euro und “Open access” unter )