neunerhaus-Chefin wegen steigender Obdachlosenzahlen besorgt

Das kürzlich im Nationalrat beschlossene Doppelbudget beinhaltet bekanntlich Einschnitte in vielen Bereichen. Einsparungsmaßnahmen treffen auch die Wohnungslosenhilfe. Dass die Zahl der registrierten wohnungs- und obdachlosen Menschen das dritte Jahr in Folge steigt, “ist ein wirklich großer Grund zur Besorgnis”, mahnt neunerhaus-Chefin Elisabeth Hammer im APA-Interview. Vor der nächsten Hitzewelle warnt sie besonders, nicht auf vulnerable Gruppen zu vergessen.
Die Wohnkosten steigen – insbesondere in den niedrigen Mietsegmenten – höher als die Einkommen. Gleichzeitig steigt die Zahl der befristeten Mietverträge, die laut Hammer immer ein Risiko mit sich bringen. “Allein vor diesem Hintergrund müssen wir damit rechnen, dass die Zahl wohnungs- und obdachloser Menschen weiter ansteigt”, so ihre düstere Prognose.
Sie vermisst eine Analyse, wer von den Einsparungen, um das Budget zu sanieren, am stärksten betroffen ist. “Ich glaube, dass es eigentlich auch demokratiepolitisch geboten ist, da mehr Information zu haben, wie die Summe der einzelnen Einsparungen sich auswirkt auf reiche Menschen, auf den Mittelstand und auf Menschen mit niedrigen Einkommen.” In ihrem eigenen Haus jedenfalls halten die öffentlichen Förderungen nicht mit den Lohnanpassungen mit, was das neunerhaus vor finanzielle Herausforderungen stelle. Die Menschen, die sich Hilfe suchen, hätten auch immer komplexere Problemlagen, was längere Beratungen erfordere. “Meine Grundhaltung ist: Halb geholfen ist schlecht geholfen. Wir können in unseren Qualitäten nicht zurückgehen, wenn wir wollen, dass wir nachhaltig und wirksam helfen.”
“Wir sehen einen Klimawandel im Sozialen”
“Ein großer Erfolg” sei die Wohnungsvergabe neu in Wien und die Verlängerung des Wohnschirms, der auch von den Landesverwaltungen sehr geschätzt werde. “Der Wohnschirm kann aber nur so effektiv sein, wie es Wohnpolitik insgesamt und die Entwicklung der Einkommen hergeben.” Vor allem brauche es dringend Maßnahmen, dass die Wohnkosten für Menschen mit niedrigem Einkommen nicht weiter steigen. Aber auch eine “armutsfeste Mindestsicherung” sei ein wesentlicher Teil.
Insbesondere die Diskussion über die Sozialhilfe habe Hammer in den letzten Monaten schockiert. “Ich glaube, dass die Politik da populistische Meter macht auf dem Rücken von Menschen, die Hilfe brauchen.” Auch empfinde sie “diese reine Berichterstattung rund ums Thema Sozialhilfe ohne eine Reform, die am Tisch liegt, eigentlich als eine Entsolidarisierungskampagne ohne Ende.” Ressentiments gegenüber Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, würden stärker werden: “Wir sehen einen Klimawandel im Sozialen, aber hoffentlich noch lange keine Klimakrise”. Zentral sei es, “Wendepunkte” im Leben von Armutsbetroffenen zu schaffen, damit diese wieder auf eigenen Beinen stehen können, und nicht bloß “die Verwaltung von Armut und Elend.”
Von der Bundesregierung fordert der Dachverband der Wohnungslosenhilfe (BAWO), als deren Obfrau Hammer fungiert, eine ressortübergreifende Strategie zur Bekämpfung von Wohnungslosigkeit, die auch die Situation von Frauen, jungen Erwachsenen und Menschen mit psychischen Problemen berücksichtigt. Insbesondere die roten Ministerien Wohnen (Andreas Babler) und Soziales (Korinna Schumann) seien hier gefordert. Man sei hier in gutem Kontakt mit den Ministerien, aber auch den Ländern. “Die Bereitschaft ist bei allen da, aber es braucht eine höhere Priorisierung dieses Anliegens und eine Zurverfügungstellung der notwendigen Ressourcen.”
Hitze besondere Belastung
Eine besondere Belastung stellen für Menschen ohne Wohnung Hitzewellen wie Ende Juni dar. “Menschen mit einer größeren Brieftasche können sich besser vor Hitze schützen”, und etwa in gekühlte Lokale gehen. Schnell brauche es möglichst viele kühle Zonen ohne Konsumpflicht, damit Menschen, die in beengten Wohnverhältnissen oder auf der Straße leben, sich schützen können. “Und natürlich muss man auch sagen, Hitze ist ein gesundheitliches Problem. Bei wohnungslosen Personen sehen wir, dass sich chronische Wunden und Entzündungen verschlechtern.”
Während Kälte längst als Bedrohung wahrgenommen wird, hinkt das Bewusstsein für die Gefahr durch Höchsttemperaturen weit hinterher. “Ich glaube, dass dieses gesellschaftliche Umdenken zu dem Bedrohungspotenzial von Hitze noch nicht in der Breite angekommen ist und auch nicht bei den politisch Verantwortlichen angekommen ist.” Die Probleme, die alle in einem unterschiedlichen Ausmaß treffen, fokussieren sich besonders auf wohnungs- und obdachlose Menschen. “Wenn wir es schaffen würden, eine gute Vorsorge zu treffen für obdachlose Menschen im Zusammenhang mit der Hitze, glaube ich nicht nur, dass obdachlosen Menschen geholfen ist, sondern dann hat sich auch für andere Zielgruppen was verbessert.”