Mann in Klagenfurt wegen “Teufelsaustreibung” vor Gericht

Ein 29-jähriger Mann hat sich am Montag am Landesgericht Klagenfurt wegen Freiheitsentziehung verantworten müssen. Ihm wird vorgeworfen, seine Schwester einer Art Exorzismus unterzogen zu haben. Er soll die akut psychotische 27-Jährige über 20 Stunden lang festgehalten, sie gefesselt, geknebelt und ihr stundenlang ein Video mit Koranversen vorgespielt haben. Der Angeklagte bestritt die Vorwürfe und beteuerte, auf ihren Wunsch gehandelt zu haben. Der Prozess wurde vertagt.
Die 27-Jährige leide wie auch andere Angehörige an paranoider Schizophrenie, sagte Staatsanwältin Sandra Agnoli im Anklagevortrag. Die junge Frau höre Stimmen, leide an massiven Halluzinationen, sehe in Familienmitgliedern Dämonen, die sie töten müsse. Aus fehlender Krankheitseinsicht setze sie immer wieder ihre Medikamente ab. Am betreffenden Tag im Mai sei sie aggressiv gegen Familienmitglieder geworden, der Vater habe daraufhin die Rettung rufen wollen.
Der Angeklagte, ein ägyptischstämmiger Österreicher, habe die Schwester stattdessen fixiert, sie mit einer Katzenleine und einem Gürtel gefesselt, ihr mit Klebeband den Mund zugeklebt, damit sie nicht mehr spucken und beißen könne, und ihr immer wieder das eineinhalb Stunden lange Koranvers-Video vorgespielt. Am nächsten Tag wurde dann doch die Rettung gerufen. Die Polizei wollte der Angeklagte zuerst nicht in die Wohnung lassen, sagte die Anklägerin. Das Bett sei voller Urin gewesen, als die Beamten dort eintrafen. Auch wenn die 27-Jährige selbst an Dämonen glaube, könne jemand mit ihrer Diagnose nicht selbst über die richtige Behandlung entscheiden. Agnoli: “Teufelsaustreibung bei jemandem, der psychisch krank ist, sollte seit dem Mittelalter nicht mehr stattfinden.”
“Nichts gegen ihren Willen”
“Nicht schuldig”, bekannte sich der Angeklagte, der aus der U-Haft vorgeführt wurde. In seiner teilweise widersprüchlichen Aussage vor dem Schöffensenat – er widersprach auch seinen früheren Angaben bei der Polizei und vor dem Haftrichter – schilderte er, wie belastet er und seine Familie durch die Krankheit sind. Er habe schon geahnt, dass etwas passieren werde, weil die Schwester ihre Medikamente nicht genommen habe. “Ich habe sie angefleht, sie zu nehmen.”
Die 27-Jährige habe stattdessen gefastet, Koranverse zitiert, viel geweint und an dem Tag schließlich versucht, sich vom Balkon zu stürzen. Weil sie heiraten wollte und Angst vor einer Einweisung hatte, habe er dem Wunsch der Schwester nachgegeben und nicht die Rettung gerufen. “Nichts in dieser Nacht ist gegen den Willen meiner Schwester passiert.” Er habe dafür gesorgt, dass sie zu keinem Zeitpunkt in Gefahr gewesen sei. Dass in der Nacht eine “Dämonenaustreibung” stattgefunden habe, verneinte der Angeklagte. Verteidiger Philip Tschernitz sah einen Strafausschließungsgrund darin, dass die Schwester die inkriminierte Behandlung vom Bruder verlangt hatte, was diese als Zeugin bestätigte.
Ein Polizist, der damals im Einsatz war, schilderte die Situation weit dramatischer, als es der Angeklagte getan hatte. Beim Eintreffen der Beamten habe der Vater die Tochter, die einen Motorradhelm trug und mit dem Kopf herumschlug, auf dem Bett fixiert. Das Opfer, das im Zustand einer “tobenden Psychose” gewesen sei, habe gesagt, Vater und Bruder hätten es in der Nacht auch gewürgt – das sei aber so in Ordnung gewesen, weil Gott es befohlen habe. Den Beamten sei von den Anwesenden ausgerichtet worden, dass Gott sie für ihr “unhöfliches Verhalten” bestrafen würde.
S E R V I C E – In Österreich finden Frauen, die Gewalt erleben, u.a. Hilfe und Informationen bei der Frauen-Helpline unter: 0800-222-555, ; beim Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) unter ; beim Gewaltschutzzentrum Kärnten: und 0463 590 290; beim Frauenreferat Kärnten: frauen.ktn.gv.at/service/gewaltschutz und 050 536 33052 sowie beim 24-Stunden Frauennotruf: 01-71719; Polizei-Notruf: 133
S E R V I C E – Sie sind in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums. Unter finden sich Kontaktdaten von Hilfseinrichtungen in Österreich. Der Telefonseelsorge-Notruf ist rund um die Uhr und kostenfrei unter 142 zu erreichen. Infos für Jugendliche gibt es unter